Wann weiß man, wann ein Dalladalla voll ist?

Eine Busfahrt zur Hekima Waldorf School in Tansania

Heute verlasse ich das Haus schon um fünf Uhr. Im Nieselregen laufe ich in Richtung Bushaltestelle Tangi Bovu. Es ist heiß und die Luft ist zentnerschwer vor Luftfeuchtigkeit. Aber die Frösche jubilieren und singen im Chor mit dem Muezzin, der heute so müde klingt wie ich mich fühle.

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Schlange stehen nach der Schule, um nach Hause zu fahren.

Schon um diese Uhrzeit ist der Verkehr zähfließend, aber in einer Stunde würde man nur noch im Schneckentempo vorankommen. Driver Ima sammelt mich mit unserem gelben Schulbus ein. Im Bus ist Benela, Imas Frau und sein Sohn Abduli. Benela ist der „Conda“, er öffnet die Tür und passt auf die Kinder auf. Wir fahren an Frauen vorbei mit Körben oder Eimern auf dem Kopf. Sie gehen wohl auf den Markt, um ihre Ware anzubieten.

Um halb sechs sind wir in Mwenge, einem großen Busstop an dem tagsüber sehr viel Trubel ist, aber jetzt scheinen all die Händler noch zu schlafen. Auch Abduli ist in seinem Sitz eingenickt. Wir fahren zur Universität und auf einer Holperstrasse bis zu einem schwarzen Tor. Hier hupt Ima. Abduli schreckt hoch und verzieht sich schläfrig auf die Rückbank, um sich dort hinzulegen. Wir warten auf Anni, die mit ihren Schuhen unterm Arm angerannt kommt. Zwanzig Minuten später sind wir wieder auf der Hauptstrasse und fahren in Richtung Sinza. Um viertel nach sechs wird es hell, und wir fahren kreuz und quer durch Sinza und sammeln Kinder ein: Najma, Lewis, David... Die kleinen Läden stellen ihre Ware an die Straße und an den Straßenrändern flackern jetzt die Feuer und heißes Öl blubbert und backt die Mandazis aus. Die Frauen rollen Chapatis flach und schenken süßen Tee aus. Nach dem Regen ist es heute mal nicht so staubig!

Wir holen Kisali, Maureen, Sabina. Abduli ist jetzt wieder wach und plappert fröhlich mit seinen Freunden. Maureen neben mir seufzt laut und sagt: oh, I’m sooo sleepy. Es ist sieben Uhr, die Stadt ist jetzt wach und der Verkehr ist fürchterlich. Zum Glück fahren wir nicht in die Stadt sondern aus der Stadt heraus. Zwanzig nach sieben und wir warten auf Teacher Edward und Teacher Steven. Die nächsten sind Mkindi, Hausbert, Karl, Joshua. Der Bus ist jetzt voll, drei Kinder teilen sich zwei Sitze und es wird ziemlich lebhaft im Bus. Ich lasse Hausbert auf meinem Platz sitzen und stehe.

Um acht fängt es wieder an zu regnen. Die Kinder jammern, es sei kalt, das kann ich kaum glauben. Wir sind auf dem Weg nach Tegeta und sind schon spät dran. Ich fühle mich wie Maureen: soooo sleepy.

Auf dem Weg nach Mbezi stecken wir im Stau fest.

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Ein neuer Schulbus! Jetzt haben die Kinder viel mehr Platz, weil ein weiterer Bus für einen sicheren Transport sorgt.

Benela setzt sich auf das Treppchen und lehnt seinen Kopf an die Tür. Ich denke mir, wie müde er sein muss, wenn er jeden Tag diesen Trip vor und nach der Arbeit mitmacht. Aber noch müder muss Abduli sein und die anderen Kinder, die schon seit Stunden unterwegs sind. Ich schaue mich um, manche Kinder sind wieder eingeschlafen, aber niemand meckert oder jammert, im Gegenteil, die Kinder schnattern fröhlich.

Ich bin jetzt auch schon an den Dar es Salaam Verkehr gewöhnt und ich stehe jeden Tag in mehr als übervollen Dalladallas, wo man eingequetscht sich keinen Zentimeter rühren kann. Manchmal findet man nicht mal Platz für beide Füße, aber man braucht sich keine Sorgen machen umzufallen, man steckt fest zwischen so vielen Menschen. Man sagt hier: ein Dalladalla ist niemals voll, es ist ja kein Eimer mit Wasser, der überlaufen würde. Man kann immer noch einen reinquetschen! Oder: wann weiß man, wann ein Dalladalla voll ist? - Wenn keiner mehr draußen steht. Oder: wie viele Leute passen in einen Dalladalla? Immer einer mehr.

Das was jetzt kommt schockt mich also nicht mehr, aber es ist trotzdem stressig und ermüdend.

Wir sind am Treffpunkt angelangt, wo die anderen beiden Busse schon auf uns warten. Jetzt müssen wir die Kindergartenkinder in den kleinen Bus und die Schulkinder auf die zwei großen Busse verteilen. Wären unsere Busse ein Eimer mit Wasser, sie wären längst übergelaufen... Ich zähle 26 Sitze und ca. 50 (ich bin mir nicht sicher ob ich alle sehe) Schüler plus Lehrer. Von hier fahren wir nach Goba, ca. 15 Minuten von hier. Vor der Schule schütten die zwei Busse über 100 Leute aus.

Wir holen alle Luft!

Nach der Schule müssen sie ja das ganze Prozedere noch mal mitmachen und nicht nur Abduli verbringt mehr Zeit im Bus, als er Zeit hat zum Spielen.

Die Hekima Waldorf School ist eine wunderbare Schule und ist erst vor ein paar Wochen ENDLICH in ihr eigenes Schulgebäude umgezogen. Es ist sehr schön dort oben mit frischer Luft, Palmen und Schmetterlingen! Ich wäre gerne noch mal Kind und würde dann gerne auf diese Schule gehen, d.h. wenn ich nicht mit dem Schulbus fahren müsste!

Mit Hilfe von Freunden aus Europa, die Schulgelder zahlen, besuchen auch die ärmsten Kinder aus Dar es Salaam diese Schule und Eltern, die eine gute Alternative zu Staatsschulen suchen, schicken ihre Kinder nach Hekima! Die Schule hat große Zukunftspläne aber im Moment müssen wir erst einmal dafür Sorgen, dass wir die Kinder sicher zur Schule bringen können!

Kürzlich haben wir mit großer Hilfe unserer Freiwilligen, vieler Unterstützer aus Deutschland und dem Verein Freunde der Erziehungskunst einen neuen Schulbus gekauft.

Mit dem neuen Bus können die Kinder auf vier Busse verteilt werden und die Strecken, die jeder abfahren muss, sind viel kürzer geworden. Wir haben einen tollen Bus gefunden mit 45 Sitzplätzen. Damit wäre diese Sorge vorerst vorbei. Wir sind überglücklich!

Julia Eisele

Julia Eisele, unterstützt die Hekima Waldorf School in Dar es Salaam beim Aufbau des neuen Schulgebäudes.

Quelle: Rundbrief – Frühjahr 2012, Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners

© Fotos: Freunde der Erziehungskunst