Kreistanzen kann man nicht alleine

Die Bochumer Tanzpädagogin Conny Foell im Gespräch über ihre Arbeit und die unbändige Freude am Tanzen in der Gruppe. Das Interview führte Stefanie Goertz.

Was ist Kreistanz?

Beim Kreistanz verbinden sich Menschen miteinander zu unterschiedlicher Musik mit verschiedenen Schrittfolgen. Sie bilden einen Kreis, in dem alle gleich sind.

Ganz grundsätzlich möchte ich den Menschen mit dieser Art des Tanzes und der Bewegung Freude bringen, deshalb heißt meine kleine Firma auch Freudentanz.

Ich komme zum ersten Mal zum Kreistanz, was erlebe ich da?

Es wird gar nicht erst geredet, sondern die Musik läuft, ich führe eine Schlange an und Du reihst dich ein, denn Du kannst gar nicht anders. Ich tanze ein paar kleine Tore, plötzlich sind wir alle im Kreis, gehen rein und raus und lachen, weil es so einfach ist. Es muss niemand denken „Oh Gott, ich muss irgendwelche Schritte kennen, hoffentlich kann ich das überhaupt.“ Ich beginne einfach, und bei allen geht ganz schnell die Hemmung verloren, nicht perfekt genug zu sein. Die Musik ist mitreißend, mal meditativ, mal feuriger. Ich arbeite zu unterschiedlichen Themen. Zum Beispiel zu den Jahreszeiten: Im Frühjahr kann man viel erklären zum Thema Geburt und Wachstum, im Sommer folgen Tänze über das Reifen, über Begegnungen, Liebe, im Herbst steht die Ernte an, der Kreislauf von Geben und Nehmen, und im Winter werden dann Themen wie Verblühen, Abschied, Tod oder Dunkelheit betrachtet.

Es gibt zu allen Lebensthemen einen unerschöpflichen Reichtum an wunderbaren Tänzen!

Was fasziniert Dich an deiner Arbeit?

Als Heiltanzpädagogin achte ich natürlich darauf, den Körper auf vielerlei Art zu bewegen, aber ebenso wichtig sind mir die seelischen Prozesse. Daher habe ich mich klar auf den Kreistanz spezialisiert. Denn das ist für mich eine Form, die viel zu wenig praktiziert wird. Auf dem Markt der Bewegungstherapien gibt es unzählige Angebote, die Menschen alleine machen, ganz auf sich selbst konzentriert. Beim Kreistanz fasziniert mich das verbindende Element. Rechts und links fühle ich haltende, stützende Hände und ich gehe Schritte, die die anderen auch gehen. Das kann bei vielen Lebenskrisen und Lebensübergängen, bei denen wir ja oft in ein großes Loch fallen, sehr heilsam sein.

Inzwischen werde ich auch häufig eingeladen, auf Hochzeiten oder Geburtstagen zu tanzen, ich war auch schon bei einer Beerdigung damit eingeladen. Nachdem wir miteinander getanzt haben – und wenn es nur ganz einfache Schritte waren, aber alle haben sich mal angefasst und sich in die Augen gesehen – geschieht bei all diesen Feiern ein geheimer Zauber, den ich nicht beschreiben kann, aber plötzlich ist das Fest ein anderes geworden, inniger, verbundener.

In einer Zeit großer Individualisierung ist Dir das verbindende Element also besonders wichtig?

Ja, aber ich möchte das nicht als Gleichmacherei verstanden wissen. Die einzelnen Menschen, die bei mir tanzen, haben jeweils ihren eigenen Ausdruck – auch wenn sie die gleichen Bewegungen machen. Da ändere ich auch gar nichts dran. Es geht überhaupt nicht um absolut synchrone Bewegungen wie in einem Folkloreensemble oder beim Ballett.

Du bietest Kreistanz auch als Fortbildung an. Für wen ist das sinnvoll?

Die einjährige Fortbildung besteht aus sechs Modulen, die jeweils ein Wochenende dauern, am Ende erhalten die TeilnehmernInnen ein Zertifikat. Viele kommen aus dem therapeutischen und pädagogischen Bereich. Ich bilde ErzieherInnen aus, YogalehrerInnen, Menschen, die mit Senioren, in der Reha oder in der Prophylaxe arbeiten, aber es kommen auch TheologInnen - das Spektrum ist sehr breit. Viele wollen Kreistänze als zusätzliches Element in ihrer Arbeit mit Menschen nutzen, denn ohne Worte hat man sehr schnell eine Gruppe miteinander verbunden. Das Tolle ist, dass vom Kreistanz jeder ohne Vorkenntnisse sofort profitieren kann. Er hilft den Menschen, Dinge zu klären und sich zu strukturieren. Die Bewegung wirkt als heilendes Element ohne, dass das konkret ausgesprochen wird.

Auch die Medizin entdeckt zunehmend den Kreistanz für sich. Forschungen zeigen, dass die Durchblutung angeregt wird, Muskeln und Gelenke gestärkt werden und es zu erhöhten Endorphin-Ausschüttungen kommt. Im Gehirn werden, zum Beispiel durch die Kreuzschritte, viele neue Verbindungen geschaffen. Auch bei Krankheiten wie Demenz und Parkinson zeigt die Verbindung von Musik, Bewegung und Freude eine große Wirkung. Gerade habe ich einen Workshop während der Sommerakademie „Integrative Medizin“ an der Uni Witten-Herdecke gegeben. Auch in Rehakliniken werden zunehmend Kreistänze eingesetzt, da sie den Patienten wieder Mut zur Bewegung machen und Lebensfreude geben

Große Erfolge gibt es auch in der Arbeit mit Kindern, besonders dort, wo viele Sprachbarrieren bestehen.

Wo auf der Welt gibt es eigentlich überall Kreistänze?

Ich wüsste nicht, wo nicht im Kreis getanzt wird. Auch deshalb wird es mir nie langweilig, es gibt in den einzelnen Kulturen noch so viel zu erforschen. Die traditionellen Tänze etwa im südosteuropäischen Raum sind Jahrtausende alt. Was sind das für Symbole, wo kommen die her, warum haben die Menschen miteinander getanzt? Musik und Tanz sind ja die ältesten Kulturgüter, die es überhaupt gibt.

Kannst Du abschließend eine Art Credo Deiner Arbeit formulieren?

Wenn das Europaparlament seine Sitzungen morgens mit einem Kreistanz beginnen würde, dann wäre ich glücklich – die haben den Kreis ja als Symbol schon in der Flagge – es muss nur noch umgesetzt werden!

Conny Foell, geb.1953, Diplom-Sozialwissenschaftlerin und Heiltanzpädagogin, bietet seit 2004 als Lehrkraft für Kreistanz Kurse, Tanzreisen und Fortbildungsseminare an.