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Joseph Beuys Sammlung im Schloß Moyland

Am tiefsten Niederrhein - in dem kleinen Städtchen Bedburg-Hau - liegt in einer malerischen Parkanlage das Schloß Moyland. Hier kam am letzten April-Samstag eine Gruppe Menschen zusammen, um an einer Führung mit Johannes Stüttgen durch die Joseph-Beuys-Sammlung teilzunehmen.

Schon in der Einführungsrede wird klar, dass sich der Meisterschüler Stüttgen seinem Lehrer Beuys mit Leib und Seele verbunden fühlt. Hier geht es um menschliche Grundthemen wie die eigene Lebensbestimmung. Beuys hatte wohl zeitlebens eine deutliche Ahnung von der seinigen, wenn er auch immer wieder von tiefen Krisen erschüttert wurde.

Im weiteren Verlauf beginnt eine Führung von ganz ungewöhnlicher Art. Zuerst bekommen wir Zeit, um selbständig einen Überblick über die neu gestaltete Sammlung zu gewinnen. Während vor der Umgestaltung die Wände zum Teil von oben bis unten voller Bilder und Zeichnungen hingen, fällt jetzt eine kühle übersichtliche Reduzierung auf. Um der Größe der Sammlung gerecht zu werden, gibt es jetzt regelmäßig wechselnde Ausstellungen.

Bald machen einige Teilnehmer von Stüttgens Angebot Gebrauch, ihm jegliche Art von Fragen zu stellen. Es kommt zur Sprache, dass Beuys auf der Suche war nach einem Zugang zum inneren Wesen der Dinge.

Auch bei der in seinen Werken immer mehr Raum einnehmende Plastik ist die Bewegung wichtiger als die fertige Form. „Plastik ist nicht zu begreifen vom Endpunkt der Form, sondern der Form davor und sogar bis zum Ursprung“, führt Stüttgen aus.

Nachdem Johannes Stüttgen den Bogen der Entwicklung des bedeutendsten Künstlers des 20. Jahrhunderts gezogen hat, versammeln wir uns unten in der Skulpturenhalle, um drei Werke genauer zu betrachten: zu sehen sind tote Hasen in ihren Gräbern - umrahmt, vergraben, geschmückt….- mit den unterschiedlichsten Gegenständen. Auch hier kommen wir mit dem gewöhnlichen Denken nicht weiter. Um Beuys Sprache zu verstehen, brauche ich eine gewisse Unmittelbarkeit. Ich gehe nicht den Umweg über die Frage: „Was könnte das bedeuten?“, sondern lasse mich durch den Titel und den Dingen, die ich sehe, direkt anregen. Das, was ich an zusammengestellten Materialien sehe, wirkt zunächst einmal tot. Beim einen Hasengrab sind das verblichene ausgedrückte Farbtuben, die kastenförmig angeordnet sind. Doch dabei bleibe ich nicht stehen. Eine Teilnehmerin kommt zu der Vorstellung, dass die Tuben ja einmal voll waren und fragt sich, welche Bilder mit den Farben wohl gemalt wurden. Wer hat sie gemalt? Wo ist der Hase? Wir lassen die Kastenform auf uns wirken und kommen immer mehr in einen höchst beweglichen Prozess. Zu dem kalten grauen vertrockneten Werk entsteht ein lebendiges Gegenbild. Es wird, indem etwas im Außen entzogen wird, in mir etwas angestoßen. Durch Reduzierung und Andeutung entsteht in mir ein Wärmeprozess. Hier liegt das Gegenteil von Konsumieren vor. Stüttgen betont, dass Beuys Werke nicht konsumierbar seien. Er habe ganz bewusst mit solchen Gegenbildprozessen gearbeitet.

Als letzte Station betrachten wir eine Tafelzeichnung von Joseph Beuys. Schon vorher, aber hier im Besonderen, wird die tiefe Verwurzelung sowohl Joseph Beuys‚ als auch Johannes Stüttgens mit der Philosophie Rudolf Steiners deutlich. Es geht um die Bewusstseinsentwicklung, die die gesamte Menschheit, aber auch jeder einzelne, durchschreitet. Erst wenn ich mich ganz aus der alten Verbundenheit löse, kann ich mich in Freiheit als eigene Individualität dem Ganzen wieder zuwenden. Das wäre der Weg zur Erfüllung der sozialen Plastik.

Michaela Bovie

Samstag, 27. Oktober, Führung im Schloss Moyland mit Johannes Stüttgen. Weitere Informationen und Anmeldung: Seminar für Waldorfpädagogik Köln im Freien Bildungswerk Rheinland, Tel. 0221-9414930.