Genossenschaften in Deutschland

Was einer allein nicht schafft, das erreichen viele zusammen – dieses Kooperationsprinzip kannte man schon im Altertum, z.B. bei Handwerkern im Alten Ägypten, der Begräbnissicherung im antiken Griechenland oder in der babylonischen Landwirtschaft. Über germanische Sippenverbände sowie Zünfte und Gilden lässt es sich bis in das Mittelalter verfolgen. Die meisten Formen der modernen Genossenschaften entstanden jedoch erst im 19. Jahrhundert als Reaktion auf die großen Umwälzungen in Wirtschaft und Gesellschaft: Bauernbefreiung, Aufhebung des Zunftzwanges und Industrielle Revolution führten vor allem bei den unteren Bevölkerungsschichten zur Verelendung. Die Folgen waren unter anderem prekäre Arbeitsbedingungen, eine schlechte Versorgung sowie eine mangelhafte Wohnsituation. Zur Lösung dieser sozialen Missstände trugen eine Reihe neuer Bewegungen bei. Dazu zählte neben der Gründung von Parteien und Gewerkschaften auch die Bildung von Genossenschaften.

In Deutschland wurde die Entwicklung des Genossenschaftswesens wesentlich geprägt durch Hermann Schulze-Delitzsch (1808-1883) und Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818-1888). Sie entwickelten unabhängig voneinander verschiedene Konzepte der gemeinschaftlichen Selbsthilfe, um die Situation der kleinen Gewerbetreibenden und der Landwirte zu verbessern. Als besonders erfolgreich erwiesen sich dabei die von ihnen initiierten Vorschussvereine und Ländlichen Spar- und Darlehnskassen – die Vorläufer der heutigen Volks- und Raiffeisenbanken.

Ab Ende der 1880er Jahre breitete sich die Genossenschaftsidee stark aus. Zwischen 1889 und 1930 stieg die Zahl der Selbsthilfevereinigungen von 5.000 bis auf über 52.500 an. Danach begann ein über die verschiedenen Epochen anhaltender Konzentrationsprozess. Heute existieren rund 7.600 genossenschaftliche Unternehmen in Deutschland, die in vielen Bereichen der Wirtschaft Fuß gefasst haben. Sie werden von 20,7 Millionen Mitgliedern getragen. Dabei zählen allein die Volks- und Raiffeisenbanken – als wirtschaftlich stärkste Genossenschaftsgruppe – über 16 Millionen Mitglieder. Insgesamt gibt es in der Bundesrepublik sechs mal so viele Genossenschaftsmitglieder wie Aktionäre.

Seit der jüngsten Novellierung des Genossenschaftsgesetzes 2006 ist zudem wieder ein kontinuierlicher Anstieg bei genossenschaftlichen Neugründungen erkennbar: Bereits 2007 wurden 159 neue Genossenschaften verzeichnet – fast doppelt so viele wie im Jahr zuvor. 2011 waren es dann schon 370 Neugründungen. Wie aktuell das Modell der Genossenschaften aber nicht nur in Deutschland ist, zeigt sich daran, dass die Vereinten Nationen das Jahr 2012 zum Internationalen Jahr der Genossenschaften ausgerufen haben. In der Begründung lobten die UN-Verantwortlichen unter anderem die Auswirkungen der genossenschaftlichen Bewegung auf die nachhaltige wirtschaftliche Stabilität ganzer (vor allem ländlicher) Regionen und die positiven Effekte für andere Wirtschaftssektoren.

Genossenschaften sind also kein „Relikt der Vergangenheit“. Wie schon während der Industrialisierung sehen sich mittelständische Handwerker und Gewerbetreibende heute wieder einem starken Wettbewerbsdruck ausgesetzt. Durch die Kooperation mit Gleichgesinnten können sie von Größenvorteilen beim Einkauf oder im Absatz profitieren. Und ähnlich wie sich die früheren Fabrikarbeiter gegen teure Händler mit schlechter Warenqualität zu Konsumgenossenschaften zusammenschlossen, vereinen sich heute Verbraucher beispielsweise für den preiswerten Bezug von Gas, Strom oder Wärme bzw. für Bau und Betrieb gemeinschaftlicher Solar- oder Biogasanlagen. Daneben gibt es zudem viele Unternehmen, die von Verbrauchern gar nicht als Genossenschaft wahrgenommen werden. Dazu zählen etwa die Einzelhandelsgenossenschaften von Edeka und REWE, die DATEV als Genossenschaft für Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und Rechtsanwälte sowie „die tageszeitung“ (taz).

Marvin Brendel

Marvin Brendel, Jahrgang 1979, betreibt als Wirtschaftshistoriker das GeschichtsKombinat, eine Agentur für Geschichtsmarketing und Historische Kommunikation. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Geschichte der deutschen (Kredit-)Genossenschaften. (Kontakt: brendel@geschichtskombinat.de)

Quelle: Bankspiegel. Das Magazin der GLS Bank. Ausgabe Nr. 1/2012, Heft 214.

Der Begriff Genossenschaft wurzelt im altdeutschen Wort „noz“ (=Vieh). Die gemeinsame Viehhaltung war Angelegenheit der „ginozcaf“. Wer Anteil am Vieh bzw. einer Viehweide hatte, wurde als „Ginoz“ bezeichnet. Aus dem „Ginoz“ wurde im Mittelhochdeutschen der „Genoz“ und in der Neuzeit der „Genosse“. Der Begriff bezeichnet Gefährten mit gemeinsamen Erfahrungen oder Zielen, z.B. Kampf-, Eid- oder Bundesgenossen.