Plastiktüten

Kein Ende in Sicht

Sie sind wasserdicht, sehr haltbar und hervorragende Werbeträger – Plastiktüten sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Doch unser sorgloser Umgang mit ihnen wächst sich inzwischen zu einem ernsthaften Müllproblem aus. Ein Verbot bleibt allerdings umstritten.

Kaum zu glauben, aber wahr: Als die Plastiktüten Anfang der 1960er Jahre eingeführt wurden, waren sie gar nicht so begehrt wie man heute vielleicht meinen könnte: Sie waren weder so standfest noch so reißfest wie die herkömmlichen Papiertüten. Außerdem färbten ihre Aufdrucke ab. Die Einstellung von damals hat sich inzwischen grundlegend geändert. Nach Schätzungen des Umweltbundesamtes benutzt jeder Deutsche im Schnitt pro Jahr 65 Tüten, und zwar nur für etwa eine halbe Stunde. Laut EU-Umweltkommission liegt der Verbrauch EU-weit sogar bei 500 Tüten pro Kopf und Jahr.

Das Problem ist: Längst nicht alle Tüten werden im Müll entsorgt. Viele von ihnen werden meist gedankenlos weggeworfen und landen am Straßenrand, im Gebüsch, im Wald oder in Gewässern. Zu einer gewissen Berühmtheit gelangt ist der „Great Pacific Ocean Garbage Patch“, der große Müllstrudel zwischen Amerika und Europa. Die Schätzungen über seine Größe gehen weit auseinander, pessimistische Stimmen sprechen von der vierfachen Fläche Deutschlands. Noch mindestens vier weitere solcher Strudel soll es weltweit in den Meeren geben. Der größte Teil des Plastikmülls schwimmt dabei nicht als eine Art Floß an der Wasseroberfläche, sondern wird von Sonne, Salzwasser und Reibung zu winzigen Teilchen zersetzt. Robben, Seevögel und vor allem Fische verwechseln diese Teilchen nicht selten mit Nahrung und verschlucken sie. Abgesehen von den giftigen Inhaltsstoffen, die ihr Erbgut verändern und zu Unfruchtbarkeit führen können, führt der Müll im Magen auch dazu, dass die Tiere sich satt fühlen, obwohl sie keinerlei Nährstoffe zu sich genommen haben. Im schlimmsten Fall verhungern sie.

90 Prozent weniger Plastiktüten

Das Problem mit dem Plastikmüll ist längst in der öffentlichen Diskussion angelangt. In Frankreich und Italien sind daher bestimmte Arten von Plastiktüten bereits verboten. Papiertüten, Stoffbeutel und andere leicht abbaubare Tüten, zum Beispiel aus (Mais-)Stärke, sollen die herkömmlichen Plastiktüten ersetzen. Irland führte bereits 2002 eine Umweltabgabe auf Plastiktüten ein. In der Folge verringerte sich der Plastiktütenkonsum um 90 Prozent.

Anders in Deutschland. Zu einem Verbot mag man sich hier nicht durchringen, über ein Zusatzpfand wird weiterhin diskutiert. Die SPD-Bundestagsfraktion etwa gibt auf entsprechende Nachfrage der Verbraucher Initiative zu bedenken, dass ein Verbot der Plastiktüten das Recht auf freien Warenverkehr einschränke und deshalb „keine triviale Entscheidung“ sei. Ein erhöhtes Pfand wie in Irland sei allerdings denkbar. Die SPD weist darauf hin, dass Papiertüten insgesamt eine ähnlich schlechte Ökobilanz aufweisen wie Plastiktüten und setzt auf eine „Veränderung des Konsumverhaltens vor allem der einzelnen Bürger“. Das könne beispielsweise durch eine Kampagne zum Mehrfachgebrauch von bereits gekauften Plastiktüten erreicht werden.

Giftstoffe werden oft übersehen

Für das irische Modell spricht sich auch Dorothea Steiner, umweltpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, aus. Anders als für die SPD ist für Steiner die Ökobilanz der verschiedenen Tüten allein nicht unbedingt ein ausschlaggebendes Argument gegen ein Verbot der Plastiktüten. Giftstoffe, wie etwa Weichmacher, die in Plastik- nicht aber in Papiertüten enthalten sind, würden bei diesen Berechnungen oft nicht berücksichtigt, obwohl sie wichtige Gründe gegen die Kunststofftüten seien. Steiner schlägt ähnlich wie die SPD vor, die Einnahmen aus einem Zusatzpfand für Plastiktüten für eine bessere Öffentlichkeitsarbeit zur Vermeidung von Kunststoffabfällen zu verwenden. Siegfried Gelbhaar, Umweltreferent der FDP-Bundestagsfraktion, legt dagegen größten Wert auf Ökobilanzen. Eine „undifferenzierte Festlegung auf zwingende Maßnahmen“ dürfe nicht erfolgen, weil sie „zu sachlich nicht gerechtfertigten Beschränkungen und Verzerrungen des Wettbewerbs und des Binnenmarktes führen“ könnten. Überhaupt stellten Plastiktragetaschen in Deutschland „kein relevantes Umweltproblem dar“.

Angst davor, im europa- oder weltweiten Wettbewerb ohne Plastiktüten ins Hintertreffen zu geraten, äußert der Handel nicht. Nicolai Gottschlich, zuständig für den Bereich Unternehmensverantwortung im Tchibo-Konzern, verteidigt die Kunststofftüte aus anderen Gründen: Sie sei „leicht, reißfest, wasserresistent“ und „Platz sparend in Transport und Lagerung“. Von einem Pfand hält Gottschlich nichts, denn die kostenlose Ausgabe von Tragetaschen sei „essentieller Bestandteil der Kundenorientierung und –nähe“. Er verweist darauf, dass alle Tchibo-Taschen den Blauen Engel tragen. Rund 40 Millionen Stück davon setzt sein Konzern pro Jahr ab.

Die „Tasche fürs Leben“

Andere Unternehmen halten sich beim Thema Absatzzahlen eher bedeckt. Auf den Blauen Engel beruft sich allerdings auch Aldi Süd und betont die biologische Abbaubarkeit seiner „grünen Tüte“. Der Lebensmittelanbieter tegut verzichtet ganz auf klassische Plastiktüten und vertreibt zu mehr als 80 Prozent Papiertüten, gefolgt von Baumwolltragetaschen und sogenannten „Permanenttragetaschen“. Das sind Taschen im Shopperformat aus stabilem, festem Kunststoff. Letztere wird als „Tasche fürs Leben“ beworben. Ist sie defekt, können Kunden sie kostenlos austauschen.

Der Edeka-Konzern hingegen bietet in seinen verschiedenen Märkten und Filialen die unterschiedlichsten Transportmöglichkeiten an, von der klassischen Plastiktüte, über Baumwoll- und Papierbeutel bis hin zu Tiefkühltaschen und sogenannten „Nonwoventaschen“, robuste, stoffartige, aus Kunststoff hergestellte Beutel mit Werbe-Aufdruck. „Für eine Entwicklung einer Strategie warten wir jedoch die noch offene Entscheidung in Brüssel ab“, teilt Anne Lehmbrock, Sprecherin des Unternehmens, mit.

Verbot „nicht ausgemacht“

Lehmbrock spielt dabei auf Diskussionen innerhalb der Europäischen Kommission an. Diese hatte im vergangenen Jahr 15.000 Bürger, Behörden, Nichtregierungsorganisationen, Unternehmen und Universitäten zu ihrem Umgang und ihrer Meinung zu Plastiktüten befragt. In Kürze werde die Kommission ein „Grünbuch“ vorlegen, erklärt Claudia Guske, Pressereferentin der EU-Kommission. In diesem würden verschiedene Handlungsvorschläge für den Umgang mit den umstrittenen Tragetaschen aufgelistet. Ein Gesetzesvorschlag sei das aber nicht, lediglich eine Auflistung von Möglichkeiten, wie innerhalb Europas mit dem Thema umgegangen werden könne. Dass eine dieser Möglichkeiten ein Verbot von Plastiktüten sein werde, sei „nicht ausgemacht“, sei aber auch „nicht ausgeschlossen“, so Guske. Alternativ könnten Plastiktüten grundsätzlich kostenpflichtig werden. Oder aber die Kommission schlägt verbindliche Ziele für die Reduzierung der Plastiktütenmenge vor und die einzelnen Staaten entscheiden selbst, wie sie diese erreichen.

Es wird wohl noch eine Weile dauern, ehe die Plastiktütenflut abebbt. Ein erster Schritt wäre getan, wenn Verbraucher selbst an der Kasse auf Plastiktüten verzichten und auf andere Tragetaschen zurückgreifen würden. Angesichts neuer, kaum taschentuchgroßer, schick designter Shoppingbeutel, die inzwischen sogar sowohl von Drogerieketten als auch namhaften Kofferherstellern auf den Markt geworfen werden, ist der Umstieg gar nicht mehr so schwer. Und setzt deutlich schnellere und klarere Signale als langwierige politische Verhandlungen.

Tipps für den nachhaltigen Umgang mit Plastiktüten

- Vermeiden Sie, neue Plastiktüten zu kaufen.

- Werfen Sie gebrauchte Plastiktüten nicht weg, sondern verwenden Sie sie mehrfach, ggf. statt neuer Müllbeutel.

- Nehmen Sie Tasche, Netz, Rucksack oder Korb zum Einkauf mit.

- Nutzen Sie bei Spontaneinkäufen einen leeren Karton.

- Kramen Sie für größere Einkäufe ruhig Ihren stabilen Trekkingrucksack oder Einkaufsroller hervor.

- Waschen Sie Ihre Stofftasche oder Mehrfachplastiktüte regelmäßig.

- Achten Sie auf Recyclingtüten, z.B. mit dem Blauen Engel, wenn es doch eine Tüte sein muss.

- Letztlich sind Plastiktüten nur die Spitze des Eisbergs von Kunststoffmüll. Auch andere Plastikprodukte sollten möglichst vermieden werden.

Carmen Thomas

Quelle: Verbraucher konkret 1/201