Rudolf Steiner und die Anthroposophische Medizin

Anthroposophische Medizin gehört originär zur Anthroposophie. Das zu verstehen und zu vertreten ist Teil der Antwort auf Polemiken gegenüber Rudolf Steiner.

Die Anthroposophische Medizin blickt auf eine erfolgreiche Geschichte im 20. Jahrhundert zurück, auf beeindruckende Therapieergebnisse; sie genießt ein hohes Ansehen unter den Patienten, aber auch unter vielen ärztlichen Kollegen. Zugleich ist sie nach wie vor erheblichen Angriffen ausgesetzt. In seinem als ‹Referenzwerk› firmierenden Buch ‹Anthroposophie in Deutschland› behandelt der Sektenforscher Helmut Zander die Anthroposophische Medizin auf nicht weniger als 120 Seiten, kommt jedoch zu fatalen Ergebnissen. Steiner, so Zander, verfügte über keinerlei originäres Wissen, sondern lebte in der Medizin von der Vereinnahmung und ökonomischen Vermarktung fremden Gutes: «Steiner hat sicher viel gelesen, aber vor allem lebte er von Informationen, die ihm zugetragen wurden. Er musste nicht auf die Suche nach ‹Erweiterungen› der Heilkunst gehen, nicht detektivisch nach ‹esoterischen› Strömungen in der Medizin suchen, er brauchte nicht einmal die frei flottierenden Informationen zu sammeln, er musste nur die Hinweise von Anhängern in den weltanschaulichen Horizont der Theosophie und späteren Anthroposophie einstellen.» Nach Zander gelang es Rudolf Steiner, «aus den Erfahrungen Dritter Kapital zu schlagen»; er formulierte einen «Eigenständigkeitsanspruch angesichts seiner faktischen Abhängigkeit» und stülpte tradiertem, alternativmedizinischem Volkswissen lediglich einen «theosophischen Überbau» über. Alle sogenannten anthroposophischen Heilmittel besitzen, so Zander, ihre Wurzeln in einer außeranthroposophischen Praxis; eine eigenständige medizinische Gedanken- oder Theoriebildung liege bei Rudolf Steiner nicht vor, sondern vielmehr eine «Verschmelzung divergierender Konzepte», ein «freier kombinatorischer Umgang mit Systemvorstellungen».

Die Geschichte der Kritik

Diese horrende Kritik, die vor wenigen Jahren formuliert und öffentlichkeitswirksam vertreten wurde, ist alles andere als neu. Bereits in den Wochen nach der Eröffnung des Klinisch-therapeutischen Instituts in Arlesheim im Juni 1921 schrieb der einflussreiche, demagogisch versierte und fremdenfeindlich-antisemitisch ausgerichtete katholische Pfarrer von Arlesheim, Max Kully, in seiner Schrift ‹Die Geheimnisse des Tempels von Dornach› von Rudolf Steiner als selbst ernanntem Medizin-Mann, der rücksichtslose Macht- und Geldinteressen verfolge. Steiner, so Kully, sei von einem maßlosen Ehrgeiz getrieben und amalgamiere die Geistesgeschichte, ohne über Eigenes zu verfügen: «Das Lehrgut Steiners ist keine Geisteswissenschaft, überhaupt keine Wissenschaft. Aus den antiken Mysterien, der buddhistischen Karmalehre, ägyptischen Geheimkulten, kabbalistisch-gnostischen Lehren usw. hat er sich ein eigenes, fantastisches System zusammengebaut.» Alle in Arlesheim in Anschlag gebrachten Rezepte seien der Naturheilkunde entnommen und gehörten «in die Kategorie der Haus- und Geheimmittel». Die medizinische Praxis der Klinik unter Steiner/Wegman sei öffentlichkeitsgefährdend und bedürfe staatlicher Intervention: «Die Fachleute werden in Verbindung mit den verantwortlichen Behörden der steinerschen Evolution und Expansion nach der medizinischen Seite volle Aufmerksamkeit schenken. Steiner ist bei einer Entwicklung angelangt, die eine direkte Gefahr für die Öffentlichkeit in sich birgt.» Auch Zander schreibt: «Der Laienheiler Steiner, ohne medizinische Ausbildung, […] stieg als Hellseher zur entscheidenden Referenz von Fragen über Gesundheit und Krankheit, im Ernstfall über Leben und Tod auf.»

Konzeption und Begründung

Die Vorwürfe sind gravierend und bis heute nicht verstummt. Unsere gängigen Antworten auf sie aber sind unzureichend und nur halb wahr. Zu diesen Halbwahrheiten würde ich unter anderem unseren Rekurs darauf rechnen, dass Rudolf Steiner die Anthroposophische Medizin gemeinsam mit der Ärztin Ita Wegman begründet bzw. dass er von sich aus keine Ideen zur Veränderung der Medizin formuliert, sondern lediglich auf ärztliche Fragen geisteswissenschaftliche Perspektiven eröffnet habe. Alles andere sei Sache der Ärzte gewesen, der staatlich approbierten Mediziner. – Prüfen wir diese Argumente kritisch, so müssen wir einräumen, dass Ita Wegman nie und an keiner Stelle für sich in Anspruch genommen hat, die Anthroposophische Medizin konzeptionell mitentwickelt zu haben. Die anthroposophischen Ärztekurse hielt bekanntlich ausschließlich Rudolf Steiner. Auch ist in historischer Perspektive nur bedingt stimmig, dass Rudolf Steiner lediglich auf sogenannte ‹ärztliche Fragen› antwortete. Die Auseinandersetzung mit der Werkentwicklung der Anthroposophie zeigt, dass er physiologische und medizinische Zusammenhänge lange vor der an ihn ergangenen Bitte um ärztliche Unterweisungen thematisierte. Auch der erste Ärztekurs ging auf Rudolf Steiners Initiative und keinesfalls auf die Bitte der Ärzteschaft zurück.

Wenn dem so ist, so stehen wir vor der Aufgabe, die Beziehung Rudolf Steiners zur Medizin genauer darzustellen. Wir sind dies Rudolf Steiner angesichts der Angriffe und Unterstellungen schuldig, meines Erachtens auch uns selbst. Ehe hierzu nachfolgend einige Grundlinien skizziert werden, muss etwas Prinzipielles festgehalten werden, was Rudolf Steiner am Ende des ersten Ärztekurses mit folgenden Worten benannte: «Ich möchte niemals eingreifen selbstverständlich in irgendeiner Weise selbst in irgendeine praktische Heilung, wie ich das nie getan habe.» In diesem Sinne – im Sinne der praktischen Heilkunst – war Rudolf Steiner ebenso wenig der Begründer der Anthroposophischen Medizin, wie er je die Stuttgarter Waldorfschule, die biologisch-dynamische Landwirtschaft oder gar die Christengemeinschaft begründet hat. Er entwickelte sehr wohl ihre geistigen Grundlagen – ‹begründend› im Sinne von verwirklichend, willentlich und in Weltverantwortung leistend, auf den Weg bringend waren aber andere Menschen, was er mit betonte. Emil Molt ‹begründete›, so verstanden, die Freie Waldorfschule – zusammen mit dem Lehrerkollegium –, Graf Keyserlingk und die mit ihm verbundenen Bauern die biologisch-dynamische Landwirtschaft, Friedrich Rittelmeyer und die Priesterschaft die Christengemeinschaft – und die anthroposophischen Ärzte die geisteswissenschaftlich erweiterte Medizin. Rudolf Steiner war in all diesen Bereichen nicht unmittelbar handlungsvollziehend, noch nicht einmal in direkter Weise handlungsimpulsierend. Er ließ die Menschen frei, setzte sie weder unter Druck noch in übergroße Begeisterung. Wer Rudolf Steiners Fachkurse gelesen hat, weiß, dass hier Inhalte und Perspektiven entwickelt wurden, die weder einfach zu durchdringen noch unmittelbar ergreifend sind – ergreifend im Sinne von handlungsleitend durch entfachte Begeisterung oder gar suggestive Gewalt. Entgegen den Unterstellungen von Helmut Zander und anderen schuf sich Rudolf Steiner keine Schar von ihm abhängiger Menschen, sondern entwickelte als geistiger Lehrer Gesichtspunkte, die in Freiheit ideell aufgegriffen und verwirklicht werden konnten, auch im Feld der Medizin.

Es ist in der Gegenwart von prioritärer Bedeutung, die Anthroposophische Medizin aus sich heraus zur Darstellung zu bringen, ohne direkten Rekurs auf Rudolf Steiner, sondern aus den ihr immanenten Ideen und Erkenntnisgrundlagen, aus ihrem geisteswissenschaftlichen Gehalt. Dies haben zuletzt in vorbildlicher, so nie da gewesener Weise Matthias Girke und Peter Heusser in ihren inhaltlich wie methodisch bahnbrechenden Buchpublikationen getan. Dieser Weg ist weiter mit aller Kraft auszuschreiten und er wird fachlich wirken, ja tut es bereits. Die Kritik an Rudolf Steiner aber wird darüber nicht verstummen – und es scheint ein geschichtliches oder vielmehr geschichtlich-okkultes Gesetz zu sein, dass die Angriffe gegen die Anthroposophie – und ihre Fachanwendungen – nur zum kleineren Teil auf ihren wirklichen Ideengehalt oder gar ihre erkenntniswissenschaftlichen Grundlagen eingehen oder zielen, sehr viel mehr dagegen auf Rudolf Steiner selbst, in der Verleumdung seiner Person und seines Werkes. Dies war von Anfang an so – und ist bis zum heutigen Tage so geblieben, wie das Jubiläumsjahr 2011 erneut zeigte. Weil dem so ist und weil die Medizinische Sektion am Goetheanum nicht nur für die anthroposophische Heilkunst weltweit einzutreten hat, sondern auch eine heilende Aufgabe für das Goetheanum und die Hochschule hat, gehört es meines Erachtens zu ihren Pflichten, für Rudolf Steiner einzutreten, für den unsentimentalen und unpathetischen Schutz seines Wesens und Werkes. Das aber heißt hier: Sie hat auf Rudolf Steiners Verhältnis zur Medizin genauer einzugehen.

Bildhaft, der geistige Mensch

Ich beginne hierzu mit einer längeren Schilderung, die Rudolf Steiners Autobiografie entnommen ist; in ihr berichtet er von seinen anthropologischen Studien zur Leiblichkeit und zum Leib-Seele-Zusammenhang des Menschen, Studien, die er Anfang der 80er-Jahre des 19. Jahrhunderts in Wien betrieb, als Student der Technischen Hochschule und Hörer an der Universität. Da heißt es: «Ich wurde […] zum Studium der Anatomie und Physiologie geführt. Ich betrachtete die Glieder des menschlichen, des tierischen und pflanzlichen Organismus in ihren Gestaltungen. […] Ich wurde immer mehr gewahr, wie das für die Sinne erfassbare Naturbild zu dem hindrängt, was mir auf geistige Art anschaubar war. Blickte ich in dieser geistigen Art auf die seelische Regsamkeit des Menschen, auf Denken, Fühlen und Wollen, so gestaltete sich mir der ‹geistige Mensch› bis zur bildhaften Anschaulichkeit. Ich konnte nicht stehen bleiben bei den Abstraktionen, an die man gewöhnlich denkt, wenn man von Denken, Fühlen und Wollen spricht. Ich sah in diesen inneren Lebensoffenbarungen schaffende Kräfte, die den ‹Menschen als Geist› im Geiste vor mich hinstellten. Blickte ich dann auf die sinnliche Erscheinung des Menschen, so ergänzte sich mir diese im betrachtenden Blicke durch die Geistgestalt, die im Sinnlich-Anschaubaren waltet. Ich kam auf die sinnlich-übersinnliche Form, von der Goethe spricht, und die sich sowohl für eine wahrhaft naturgemäße wie auch für eine geistgemäße Anschauung zwischen das Sinnlich-Erfassbare und das Geistig-Anschaubare einschiebt. Anatomie und Physiologie drängten Schritt für Schritt zu dieser sinnlich-übersinnlichen Form. Und in diesem Drängen fiel mein Blick zuerst in einer noch ganz unvollkommenen Art auf die Dreigliederung der menschlichen Wesenheit […] Zunächst wurde mir klar, dass in dem Teile der menschlichen Organisation, in der die Bildung am meisten nach dem Nerven- und Sinneshaften hin orientiert ist, die sinnlich-übersinnliche Form auch am stärksten in dem Sinnlich-Anschaubaren sich ausprägt. Die Kopforganisation erschien mir als diejenige, an der das Sinnlich-Übersinnliche auch am stärksten in der sinnlichen Form zur Anschauung kommt. Die Gliedmaßen-Organisation dagegen musste ich als diejenige ansehen, in der sich das Sinnlich-Übersinnliche am meisten verbirgt, sodass in ihr die in der außermenschlichen Natur wirksamen Kräfte sich in die menschliche Bildung hinein fortsetzen. Zwischen diesen Polen der menschlichen Organisation schien mir alles das zu stehen, was auf rhythmische Art sich darlebt, die Atmungs- und Zirkulationsorganisation usw. – Ich fand damals niemanden, zu dem ich von diesen Anschauungen hätte sprechen können. Deutete ich da oder dort etwas von ihnen an, so sah man sie als das Ergebnis einer philosophischen Idee an, während ich doch gewiss war, dass sie sich mir aus einer vorurteilsfreien anatomischen und physiologischen Erfahrungserkenntnis heraus geoffenbart hatten.» In der geschilderten inneren Lage stieß Rudolf Steiner auf Goethes und Schillers Jenenser Gespräch vom Sommer 1794 über die ‹Urpflanze›; dabei waren Goethes Aussagen über das ‹Ideen mit Augen sehen› für ihn entscheidend und weiterführend: «Er [Goethe] ‹sah› geistig das Ganze, wie er sinnlich die Einzelheit sah. Und er gab keinen prinzipiellen Unterschied zu zwischen der geistigen und sinnlichen Anschauung, sondern nur einen Übergang von der einen zur andern. Ihm war klar, dass beide den Anspruch erheben, in der erfahrungsgemäßen Wirklichkeit zu stehen.» Aus diesen Erkenntnisfragen heraus begann Rudolf Steiners intensives Studium von Goethes naturwissenschaftlichen Schriften, die er durch «innere Notwendigkeit getrieben» in allen Einzelheiten durcharbeitete. Für uns jedoch ist wichtig festzuhalten, wie früh und eindeutig Rudolf Steiner mit seinen originären Fragen und Anschauungen, das heißt auf seinem anthroposophischen Forschungsweg, zur physiologischen Anthropologie geführt wurde.

«Deinem Körper wohnet inne der Geist»

Zu diesen Anschauungen gehörten von Anfang an Eindrücke, Wahrnehmungen und Begriffe, das heißt Erkenntnisse, die er in der Begegnung mit kranken Menschen gewann. Um das Jahr 1883 unterrichtete Rudolf Steiner in Wien ein Kind, dessen an Pocken erkrankte Mutter sich im selben Raum befand und von ihm wahrgenommen wurde; 1884 begann seine vieljährige Betreuung des hydrozephalen Kindes Otto Specht. Sehr viel länger zurück reichte noch seine intensive Beschäftigung mit seinem taubstummen Bruder Gustav, für dessen Förderung sich Rudolf Steiner nicht nur in sozialer Hinsicht einsetzte. All diese Begegnungen waren für Rudolf Steiner nicht lediglich soziale Erfahrungen, sondern Erkenntnissituationen. Auch wenn er damals – wie später – wenig oder nicht darüber sprach oder schrieb, so ist doch sicher, dass Rudolf Steiner mit der zuvor skizzierten sinnlich-übersinnlichen Anschauung in die jeweiligen Begegnungen eintrat. Seine Anschauung der geistig-seelisch-leiblichen Situation Nietzsches bei seinem Besuch im Naumburger Krankenzimmer ist den meisten bekannt und ging in die Literatur ein. In einem späteren Notizbuch schrieb sich Rudolf Steiner auf: «Seele bist du / Körper ist Gottes / Wesen in dir / Deiner Seele / Wohnet inne der Geist / Deinem Körper / Wohnet inne der Geist / Doch lasse in des Körpers Geist / Die Gottheit walten / Und lasse in der Seele Geist / Die Ichheit walten / Denn nimmt deiner Seele Geist / Dein[en] Körper für sich als Kraft / So bist du körperkrank / Und nimmt deines Körpers Geist / Deine Seele für sich als Kraft /So bist du seelenkrank.» – Berücksichtigt man diese Zusammenhänge, so wird deutlich, dass Rudolf Steiner nicht nur 500 Patienten gemeinsam mit Ita Wegman sah – wie Emanuel Zeylmans van Emmichhoven hochrechnete, sondern unendlich viel mehr, vor und ohne Ita Wegman. Zwischen der Ausbildung seiner sinnlichen-übersinnlichen Anschauung vom Menschenwesen – im Sinne der zitierten autobiografischen Schilderung – und der Abhaltung des ersten Kurses vor Ärzten lagen fast vier Jahrzehnte, in denen er Menschen in Gesundheit und Krankheit begegnete. So wird, meine ich, aus dem Ansatz und Duktus seiner anthropologischen Forschung verständlich, wie intensiv und detailliert Steiners Bezug zur Medizin von Anfang an war und notwendig sein musste.

Auf zwei weitere Qualitäten von Rudolf Steiners Engagement für die Heilkunde möchte ich hinweisen; diese betreffen den gesellschaftlichen sowie den therapeutischen Aspekt. 1908 sagte Rudolf Steiner: «Ich habe das Martyrium des Intellektes und der Empfindung durchgemacht, als das Phenazetin ausprobiert wurde. Diese Art des Ausprobierens, ohne auch nur einen Leitfaden zu haben, zeigt, dass der Wissenschaft mit dem Geist auch der Ernst verloren gegangen ist.» Wir entnehmen dieser knappen Andeutung, dass Rudolf Steiner nicht nur die schulmedizinischen Entwicklungen bereits in den letzten beiden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts verfolgte (das Antipyreticum Phenazetin wurde 1887 von Bayer im Rahmen der Farbstoffherstellung als ‹Zufallsprodukt› synthetisiert und nachfolgend in die Therapie eingeführt), sondern auch die reduktionistische Dimension des medizinischen Denkens, Forschens und Handelns. 1909 hieß es in einem Vortrag: «Lassen Sie nur die Medizin sich so materialistisch weiterentwickeln: wenn Sie vierzig Jahre voraussehen könnten, Sie würden erschrecken, in welch brutaler Weise diese Medizin vorgehen wird, bis zu welchen Formen des Todes die Menschen von dieser Medizin da kuriert würden.» Die Materialisierung und Technisierung des Menschenbildes, die Auflösung des wesenhaften Krankheitsbegriffes und die neue Zielformulierung der Medizin als Manipulation körperlicher Zustände, erlebte Steiner intensiv mit.

Wo das menschliche Schicksal verhandelt wird

Mit dem manipulierbaren Maschinenmodell menschlicher Leiblichkeit verbanden sich noch Ende des 19. Jahrhunderts die zeitgenössischen Lehren des Sozialdarwinismus, des Rassismus, der «psychopathischen Minderwertigkeit», der Eugenik und des propagierten Suizids oder der Fremdtötung in Situationen einer ‹negativen Lebensbilanz›. Rudolf Steiner war einer der ersten, der die fatalen Folgen dieser Entwicklung sah und beschrieb; als die internationale Presse und ‹scientific community› den großen Eugenik-Kongress am University College von London im Juli 1912 feierte, warnte Steiner vor den «horrenden Gefahren», die mit den Gedanken der ‹Höherzüchtung› der Rasse beziehungsweise des nationalen Erbgutes realiter verbunden seien – «und die Zeit wird kommen, vielleicht gar nicht in so ferner Zukunft, wo sich auf solch einem Kongress wie dem, welcher 1912 stattgefunden hat, noch ganz anderes entwickeln wird, wo noch ganz andere Tendenzen auftreten werden …» «Der Materialismus wird in rasender Eile seine Konsequenzen ziehen.» Wir brauchen die weiteren Entwicklungen in den 30er- und 40er-Jahren des 20. Jahrhunderts nicht zu schildern, die bis zur ‹Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens› – ja der gezielten Tötung in größten Ausmaß – reichten. Demgegenüber formulierte Rudolf Steiner eine wirkliche Inkarnationslehre des Menschen und seiner sinnvollen Biografie auf Erden, in Gesundheit, Krankheit und Therapie. Es ist unmittelbar nachvollziehbar, dass Rudolf Steiner dies musste; dass ihn kein Geschäftsinteresse dabei leitete und dass er auch nicht jahre- und jahrzehntelang auf Fragen der Ärzteschaft warten konnte, die nicht, in zu geringem Ausmaß oder viel zu spät kamen. Er musste von sich aus beginnen, über diese Themen zu sprechen. Die Medizin ist nicht nur eine wissenschaftliche Spezialdisziplin, sondern ein gesamtgesellschaftlich relevantes Feld, in dem über das Schicksal des Menschen verhandelt und (nota bene!) entschieden wird – damals wie heute, von der Präimplantation über die Schwangerschaftsunterbrechung bis zur Sterbehilfe.

Therapeut Rudolf Steiner

Zur Therapie möchte ich aufgrund des limitierten Rahmens nur noch so viel sagen: Rudolf Steiner war Therapeut, sein gesamter Lebensduktus war ein helfender und heilender, auch jenseits aller medizinischen Situationen; er sah die Not der Zeit und unzähliger Menschen. Der Wille zur Heilung ist ein Grundelement der Anthroposophie und Begriffe wie ‹austherapiert› kannte Rudolf Steiner nicht. Der Psychiater Willem von Zeylmans schrieb über Patientengespräche mit ihm: «Meine Fragen beruhten auf der Hoffnung, dass man von jetzt an alle Kranken werde heilen können. Doch Rudolf Steiner erklärte mir an bestimmten Fällen, wie es im Schicksal begründet sein könne, dass nichts mehr zu erreichen sei; trotzdem bekam ich in jedem Fall einen Rat in Bezug auf Heilmittel, was mich sehr überraschte, denn in der herkömmlichen Medizin gibt es diese Haltung nicht: Dass man versucht zu heilen, auch wenn nichts erreicht werden kann.» Wenn man über Rudolf Steiners Beziehung zur Medizin nachdenkt, so ist diese helfend-heilende Intention seines gesamten Wesens, Lebens und Werkes unbedingt zu berücksichtigen, sein Miterleben der Not des Anderen und der Not der Zeit. Von dieser Voraussetzung aus unterstützte er die Arbeit der Ärzte, wo er nur konnte, bis zuletzt. Dies gehört zur christlichen Substanz seines Werkes, die wir selbst zu beherzigen und deren Qualität im Werk und Wesen Rudolf Steiners wir öffentlich zu vertreten haben.

Peter Selg

Peter Selg ist Professor für medizinische Anthropologie und Ethik an der Alanus-Hochschule und Leiter des Ita-Wegman-Instituts für anthroposophische Grundlagenforschung.

Quelle: Das Goetheanum. Wochenschrift für Anthroposophie Nr. 7/8 v. 17.2.2012