Zu Hause

Mit der Diskussion um das ‹Betreuungsgeld› bekommt die gesellschaftliche Erosion um das Heim, den Haushalt, das Haus, neue Gestalt.

In der aktuellen Debatte in Deutschland um das Frauenbild, das Betreuungsgeld (die sogenannte Herdprämie) und das Buch der Familienministerin Schröder könnte man den Eindruck bekommen: Zu Hause, das muss ein schrecklicher Ort sein! Niemand will da sein, alle wollen weg, hinaus in die Welt. Zu Hause bleiben, dauernd daheim, am eigenen Herd, das mutet an wie eine Verurteilung zur Kerkerhaft oder zum Sklavendasein. Wer freiwillig diesen Rückzugsort aus der Welt wählt, der kann nicht alle Tassen im Schrank haben. Absurd? Aber so klingt es tatsächlich in den Kommentaren und Meinungsmeldungen.

Die Abschaffung der Häuslichkeit

Vor nicht allzu langer Zeit wollten Frauenrechtlerinnen die Haushaltstätigkeit gewürdigt und bezahlt wissen als vollberufliche Tätigkeit. Heute besteht die Tendenz, diesen Beruf zu eliminieren. Haushalt, das ist Feierabendaufgabe, die alle nebenher bewerkstelligen müssen. Die Abschaffung des häuslichen Berufs ist umso absurder, da es in Internetzeiten normal ist, von zu Hause aus zu arbeiten. Aber das ist der feine Unterschied: von zu Haus aus – in die Welt hinein und für sie engagiert. Wer zu Hause tätig sein und dabei für voll genommen werden will, der darf das ruhig tun – wenn er dort ein Büro unterhält, einer wirtschaftlichen Unternehmung nachgeht, seine Arbeitsleistung zu Markte trägt, dann ist es ein richtiger Job. Wer dagegen aus rein privaten Gründen der Fürsorge sein Leben den Angehörigen widmet, der wird als Weltflüchtling betrachtet, der draußen im feindlichen Leben (siehe Schillers ‹Glocke›) nicht zurechtkommt. Bestenfalls gesteht man ihm soziales Ehrenamt zu. Letzteres hat mit der Frage der Entlohnung nichts zu tun, denn das zeigt ja die Kontroverse – selbst der schüchterne Versuch des lächerlich geringen Betreuungsgeldes hat zum Aufschrei geführt. Es wird als eine Art Kopfgeldprämie betrachtet, die Frauen per Bezahlung an das Haus fesselt, anstatt per Quotenregelung die Gleichheit zu erzwingen. Entlohnung häuslicher Arbeit wird als fortschrittsfeindliche Maßnahme.

Wir sind längst nur noch ein Gast im eigenen Zuhause

In der Diskussion gehen zwei Themen ineinander. Das eine ist die Geschlechterfrage, das andere eine gesamtgesellschaftliche Fragestellung – letztere, so scheint es, soll wieder mal auf dem Rücken der Frauen ausgetragen werden. Die Frauenfrage wird benutzt, um die zweite Problematik zu verschleiern. Denkhygiene erfordert Unterscheidungskraft, die vorgegebenen Bahnen und Schablonen zu verlassen, in denen das individuelle Urteilsvermögen wie im Hamsterrad auf der Stelle tritt. Um aufzubrechen ins Freie des Gedankens, ist es weniger nötig, Strukturen zu zerschlagen, sondern bei sich zu sein. Freiraum zu schaffen – Hausputz zu halten – in dem das Ich bei sich sein kann und bei niemandem sonst. Man muss geistig zu sich nach Hause finden, wenn man Welt entwerfen will. Damit sind wir passenderweise mitten im Thema gelandet.

Lassen wir dieses Zuhause einmal neutraler Boden sein, entbinden ihn aller Vorstellungen vom Kampfplatz. Dazu ein Experiment: Wie wäre es, wenn im Traum ein Engel erschiene und verkündete: Deine Aufgabe wird es sein, fortan zu Hause zu bleiben. Jeden Tag dort deine Arbeit zu verrichten. Jeder wird den Seufzer – und sei er noch so leise – in sich vernehmen. Es schwingt in diesem Seufzer eine bange Frage mit: Ist da (noch) jemand, oder bin ich dort ganz allein? Letzteres wäre unerträglich, eine Falle geradezu, in welche die Seele auf keinen Fall gehen will. Was geschieht eigentlich mit der Welt, wenn keiner mehr zu Hause ist? Wenn alle andauernd draußen unterwegs, gerade mal weg sind, verreist, in wichtigen Geschäften. Wo bleibt die Welt, wenn alle, egal ob Mann oder Frau, auf Handlungsreise gehen. Einer muss da sein, meinte Kafka, einer muss wachen und die Stellung halten. Sonst könnte es tatsächlich geschehen: Stell dir vor, die Zukunft klopft an und keiner ist zu Haus, sie zu empfangen. In Prosa gedacht: Alles das, was wir aus den starren Strukturen, den Fixierungen, den Bindungen der Vergangenheit lösen wollen – also beispielsweise die Erziehung, das Bildungswesen, die Altenbetreuung, das familiäre Zusammenleben – wenn das alles freigesetzt durch die Welt geistert, was dann? Wer soll die Zukunftsarbeit leisten, die dann anfällt? Das wird schon, denken wir unbekümmert, das richten wir schon irgendwie ein, das Ganze da draußen. Öffentliche Einrichtung ist aber noch nichts Neues.

Alles Menschliche braucht Pflege

Wenn etwas beginnt, ist es empfindsam, angewiesen auf Pflege. Alles Menschliche bedarf der Entwicklung. Sollte eine menschengemäße Zukünftigkeit darauf nicht angewiesen sein? Einer muss da sein, sie zu hüten. Wir sind keine Tiere, die ihre Jungen fix und fertig in die Welt setzen. Wenn ein Kind in Zukunft lieber zu Hause beschult werden möchte, wenn ein alter Mensch lieber in seiner vertrauten Umgebung bleiben will? Soll dann die Lehrerin, die Pflegerin aus Polen kommen oder aus der Ukraine? Die würden vielleicht tatsächlich lieber zu Hause bleiben. Falls sie das eines Tages können, weil die wirtschaftlichen Verhältnisse es ihnen erlauben, wollen wir dann weiter nach Wanderarbeitern Richtung Osten fahnden? Aber wir wissen doch, dass die Erde rund ist – irgendwann kommen wir wieder bei uns an.

Diese kleine Weltreise will sagen, Kafka hat recht. Einer muss da sein, ohne sich wegzusehnen. Aber wer sagt uns denn, dass zu Hause eine Strafkolonie ist oder eine Arena für Hungerkünstler, wo man sich selbst aufgibt und im Kunststück des Daseins für andere verschwindet? Das sagt uns niemand als die Angst vor (Bedeutungs-)Verlust und die Trägheit des eigenen Herzens, das in den Strukturen des Vergangenen zappelt. Wir haben es so weit gebracht, dass es keiner mehr aushält mit sich zu Haus. Wir laufen weg, vor dem, auf den wir in den vier Wänden unablässig treffen, uns selbst. Wir treiben uns mehr oder weniger obdachlos draußen herum, immer in der Hoffnung, doch ein Heim zu finden, in dem sich leben ließe. Also nicht nur wohnen, nicht nur zur Abspannung, zur Wellness Auszeit oder zum Schlafen besuchbar … wir sind längst selbst nur zu Gast im eigenen Haus. Herr und Herrin ist da niemand und Welt scheint auch nicht darin. Sehr sonderbar. Welch ein Zustand!

Niemand hindert uns, diesem Weltort neue Bedeutung zu verleihen. Warum sich nicht das Abenteuer Zukunft ins Haus holen? Als Dichterinnen und Poeten des Tages ihm neues Sein zusprechen, ein literarischer Salon im wörtlichen Sinn. Nicht als Museum, sondern mit offenen Türen für das Leben, das kommen will. Die wirtschaftliche Teilung der Erde nicht länger hinzunehmen, sondern ihr im klassischen Sinn zu widersprechen. «Wo warst du denn, als man die Welt geteilet? Ich war, sprach der Poet, bei dir. Was tun! spricht Zeus, die Welt ist weggegeben … willst du in meinem Himmel mit mir leben, so oft du kommst, er soll dir offen sein.» Zeus, der auch viel unterwegs war, kann hier als Gott für die jederzeit offene Tür garantieren. Ist dies idealistisches Geträume von gestern oder vielleicht doch eine Zukunftsaussicht? Man könnte ja versuchen, einen Blick in die Zeitlosigkeit der geistigen Welt zu werfen, aus der die Zukunft stammt. Dort wohnt sie selbst, im offenen Himmel in der Anschauung des nicht linearen Zeitverlaufs. Wie sollte sonst die unsterbliche Zukunft je zu uns kommen, wenn nicht im Augenblick. Wäre sie nicht in der Ewigkeit beheimatet, sondern im gewöhnlichen Zeitverlauf, wir würden ihr nur hinterherlaufen, sie niemals einholen.

Hören wir einen Dichter zur Frage des Männlich-Weiblichen, zum Unterschied zwischen dem Gattungsbegriff und dem der Individualität, dann können wir staunen über den Vorsprung seiner Worte.

«Das Mädchen und die Frau, in ihrer neuen, eigenen Entfaltung, werden nur vorübergehend Nachahmer männlicher Unart und Art und Wiederholer männlicher Berufe sein … Eines Tages … wird das Mädchen da sein und die Frau, deren Name nicht mehr nur einen Gegensatz zum Männlichen bedeuten wird, sondern etwas für sich, etwas, wobei man an keine Ergänzung und Grenze denkt, nur an Leben und Dasein – : der weibliche Mensch.» Rainer Maria Rilke, von dem diese Briefstelle (an Franz Xaver Kappus, 14. Mai 1904) stammt, hat deutlich gemacht, dass er diese weibliche Menschlichkeit oder menschliche Weiblichkeit für ein Urbild der Entwicklung zum Ichmenschen hält. An anderer Stelle beschreibt er sein Dichtersein als zutiefst weibliche Kraft, im obigen Sinn. Diese Kulturkraft des Menschlichen hielt er für den eigentlichen Fortschrittsfaktor. «Dieser Fortschritt wird das Liebe-Erleben, das jetzt voll Irrung ist … verwandeln, von Grund auf verändern, zu einer Beziehung umbilden, die von Mensch zu Mensch gemeint ist, nicht mehr von Mann zu Weib.»

Diese fürsorgliche Liebeskraft, die in jedem Menschen lebt, gestattet uns, ob Mann oder Frau, zu Hause zu bleiben. Stell dir vor: Häuser, Haushalte, in denen ein Mensch anwesend wäre, statt leerstehender, verwaister Wohnungen. Sie bildeten Nachbarschaften, die Menschen zu Haus. Nicht aufgrund einer kollektiven Ideologie, weder Kibbuz noch Sozialstation – sie wären einfach wie sie sind. Ichmenschen bei sich zu Haus bildeten kleine Arbeitszentren in ihrem häuslichen Umkreis für neue Lebensformen. Es sind neue Möglichkeiten einer alten Lebensform, wenn sie in Freiheit gesetzt wird.

Die Zeit eines Lebens, meinte schon Kafka – der zur selben Zeit wie Rilke lebte – reicht kaum hin, um das Nachbardorf zu erreichen. Was damals noch Metapher war, ist längst unsere Realität. Wir kommen vielleicht leichter auf die Kanarischen Inseln als dazu, einen kranken Freund zu besuchen. Denn erstens muss man sich dort erholen von der Arbeit und zweitens ist man selbst bald krank, wenn man es nicht tut. Der Weltraum der Erholung ist aber allmählich auch immer schwerer zu finden. Egal, wo man hinfährt, kaum ist man zu Haus, ist die Erholung schon wieder weg. Das alles ist unmenschlich und kann kaum so bleiben. All die ausgegangene Herzlichkeit – wenn wir sie wieder einziehen ließen. Stell dir vor: die Ruhe und die Muße eines friedlichen Zuhauses – einer ist da, der dich erwartet, der diese Atmosphäre hergestellt, erarbeitet hat, der sie bereitet für dich. Gibt es irgendeinen Menschen, der davon nicht träumt? Wer freiwillig wagt, für andere da zu sein und zu bleiben, der ist kein Träumer und keine Sklavin, der ist Mensch – wie er vielleicht aus der Zukunft kommt.

Ute Hallaschka

Quelle: Das Goetheanum - Nr. 26 v. 30.6.2012

Ute Hallaschka ist freischaffende Autorin.