Rassismus-Vorwurf gegen Anthroposophie

Einfache Antworten nicht in Sicht

In der öffentlichen Debatte um die Anthroposophie spielt der Vorwurf des Rassismus gegen ihren Begründer Rudolf Steiner immer wieder eine Rolle. Eine neue Studie untersucht nun erstmals chronologisch und werkimmanent Steiners über die Jahre schwankende Position zum Thema „Rassen“.

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Ansgar Martins

Die Diskussion über Steiners Äußerungen über „Rassen“ hat neben polemischen Anschuldigungen und apologetischen Entgegnungen bisher auch einige wissenschaftliche Untersuchungen hervorgebracht. Die im Frankfurter Info3-Verlag erschienene Studie „Rassismus und Geschichtsmetaphysik. Esoterischer Darwinismus und Freiheitsphilosophie bei Rudolf Steiner“ des jungen Autors Ansgar Martins verfolgt nun jedoch erstmals das Thema der „Rasse“ chronologisch durch Steiners gesamtes Werk hindurch.

Martins erläutert seine Ergebnisse wie folgt: Steiner habe im Vergleich zu Zeitgenossen, für die „Rasse“ und Abstammung entscheidende Faktoren waren, tatsächlich „eher auf der liberalen Seite“ gestanden und etwa in einem seiner Hauptwerke, der Philosophie der Freiheit, betont, dass „das Individuum niemals über „Gattungsmerkmale“ verstanden werden könne.“ Dennoch habe Steiner mit seiner Zuwendung zur Theosophie – 1902 wurde er Generalsekretär der deutschen Theosophischen Gesellschaft – auch deren Vorstellung einer kosmischen Evolution übernommen, die damals in Verbindung mit den weit verbreiteten Rassenstereotypen zum Bild von verschiedenen „Wurzelrassen“ führte, in denen sich die Menschheit als Ganze weiterentwickele. Anders als viele Anthroposophen, die Steiners Verwendung des Begriffs der „Wurzelrassen“ oftmals so deuten, dass er damit nur kulturelle Phasen gemeint habe, sieht Martins hier durchaus biologistische Aspekte im Vordergrund.

„Uns heute scheinen Individualismus und Rassismus unvereinbar, aber historisch ist das komplizierter“, betont Martins im Interview. „Es gibt hässlichen Antijudaismus bei Marx, rassistische Stereotype bei Kant, Hegel, sogar Hannah Arendt – und nicht zuletzt gibt es individualistische Töne als Teil völkischer Propaganda.“ Weder für die Anhänger noch für die Kritiker der Anthroposophie gebe es in dieser Hinsicht einfache Antworten: „Hier herrscht große Verwirrung, weil viele Anthroposophen meinen, der Autor einer Philosophie der Freiheit könne per se nicht rassistisch sein und viele Kritiker, der Rassist Steiner könne doch kein ‚echter‘ Individualist sein.“

Ansgar Martins (Jahrgang 1991) studiert Religionsphilosophie, Soziologie und Geschichte in Frankfurt am Main. Derzeit ist er Hilfswissenschaftlicher Mitarbeiter an der Martin-Buber-Professur für Jüdische Religionsphilosophie. Seit 2008 hat er zahlreiche Artikel zu den Themen Anthroposophie, Esoterik und Rassismus veröffentlicht, u.a. bloggt er unter http://waldorfblog.wordpress.com.

Medienstelle Anthroposophie

Ansgar Martins: Rassismus und Geschichtsmetaphysik. Esoterischer Darwinismus und Freiheitsphilosophie bei Rudolf Steiner. Info3-Verlag, Frankfurt am Main 2012. Kontext Band 13, 176 Seiten, kartoniert, EUR 14,80.