Geld - Geiz - Geil

Eine Wahrspruch-Übung zu einem Grundzug der Gegenwart

– das Geld, Schmierstoff und Abgrund des Sozialen

Vom Sinn der Übung

Wer geistig übt, geht konkret ans Werk wie ein Musiker, ein Künstler. Man muss wissen, was man übt, aufmerksam werden im Bewusstsein auf eine vorliegende Schwierigkeit. Geistiges unbewusst zu üben, sich also ohne Selbstbewusstsein in ein Arbeitsgebiet der geistigen Sphäre begeben zu wollen – das wäre sonderbar. Es muss ein Grund vorliegen, ein Ziel, auf das man sich richtet. Die sogenannten Nebenübungen Rudolf Steiners stehen dazu keineswegs im Widerspruch. Sie bilden mit ihrem allgemeinen Charakter grundsätzlich die seelische Beweglichkeit aus, um sich in der geistigen Welt adäquat verhalten zu können. Zugleich verschaffen sie dem Selbstbewusstsein Maßstäbe zur Beurteilung seiner eigenen Präsenz. Eine Empirie der Autonomie, die jeder Künstler kennt als Bedingung seiner Arbeit. Emanzipieren kann der Übende sich jedoch von der Übung – und das soll eintreten im Kunstwerk – nur im Bewusstsein dessen, was er übt. Nur so kann er Kunst buchstäblich ausüben. Ein Pianist, der Beethoven übt, will Beethoven spielen. Er wird sich selbst so bearbeiten, dass er beethovenfähig wird. Das Werk, das er wählt, gibt ihm die Form der Schwierigkeiten vor, auf die er stoßen wird. Jeder hat seine ureigene Schwierigkeit mit dem Kunstwerk, dessen Größe darin liegt, eben dies zu ermöglichen.

Rudolf Steiner steht Beethoven in nichts nach, was das Arbeitsfeld der anthroposophischen Übung angeht. Sein Schriftwerk, die Gesamtausgabe als Partitur gelesen, fordert zu einer neuen Betrachtung heraus. Das Kunstwerk der Anthroposophie als Entwurf, als Komposition, als Spielvorlage virtuoser Menschlichkeit betrachtet – wie schön scheint diese Perspektive. Wie zeitgemäß außerdem. Nach dem festlich begangenen Jubiläumsjahr darf man sich zutrauen, den Schöpfer der Anthroposophie auch schöpferisch zu verstehen. Damit entfallen zwei Fragen. Einmal die ewige Nachfrage, was an diesem Kunstwerk dem Wissenschaftsbegriff von gestern standhält – dem längst überkommenen, der mechanisch-physikalisch gedachten Kausalitätsketten. Nichts ist in diesem Werk so gedacht. Warum sich also bemühen, der Vergangenheit hinterherzulaufen? Selbst diese ist nur einholbar mit zukunftsfähiger Haltung. Man kann also auf das schlechte Gewissen verzichten, aufhören, sich wegzuducken, weil Anthroposophie sich nicht randomisiert im Doppelblindversuch beweisen lassen will. Die zweite überflüssige Frage ist die Anklage, warum kein Jünger den Meister der Geisteswissenschaft je überflügelt hätte. Na und – regt sich irgendjemand darüber auf, dass kein Beethoven-Spieler als Musiker je die Genialität seines Vorbilds erreicht hätte? Spielerischer Umgang mit Geisteswissenschaft ist keineswegs auf die schönen Künste beschränkt.

Sprache als Schlüssel zur Welt

Das naheliegenste Übungsfeld in der Kunst des Menschseins ist die Sprache. Als Baukunst des gegenseitigen Umgangswesens ist sie die sozialplastische Gestaltungskraft. Als Künstler bin ich verantwortlich für mein Wort, darin liegt mein ausgesprochener Weltausdruck vor, meine menschliche Ausübung. Mit meinen Worten fasse ich die Schwierigkeiten ins Auge, auf die ich im Leben stoßen werde. Ich informiere mich in der Ausrichtung meiner Sprache, in meiner wörtlichen Formulierung. Die Worte der andern sind meine Weltvorlage, der Einfall der Worte, an denen ich Anstoß nehme, kann mein Schicksal genannt werden, es spricht sich darin aus. Sprache ist Innen- und Außenwelt zugleich, jede Geistübung kann so auch als Sprachübung betrachtet werden. Ich bringe sie mir wörtlich zu Bewusstsein. Im Bewusstsein der Übung identifiziere ich mich seelisch. Damit werden wir konkret.

Ein allerorten vorliegender Dreiklang in der Sprache der Welt ist aktuell das, was der Titel dieses Artikels besagt. Gehen wir dieser Formulierung nach. Sobald das Wort ‹Geld› ausgesprochen wird, erscheinen zwei symbolische Zeichen am eigenen inneren Horizont, nämlich Minus und Plus. Der Geist des Wortes – sein Begriff – ist einem Abbildungsmechanismus unterworfen. Ich kann das Wort aktuell kaum bilden, ohne die zugehörigen Zeichen heraufzubeschwören. Übersetzen wir + und – in gut und ungut- was menschlich naheliegend ist –, dann sitzen wir bereits in der totalitären Sprachregelungsfalle, die George Orwell in seinem Roman ‹1984› beschrieben hat. Die Seele wird informiert: Wenn im Wortgeist des Geldes die Wirklichkeit eintritt, dass Minus unter allen Umständen ungut ist, dann ist ‹Plus› uneingeschränkt gut. So erweist sich ein Werbeslogan «Geiz ist geil» als wahr. Eine sprachlich vorliegende Wahrheit, die wir geistig unbewusst einüben! Die Wörter dieses Satzes haben eine interessante Entwicklung mit uns durch die Zeit genommen. ‹Geil›, als heutiges Modewort mit positiv aufgefasstem Sinn, drückt aus, dass etwas gutgeheißen wird, dem bisher eine gewisse Anrüchigkeit anhaftete. Geilheit ist ein Gemütszustand, der einmal als peinlich, peinigend empfunden wurde. Ein geiler Zustand galt als nicht angenehm oder menschlich erstrebenswert, er lag im Bereich der Notdurft. Dieser Seelenbereich erscheint jetzt ideal verklärt. Das zweite Wort, Geiz, beschreibt eine alttestamentarische Todsünde. Im alten Sinn gelesen ist dieser Satz wiederum wahr, er wird damit allerdings zur Tautologie, denn er besagt: Die unmenschliche Haltung des Geizes ist unmenschlich! Spätestens jetzt kann die Seele betroffen werden von der Wahrhaftigkeit der Worte. Man könnte nun auf die Idee kommen, sich künstlerisch mit ihnen auseinanderzusetzen, sie weiter zu befragen in ihrer offensichtlichen Hauptrolle, die sie spielen im Leben der Gegenwart, ihre Installation und Entwurfskraft wahrzunehmen. Geld, Geiz, geil, ihre gegenseitige Heraufbeschwörung liest sich wie eine weltumspannende buchstäbliche Zeit-Schrift. Wenn es so wäre, dass wir als Menschheit uns inmitten einer Übungsphase befänden. Eine Übung zur Überwindung des uralten Wesens, das im Wort vom geilen Geiz begraben liegt. Wäre das so, dann könnte man auch als vermeintlicher Habenichts, sich die Frage stellen: Womit geize ich? Übung ist Tätigkeit und wenn man das Wort in Tätigkeit versetzt, dann zeigt sich ‹geizen› als Aktivität.

Die Macht des Geldes

Global Player ist jeder und das Stück, das aktuell auf dem Weltspielplan steht, es hat ein großes Vorbild. ‹Der Kaufmann von Venedig› von William Shakespeare fokussiert den Blick just auf den menschlichen Seelenbereich, wo einer eher bereit ist, dem andern ein Pfund Fleisch aus den Rippen zu schneiden, als auf seine ‹Habe›, die Rückerstattung des Kredits, zu verzichten. Die virtuelle Habe, nämlich die der Zinssätze und Schulden, exakt diese spekulativ wuchernde Kapitalform bildet unsere aktuelle gesellschaftliche Problematik. Wie kommt man aus dem Geflecht, den Netzwerken der Schulden heraus, die wir erfunden haben, ohne dass einem die Haut abgezogen wird? Das Spiel mit Minus und Plus erscheint in seinem Automatismus so einfallsreich, dass wir die Lebensschuld als verkäufliche einträgliche Ware erfunden haben. Das Minus wird als Plus verkauft. Das verbriefte Recht, dass ein anderer mir etwas schuldet, ist zum Handelsgut, zum Superinstrument der Finanzwirtschaft geworden – sowohl Einzelmenschen als auch Unternehmen und Volkswirtschaften, alle sind weltweit verwickelt in dieses Gefüge. Wo man immer hinschneidet, schneidet man sich letztlich ins eigene Fleisch. In der Deformierung des Geldwesens diktiert uns die Hedge-Geste (wörtlich: Hege, Pflege, schützende Einhüllung eines Anwesens). Konzentriere Geld, sammle es, dann verlege es scheinbar sinnlos, absichtslos, damit keiner merkt, wo es hinströmt. Sei positiv eingestellt dabei, alles, was sich irgendwie zu Geld machen lässt, egal, wie hässlich es aussieht, ist doch gut und schön! So macht uns das Geld zu seinen tüchtigen Händlern.

Wenn nun einer sagen würde: Geld – ich kanns nicht mehr hören! Dann könnte sich sogleich ein neues Sprichwort innerlich einstellen, wie ein Richtspruch: Wer nicht hören will (vom Geld), der wird es fühlen, nämlich sein baldiges Minus! Dann kann er sehen, wie er sichs aus den Rippen schneidet. So weit sind wir alle, wir wagen kaum noch, unaufmerksam zu sein dem Geldwesen gegenüber. Eine Zaubermacht, die uns alle im Geizkragengriff hat. Wir habens einmal erfunden als braven Dienstleister, der Wein und Kuchen zur Großmutter bringt, und jetzt sitzen wir wie die Kinder zitternd im Dunkeln und das Geld ist irgendwie der große böse Wolf geworden, der uns verschlingen will.

Aber was sollen wir tun? Ich kann doch um Himmels willen die paar Kröten in meiner Pensionskasse nicht einfach an die Griechen verschenken. Wenn ich denen (rein virtuell natürlich) anteilig ihre Schulden vergebe, was wird dann in Zukunft aus mir? Nein, solange die ihre Korruption nicht in den Griff kriegen und die Steuern bei ihren schwerreichen Reedern nicht eintreiben, muss es sich halt das arme griechische Volk aus den Rippen schneiden.

Wir müssen dieses Schattenbild vom Land der Griechen nicht länger nur in der Seele suchen, es ist längst da, als Welthaushalt der Vorstellungen. Sie kreisen um die Frage des Opfers. Und wenn es nun um Vergebung ginge? Um die große Menschheitsübung der Vergebung der gegenseitigen Schulden. Das, was gestern noch eine ideelle Herausforderung war, ist jetzt handfeste ökonomische Tatsachenbilanz. Dann bricht die Weltwirtschaft zusammen, wird uns eingeredet. Abgesehen davon, dass sie das auf Dauer sowieso tut, wenn der Kannibalismus des Kapitals sich so fortsetzt – wer will denn wissen, wie sie sich im Prinzip Vergebung konkret verhält. Es mehren sich die Stimmen, die zugeben: Die Weltlage ist neu, der Fall ist so noch nie da gewesen, wir haben keine Vergleichsgrundlage für diese einmalige Situation der weltweiten Verflechtung. Was das Geld dagegen tun wird, wenn man es weiter laufen lässt wie bisher, das wird allerorten deutlich. Es ballt sich irgendwo einträglich zusammen und löst damit an anderer Stelle Vernichtung aus. Das ist sein eigener Zusammenhang, der konzentrierte Profit rührt aus Vernichtung. Da hilft kein Hebel und kein Schirm, um die Eigendynamik der Prozesse zu bezwingen.

Wie wird das Geldwesen menschlich?

Was würde geschehen, wenn wir versuchen, das Geldwesen in seiner neuen Lage menschlich werden zu lassen? Nicht technokratisch, instrumentell, sondern substanziell menschlich zu denken beginnen, ihm neues Gut, Güte zu unterstellen. Es einfangen und zähmen zu wollen mit den Mitteln von gestern, kann nicht gelingen. Sein wildes, bestialisches Wirken, sein strahlender Schein, dies alles ist nicht mehr technisch zu bändigen. Wenn wir es wirklich zähmen, uns neu vertraut machen wollen mit seinem Wesen, dann wird es nur mit der Ahnung von Zukunft möglich sein. Das Zukunftswesen, das Shakespeare als zugrundeliegendes Thema im ‹Kaufmann von Venedig› bearbeitet, das ist der Rechtsbegriff in seiner wirtschaftlichen Verschränkung. Das Wesen von Recht und Unrecht. Auf der Basis unmenschlicher Rechtsprechung kann es keine gerechte, dem Leben gemäße Wirtschaftsweise für den Welthaushalt geben. Letztlich übersteht niemand die Rippenschneidergesetze unverletzt. Gerechte Gesetze aber können nur erfunden werden aus Impulsen des geistig-kulturellen Lebens. Hier scheint es höchste Zeit, wenigstens auf dem Übungsfeld der Sprache mit dem Denken zu beginnen. Wahrheit sprachlich zu beginnen, um sie begrifflich zu erfinden. Die Rede nicht länger zu dulden, mit der wir uns klingende Münze in die Tasche lügen und lügen lassen. Nicht nur in der Occupy-Bewegung die Wall Street des Geldes zu besetzen, die Win-Win-Mauern einzureißen, hinter denen die Währungshüter die Gedanken der Schudeneintreibung perfektionieren, sondern aufzubrechen im Herzenskämmerlein. Den Gedanken der Freiheit loszulassen. Wahrhaftig das Recht auf die Habe der Schulden des anderen zu übernehmen, das könnte ja heißen: Wenn ich sie habe, also auf mich nehme, dann kann ich damit machen, was ich will. Ich kann mich an ihnen bereichern, aber ich kann sie auch erlassen, streichen, verschenken und damit sind sie weg. Ein atemberaubender Vorgang der Logik als Logos.

Beiläufig zeigt sich in dieser Anti-Geiz-Übung, wie sich Liebe und Freiheit als Ereignis im Kunstwerk der menschlichen Herzenskraft bilden. Jenseits aller Moralpostulate kann es ja nur einen einzigen Grund geben, den seelischen Geizkragen in sich zu lockern. Das ist die Erkenntnis, dass er mich beengt, meinen persönlichen Spielraum einschränkt, indem er mein Verhalten steuert. Nur ein individuelles Verlangen nach Freiheit von dieser Bemächtigung kann mich dazu bewegen, gegen das Geizen in mir vorzugehen. Im Zuge dieser Selbstbefreiung stellt Liebe sich keineswegs als Automatismus ein. Ich kann innerlich zwar Zeuge, Beobachter werden, wie sie entspringt aus dem frei gewordenen Handlungsspielraum, aber die zugehörige Handlung muss ich wiederum tun. Die Instrumente dafür finden in dieser Terra incognita der Seele. Es kann sich ein zartes Gefühl des Guten, wie ein Atemzug frischer Luft, verspüren lassen, wenn die Enge des Geizes und damit die Seele erweitert wird. Hier ist Wachstum. Die Liebe erwartet mich zu ihrer Verwirklichung ebenfalls in Freiheit, als neue Schwierigkeit in der Übung.

Das Ganze als künstlerische Probe zu sehen, erzeugt Begeisterung. Es ist längst apokalyptisch, was gespielt wird. Die Vorhänge werden weggezogen von der inneren Bühne des Einzelnen. Das Menschheitskunstwerk ist in eine Probephase eingetreten, von der man vermuten kann, dass sie korrespondiert mit der Entwurfskraft der Anthroposophie. Was bisher die Psychologie als Wissenschaft vom Seelenleben dazu beigetragen hat, das könnte erweitert und fortgeschrieben werden durch das, was Geisteswissenschaft als Kunstwerk der Seelenübung dazu zu sagen hat.

Lassen wir einem Geisteskünstler das Schlußwort: «Ist denn nicht das Vergeben für ein gutes Herz ein Vergnügen?» So einfach überbringt G. E. Lessing die frohe Botschaft. Damit würde das bürgerliche Drama unserer Tage einen buchstäblichen Lustspielcharakter gewinnen. Das wiederum bringt Lessing auf den paradoxen Punkt: «Freu dich mit mir, es ist so traurig, sich allein zu freuen.»

Jakob Grünzweig

Quelle: Das Goetheanum. Wochenschrift für Anthroposophie Nr. 11, 17.03.2012