Unterwegs zuhause

Vom Wohnraum zur Wohnzeit

„Man reist ja nicht, um anzukommen, sondern um zu reisen.“ (Goethe 1977: 237) Mit diesem aphoristisch anmutenden Satz, den Johann Wolfgang Goethe im September 1788 seiner Freundin Caroline Herder mitteilt, ist eine doppelte Außergewöhnlichkeit angesprochen: Zwar ist zu Zeiten Goethes die Mobilität noch eher eingeschränkt, selbst der reisende Adel bewegt sich jedoch nicht „um zu reisen“, sondern „um anzukommen“ – um gesehen zu werden am anderen Hofe; heute ist Unterwegssein längst kein adeliges Privileg mehr, alltäglich zirkulieren Menschenmassen um den Globus – jedoch ebenfalls nicht „um zu reisen“, sondern als Arbeiter, Flüchtlinge, Urlauber mit fixen Start- und Zielpunkten.

Der elitären Besuchspflicht von einst sowie der permanenten Unrast heutigen Datums gegenüber ist Goethe ein „produktiver Reisender“ (Schenkel 2012: 30): Seine Eindrücke sind ihm eine wichtige Schaffensgrundlage, er recherchiert, skizziert, notiert, archiviert, reflektiert. Damit ist auch Goethe nicht bloß unterwegs „um zu reisen“, sondern „um anzukommen“ – in der Reise. Reisen aktiviert in höchstem Maße seine Gedanken, Gefühle und seinen Willen und ist ihm ein umfassender Kraftquell. Ist solcherart Unterwegssein heute noch möglich?

Raumfahrten

„Das Reisen mag“, so der Literaturwissenschaftler Elmar Schenkel, „die älteste Technik darstellen, die Lebenskräfte des Staunens zu erwecken, sozusagen die somatische Grundlage der Philosophie.“ (Schenkel 2012: 34) Für die reisende Erweckung des Staunens ist Goethe ein gutes Beispiel. Um entsprechend unterwegs zu sein, bedarf es vor allem eines: der Zeit. Diese besitzt Goethe noch, während sie gegenwärtig an allen Ecken und Enden fehlt. Sogar im Urlaub hetzen viele von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten und führen dabei die elektronischen Geräte aus, an die die Würde des Sehens längst delegiert wird.

Die eigene Zeitlosigkeit verbinden unzählige Raumfahrer zugleich mit einem Ressentiment: Dass Reisen respektive Staunen nicht mit einem Ortswechsel verbunden sein muss, gilt ihnen als ausgeschlossen. Nur wer seinen Ort verlässt, wird für beweglich und modern gehalten. Die Erkenntnis, dass ein Ortswechsel allein noch nichts an Reisequalität verbürgt, wird ebenso verdrängt wie sie selbstverständlich sein sollte.

Fremde

Zeitlosigkeit macht einen ort-, ja heimatlos – unabhängig davon, wo man sich gerade aufhält. Ist keine Zeit mehr für die Umgebung vorhanden, wird das Gewöhnliche und bleibt das Außergewöhnliche fremd. Der Augenblick glänzt durch Abwesenheit, als anwesend erweist sich das Unglück.

Andreas Laudert setzt dies in seinen „Bekenntnissen eines Nichtreisenden“ treffend ins Bild: „Als ich eine Bekannte nach einem längeren Studienaufenthalt in Chile vom Bahnhof abholte und wir durch die kleine deutsche Universitätsstadt bummelten, rief ich begeistert aus: Was für ein herrlicher blauer Himmel! Meine Bekannte lächelte ein mich tief verletzendes versonnenes Lächeln und meinte, ich müsse einmal den Himmel in – dann nannte sie den Namen eines Ortes, den ich nicht kannte – gesehen haben, das sei Bläue. Meine Bekannte glaubte, sie besäße die Deutungshoheit für das Glück. Sie merkte nicht, dass sie Schönheit gegen Schönheit ausspielte und die Gegenwart versäumte.“ (Laudert 2003: 77)

Zeitreisen

Was bleibt, wenn einen weder gewöhnliche noch außergewöhnliche Orte beheimaten können? Es bleibt in einer neonomadischen Gesellschaft nichts anderes, als nach Wohnungen jenseits des Raumes zu suchen. Denn „die Art, wie du bist und ich bin, die Weise, nach der wir Menschen auf der Erde sind, ist das Wohnen. Mensch sein heißt: als Sterblicher auf der Erde sein, heißt: Wohnen.“ (Heidegger 2000: 35)

Martin Heidegger verleiht dem Wohnen des Menschen auf Erden existentiellen Gehalt, wobei laut Heidegger „die eigentliche Not des Wohnens nicht erst im Fehlen von Wohnungen besteht. Die eigentliche Not des Wohnens besteht darin, dass die Sterblichen das Wesen des Wohnens immer erst wieder suchen, dass sie das Wohnen erst lernen müssen.“ (Heidegger 2000: 48f.)

Goethe lernt das Wohnen reisend. Er ist unterwegs „um zu reisen“, kommt dabei aber in der Gegenwart des Reisens an. So beheimatet er sich in einer nächsten Dimension: der Zeit. Heute, da immer mehr Menschen immer häufiger von Ort zu Ort ziehen, gilt es, ein Wohnen in der Zeit zu lernen, ohne welches Wohnen überhaupt unmöglich erscheint. Denn nur, wer unterwegs zuhause ist, dem kann auch jeder Ort wieder vertraut und Wohnung werden – im Augenblick.

Philip Kovce

Literaturangaben:

Goethe, Johann Wolfgang: Begegnungen und Gespräche, Bd. 3, hrsg. v. Renate Grumach, Berlin/New York 1977.

Heidegger, Martin: Bauen Wohnen Denken, in: Führ, Eduard (Hrsg.): Bauen und Wohnen, Münster 2000, S. 31-49.

Laudert, Andreas: Ich war noch niemals in New York! Bekenntnisse eines Nichtreisenden, in: Die Zeit, Nr. 37/2003, S. 77.

Schenkel, Elmar: Vom Rausch der Reise, Basel 2012.

Philip Kovce studiert an der Universität Witten/Herdecke, forscht am Philosophicum in Basel und schreibt u.a. für die Süddeutsche Zeitung.

Quelle: Das Goetheanum. Wochenschrift für Anthroposophie Nr. 32/33, 11.8.2012