Zwölf Tore zur Welt

Was die Sinne an Welt eröffnen, spannt sich von der Leiberfahrung bis zur Wahrnehmung des anderen Ich. Für die Pädagogik zählt, dass die körperbezogenen Sinne jeweils charakteristische Lebensgefühle vermitteln.

Als in Oslo im vergangenen Sommer so viele junge Menschen durch ein Attentat starben, kamen tausende Trauernde in der Stadt zusammen und begegneten sich in einer so friedvollen Weise, dass für einen Augenblick das zukünftige Allgemein-Menschliche auflebte, das jede enge Grenze der einzelnen Weltanschauung überwindet. Ein norwegisch-irakisch-muslimisch Schriftsteller, Walid Al-Kubaisi, schrieb: «Ich bin ein Moslem, aber nicht nur ein muslimischer Araber, ich bin auch ein Christ, weil ich das Gefühl habe, dass die Wahrheit sich im Menschen verkörpert. Ich bin ein Jude, weil ich glaube, dass ich ein individuell Auserwählter bin, ich bin französisch, weil ich Voltaire liebe, norwegisch, weil Wergeland mich jeden Tag inspiriert ....» Dieses Viele im Einen kommt nirgend so rein in Erscheinung, wie in dem Konzert der zwölf Sinne des Menschen. Dabei ist die Kindheit ein einziges Fest der Sinne und die Nachahmung ihr fortwährender Quell.

Joachim Bauer beschreibt in ‹Lob der Schule› die Forschung über die Spiegelneuronen: «Mitte der 90er Jahre konnte ein ... neurobiologisches System nachgewiesen werden, dessen einziger Zweck darin besteht, beobachtetes Verhalten anderer Menschen zu simulieren, also auf eine stumme Art „nachzuspielen“. Alles, was uns andere vormachen oder zeigen, wird ... leise nachgeahmt.»

Diese Hingabe an den Umkreis beim kleinen Kind können wir in verschiedenen Situationen beobachten: Zwei Brüder, 6˚ und 4 Jahre, betreten ein fremdes Kinderzimmer. Der ältere sieht in der Ecke einen Kinderbogen und Pfeile stehen. Er ergreift den Bogen, legt wie ein Kenner einen Pfeil ein und schießt. – Der Propfen-Pfeil zittert an der Scheibe. - Voller Hingabe hat der kleine Bruder alles wahrgenommen. Nun nimmt er den Bogen, hält ihn aber an der Sehne fest, so dass alles sich um seine Hand hin und her dreht.

Mit der anderen Hand hält er alles fest, muss aber nun auch noch den Pfeil halten. Schließlich steht er gespannt, wie sein Bruder vorher, und hält alles in Richtung Scheibe. Dann merkt er, dass der Abschluss, bzw. der Abschuss fehlt – und schließlich wirft er den Pfeil ruckartig an die Scheibe. -Dieses ist ein Beispiel für Nachahmung, aber es ist nicht nur die Frage, was, sondern auch wer nachgeahmt wird. In jeder Nacht trifft das Kind von höherer Warte aus eine Auswahl. Hier ist es der ältere Bruder, den der jüngere bis in jede Geste hinein nachahmen will. Im Kindergarten und Schule bringen die Kinder diesen tiefen Wunsch ihren Erziehern entgegen. Das ist der Schicksals, der Karma-Aspekt der Nachahmung.

Der Tastsinn

Indem der Tastsinn uns an die Grenze von Leib und Welt bringt, bewirkt er im selben Augenblick, dass wir selbst uns als Mensch in unserem Leib wahrnehmen. Hierin liegt der rätselhafte Doppelaspekt des Tastsinns: Indem wir an der Sinnesgrenze des Leibes Außen die Welt in ihrer Wesenheit wahrnehmen, erleben wir uns von innen als Selbst im Leib.

Wir kennen Erlebnisse aus der Kindheit, welche diese Doppelheit beschreiben: Zwei Kinder sind spät abends allein in einem Landhaus, die Eltern sind ausgegangen. Der ältere Bruder fragt den jüngeren, ob er Angst habe. Der jüngere kann nur antworten, dass er keine Angst habe. Und dann schläft der ältere Bruder ein und überlässt damit den jüngeren seinem Schicksal. Dieser weiß plötzlich ganz genau, dass er erst einschlafen wird, wenn er ganz

sicher ist, dass weit unten im Haus die Eingangstür wirklich verschlossen ist. Und so macht er sich auf den Weg, leise im Dunkeln tastend über hohe Bodenwege, rauhe, knarrendeTreppen, kalte Stein-Fußböden, warme Holzböden und verschiedene Schwellen.

Die Hände tasten Geländer, Griffe, Kanten ... Bevor er das Ziel der großen Eingangstür erreicht, erlebt er sich in dieser Odyssee der Dunkelheit durch das intensive Tasten innerlich gestärkt und sicher in diesem Haus (und im eigenen Leibeshaus). Die Angst hat sich im Erleben des Tastens in ein sicheres Ich-Gefühl verwandelt. Als er doch die Tür erreicht, ist sie verschlossen. Er kehrt leise zurück und schläft ruhig ein. -

Dem anderen Ich gegenüberstehen

Jeder höhere Sinn ist interessanterweise mit einem Basalsinn verbunden: Ein stark ausgebildeter Tastsinn entwickelt im Menschen das tiefe Erleben von Sicherheit. Polar zum Tastsinn entwickeln wir als höheren Sinn die Fähigkeit das Ich des anderen Menschen unmittelbar wahrzunehmen. Ich selbst erlebe mich an den Grenzen des Tastsinns als Ich von innen, - mit dem Ich-Sinn erlebe ich das Ich des anderen Menschen von außen. Das Organ Tastsinns ist über die äußere Haut des Menschen verteilt, - das Organ des Ich-Sinns besteht in der Gestalt des Menschen selbst. So ist es zu verstehen, dass es für eine ichhafte Begegnung mit einem anderen Menschen oft wichtig ist, diesem Menschen aufrecht gegenüber zu treten. Erleben wir in der Pädagogik, dass ein Kind Ängste hat oder wenig Selbstvertrauen, so ist es eine Hilfe, intensiv mit dem Tastsinn zu arbeiten. Ängstliche Kinder finden durch die Berührung und Arbeit mit Erde, Steinen, Ton oder Holz Selbstvertrauen.

Lebenssinn

Am frühen Morgen können wir manchmal einen zweiten Basalsinn beobachten: Bemerken wir beim Aufwachen, dass irgendwo in unserem Leib etwas nicht stimmt, so sagt uns dieser Sinn augenblicklich, wo sich ein Druck oder Schmerz befindet und wie wir diesen empfinden. Dieser ‹Lebens-Sinn› oder ‹Wohlfühl-Sinn› nimmt den ganzen Menschen wahr und zeigt, wenn etwas mit den Lebenskräften nicht stimmt. Als Erzieher versuchen wir, den Kindern immer wieder Augenblicke des Wohlgefühls und der gesunden Harmonie zu ermöglichen.

Unbewusst macht das Ich des Menschen im Leib durch den Lebens-Sinn die Erfahrung, dass es ein Organismus ist: Ich erlebe mich als Einheit, als Ganzheit. Und diese Einheit zu sein erlebe ich als Wohlgefühl. Gelingt es uns als Eltern, Erzieher und Lehrer, dem Kind zu helfen, diese Identität mit dem eigenen Leib aufzubauen und zu stärken, verwandelt sich das leibliche Erleben des Lebens-Sinnes in die höhere Fähigkeit des Gedanken-Sinnes.

Bei der letzten Tagung der Förderlehrer zum Thema zeigten sich diese aufbauenden Stufen zwischen Lebens-Sinn und Gedankensinn klar: Die Qualität einzelner Rechenoperationen können von den Kindern gedanklich erst dann wirklich erfasst werden, wenn in der Leibes-Erfahrung durch den Lebens-Sinns zuvor die Erfahrung der inneren Einheit durchlebt wurde.

Im Vortrag vom 2.9.1916 beschreibt Rudolf Steiner die 4 Basal- oder Willenssinne in ihrer Wahrnehmung ‹von innen› als Grundlage für die Entwicklung der höheren Sinne in ihrer Wahrnehmung ‹von außen›. Jedem Basalsinn ist auf diese Weise ein höherer Sinn zugeordnet: In dieser Überschau zeigt sich die pädagogische und biographische Wirkung der zwölf Sinne auf das Verhältnis von Ich und Leib. Je reicher die Erfahrung der leiblichen Basalsinne in der Kleinkind-Zeit und im Kindergarten, desto freier und stärker kann das Ich aus dieser Quelle neue seelische Fähigkeiten entwickeln:

Die Lebenssicherheit in der Tast-Erfahrung verwandelt sich in die Fähigkeit, das Ich des andern Menschen wahrzunehmen. Die Erfahrung der Identität mit der Einheit des leiblichen Organismus im Lebens-Sinn wird zur Fähigkeit Gedanken wahrzunehmen. Die innere Wahrnehmung der Bewegung und Tätigkeit im „Eigenbewegungssinn“ wird zur Fähigkeit, den Strom der Sprache wahrzunehmen. Die Freude an der äußeren Bewegung kann zur Freude werden, sich in der Sprache zu bewegen. Der Gleichgewichtssinn ist bis ins Physische des Ohres mit dem Hörsinn verbunden. Wie beide Sinne in ihrer Qualität die Geste des Sich-ganz-dem-Umkreis-Hingebens enthalten, ist zu beobachten, wenn ein Kind sich im Balancieren den ausgleichenden Bewegungen hingibt.

Das Konzert der Sinne

Sind kleine Kinder nach langer Wanderung oder einem lang andauernden Laufspiel erschöpft, so verwandelt sich die Unruhe und Erschöpfung, wenn die Gruppe in der wärmenden Sonne sitzt, das mitgebrachte Essen verspeist und vielleicht noch einem vorbeiziehenden Vogelschwarm nachschaut. Nach jeder Herausforderung, vor jedem neuen Schritt im Lernen, ist es von entscheidender Bedeutung, ob es gelingt, ein neues Gleichgewicht zwischen den nach außen gerichteten Erkenntnissinnen und der inneren Erfahrung des jeweiligen Willens-oder Leibessinnes herzustellen:

Diese Kraft des Wieder-In-Die-Mitte-Finden-Könnens beschreibt Rudolf Steiner mit folgenden Worten: «Wir sehen da, wie es schon notwendig ist, das Augenmerk zu richten auf jenen Gleichgewichtszustand, der das Wesentliche, das Bedeutungsvolle ist. …. In der Mitte beim Wärme-, Seh-, Geschmacks- und Geruchs-Sinn haben wir gewissermaßen eine Art Hypomochlion, wie es die Waage hat in der Mitte, wo sie ruht. Je mehr man gegen die Mitte kommt, desto mehr bleibt der Waagebalken ruhig.» (GA 170, 2.9.1916)

Von größter Bedeutung ist, dass wir nie einen Sinn allein erleben. Fördern wir als Erzieher das vielseitige Erleben der Sinne, regen wir die Kinder an, immer wieder die Verschiedenheit der einzelnen Sinne zu verbinden. Sieht ein Kind zum Beispiel einen Baum, so sieht es nur einen Teil des Baumes als Farbe und Form durch den Sehsinn. Dass dieser Baum als wirkliches Wesen vor dem Kind steht, das erlebt es innerlich durch den Gleichgewichts-Sinn, der in der Tiefe der Wahrnehmung wirkt. Aus seinem Ich heraus schließt das Kind diese Ebenen zu einer Gesamtwahrnehmung zusammen. das macht die menschliche Wahrnehmung aus.

Claus-Peter Röh

Claus-Peter Röh ist Leiter der Pädagogischen Sektion, gemeinsam mit FlotianOsswald.

Quelle: Das Goetheanum – Wochenschrift für Anthroposophie, Nr. 25, v. 23.6.12