Wie wirkt Anthroposophie?

Was ist Anthroposophie? Was ist eine „anthroposophische“ Einrichtung? Antworten auf beide Fragen werden immer schwieriger. Denn Anthroposophie kann heute nicht einfach mit dem Werk Rudolf Steiners identisch sein – dann hätte sie in fast hundert Jahren keine Entwicklung durchgemacht, wäre also einfach historisch. Das kann aber von einem lebendigen Organismus nicht gelten. Andererseits differenziert sich Anthroposophie so vielfältig, wie sie von individuellen Menschen vertreten wird.

Eine anthroposophische Einrichtung ist nicht dadurch charakterisiert, dass in ihr Anthroposophen arbeiten. Denn wenn sich schon kaum sagen lässt, was Anthroposophie ist, dann ist noch schwieriger auszumachen, was ein Anthroposoph ist. Es gibt viele Menschen, die sich im Werk Rudolf Steiners auskennen, die man dennoch nicht als Anthroposophen gelten lassen kann, weil sie beispielsweise zu wenig geistige Selbstverantwortlichkeit ausgebildet haben. Eine anthroposophische Einrichtung kann aber auch keine Institution sein, in der Anthroposophie „praktisch“ umgesetzt wird oder anthroposophische Methoden „angewendet“ werden. Beispielsweise kann in heilpädagogischen Einrichtungen nicht der Heilpädagogische Kurs Rudolf Steiners „angewendet“ werden.

Denn der Inhalt des Heilpädagogischen Kurses ist eine bestimmte menschliche und geistige Haltung, an deren individueller Ausbildung man arbeiten, die man aber nicht „umsetzen“ kann. Sie setzt sich vielmehr von selbst um, wenn Menschen, die an ihr arbeiten, mit entsprechenden pädagogischen oder therapeutischen Handlungssituationen konfrontiert werden: aber nicht als praktische Anwendung des geistigen Hintergrundes, auch nicht durch Nachahmung der von Rudolf Steiner angeführten Fallbeispiele - sondern durch Bemerken, Empfinden und Geistesgegenwart.

„Anthroposophie ist ein Erkenntnisweg“, so formuliert Rudolf Steiner im ersten Anthroposophischen Leitsatz. Weiter heißt es dann: „Sie tritt als Herzens- und Gefühlsbedürfnis auf.“

Wie kommen Erkenntnis, Herz, Gefühl und sogar Bedürfnis zusammen?

Das ist die entscheidende Fragestellung und innere Orientierung, wenn man verstehen will, was Anthroposophie ist. Es kommt darauf an, welche Erfahrung ich mit der Beziehung von Erkenntnis und Herz, Denken und Gefühl mache. Beispielsweise dürfen beide Seiten nicht einfach identifiziert werden; sie dürfen aber auch nicht auseinander fallen oder unverbunden parallel laufen.

Es besteht da vielmehr ein produktives inneres Spannungsverhältnis, das sich dauernd weiter entwickelt, wenn ich einmal dafür aufgewacht bin. Das Bewusstsein dieser sich entwickelnden inneren Verhältnisse von Erkenntnis und Gefühl lässt allmählich spüren, wie Anthroposophie wirkt. Der Mensch, der an geistigen Fragen arbeitet, etwa anhand der Anthroposophie im Werk Rudolf Steiners, macht eine innere Entwicklung durch. Diese innere Entwicklung besteht in einem Sensibelwerden, in einem Empfindlichwerden. Das vollzieht sich in dem Bemerken der inneren Verhältnisse von Erkenntnis und Gefühl in ihrer Entwicklung.

In diesem Sinne wird man durch Anthroposophie nicht schlauer oder „eingeweiht“, sondern geistig, seelisch und menschlich empfindlicher. Das ist übrigens auch ein Grund, warum Anthroposophie von Menschen abgelehnt wird: man spürt instinktiv, dass ein Beschreiten dieses Weges nicht immer einfach ist, zu Komplikationen und Schwellensituationen führen kann. Ein weiterer Grund der Ablehnung von Anthroposophie kann darin bestehen, dass sie von Menschen „vertreten“ wird, die spürbar nicht sensibler durch sie geworden sind.

Zusammengefasst lässt sich also sagen: Anthroposophie wirkt, indem der Mensch, der durch sie empfindlicher wird, in menschlichen, pädagogischen und therapeutischen Situationen anderes mitbekommt und anders reagiert, als er es könnte, ohne diesen Prozess der inneren Sensibilisierung durchzumachen. Dieses Bemerken und Reagieren bleibt dabei aber völlig frei, ist also nicht an bestimmte Begriffe und Handlungsweisen gebunden. Diese nicht ableitbare menschliche Selbstverantwortlichkeit ist die eigentliche geistige Entwicklung.

Wolf-Ulrich Klünker

Quelle: Rundbrief Anthroposophische Gesellschaft, September 2012