Was kommt nach der Ökobewegung?

Wenn sich die ganze neue bürgerliche Welt – Regierungen, Medien, Popstars und akademische Forschung – einträchtig und in ähnlichen, sich immer wiederholenden Sprachformen in den Dienst einer fraglos akzeptierten moralischen Aufgabe stellen – ja, ist denn da noch Platz für eine lebendige, erneuerungsfrische Jugend?

Ohne das Nachsprechen aller der fertiggedachten Ideale und Verhaltensmaßregeln kann man ja in die altgewordene Ökobewegung nicht hereinwachsen. Für wirkliche Jugendkräfte, also für Menschen, die mit einem Erneuerungsimpuls auf die Welt gekommen sind, ist da gar kein Platz! In diesem Milieu wird von den Jungen vor allem eins gefordert: Anpassung an die Denk-, Fühl- und Verhaltens-Usancen einer auf Hochtouren laufenden, allzu menschlich-irdischen Sozialmaschine.

Alle großen Regierungen haben die Zeichen der Zeit erkannt, der gesetzliche Zwangsapparat erfindet ständig neue Verpflichtungen. Nach Dosenpfand und Verbot der Glühbirnen, nach Ökosteuern und Ökobenzin kommen die eigentlichen Höhepunkte der staatlichen Ökobewegung erst: CO2–Abgaben in immer größerem Umfang, die alle Bürger solidarisch zahlen müssen, damit dem Staat und den entsprechenden NGO’s Summen zur Verfügung stehen, die der stets wachsenden Größe der Aufgabe entsprechen. Und die Jugend darf dazu spontane Begeisterung beitragen, mit vorgedruckten Plakaten und fertigen Gruppenreisen.

Klar, es ist noch nicht überall so. Im Wendland und bei den Castortransporten ist auch Frische zu spüren ... Aber für das Sich-Selber-Finden in einer ganzen Generation ist alles zu fertig. Die 68er waren immer schon da und haben es besser, lebendiger, mutiger, einfallsreicher – kurz: echter gemacht.

Die wirklich Jungen müssen die interessanten Atmosphären und Menschenkonstellationen anderswo finden. Meine Fantasie und meine inneren Nöte erzählen mir, dem 60jährigen, manchmal etwas.

Es gibt Dramen in der Welt, die mir (ich rede hier nur von mir) mehr Anteil abzwingen als der dramatischste Ökobericht. Man kann doch sehen, wie die Flut der Verlogenheit ansteigt und usurpatorisch das öffentliche Leben in Besitz nimmt. Ich will das nicht anklagen, Gott behüte. Anklagen ist einer der schnellsten Wege in die Verlogenheit. Ich möchte es mir nur nicht schönreden. Was ich meine sind solche Sachen:

– Im Kleinen: Die Angebote jeder Telekom-Firma sind undurchschaubar, immer mit Hintergedanken, immer darauf aus, mir ihnen dienliche Gewohnheiten einzupflanzen, wie „Cookies“ in einen Computer. Das Produkt ist so konstruiert, dass es den Kunden nur anlügen kann. Auch der Verkäufer kann nicht anders.

– Im Großen: Die Nachrichten und ‚Themen‘: Euro-’Rettung’, Kampf gegen ...Rechts, ...Drogen, ...Taliban, ...Terror; arabischer Frühling, Menschenrechtsvergehen der Nichtamerikaner, ‚Skandal‘ um Herrn Wulff usw.

Es wird so getan, als hätte ich zu jedem Thema bereits der fertigen, einzig möglichen moralischen Gesinnung zugestimmt: kein Hinschauen, kein Verstehen, kein Neu-Empfinden – es herrscht die eine, einzige, alles deutende Gesinnung. Ob Erkenntnis und Denken darin ertrinken?

Wie wäre es, wenn man auf Inseln stiesse, die sich über die Unwahrhaftigkeit erheben? Wenn man Lebenssphären fände, die über die Nebeldecke herausragen wie die Belchen-Gipfel über den Smog von Basel?

Ich stelle mir vor, wie die innerlich orientierungsfähigen Jugendlichen auswandern aus der informierten Welt in einen unsichtbaren ‚Über‘grund der Unverpestetheit. Den aufgeklärten Bürgern ein Gräuel, die Medien werden es nicht loben, wie irgend eine liebe Occupyerei; die Bürger werden es nicht verstehen, lange auch nicht bemerken.

Die Inseln bestehen aus Urteilsfähigkeit; Selberdenken; Sondieren; Berührt werden; Fragen lange mit sich herumtragen; die Sprache der Widersprüche erlernen; Gefühle und Gedanken umstülpen, um auch ihren Umkreis kennenzulernen; Dinge systematisch Schritt um Schritt durchdenken, so wie man eine gute Software schreibt. Im Klugen ganz mit dem Herzen dabei, vogelfrei und ohne die neuesten Frontberichte aus dem Krieg der Ozeanier mit Eurasien.

Aus dem medialen, ökonomischen, institutionellen Kommunikationsstrom, der so ganz auf Unwahrhaftigkeit umgepolt wurde, lösen diese Inseln sich innerlich, das heißt: ernsthaft heraus (auf das Äußerliche kommt’s nicht so an).

Eine Jugend, die aus der Verlogenheit heraus will, könnte auch Geschmack daran finden, durch alle moralischen Weltrettungs-Netze, die man nach ihr auswirft, hindurchzuschlüpfen: unberührt wie die Tauben, weil sie unfassbar ist wie die Aale. Man wird das ‚naiv‘ und ‚verantwortungslos‘ nennen, aber es wird kritischer und selbstkritischer sein als die Schwarmintelligenz in der Verlogenheitsflut.

Es wird um die Rettung des Denkens gehen: Ein jeder muss es für sich selbst retten, nur für sich, ganz ‚bescheiden‘. Dann wird es ‚für alle‘ gerettet.

Also sowas könnte nach der Ökobewegung kommen.

PS: Und wenn ich gar nicht geschrieben hätte, was ich eigentlich denke? Traue ich mich nicht mehr? Kann ich es der Zeitschrift nicht mehr zumuten? Ist es schon verboten? Nein, nein! Ich habe mich getraut.

Martin Barkhoff

Aktualisierte Fassung vom 27.4.2012

Quelle: Das Goetheanum. Wochenschrift für Anthroposophie Nr. 12 v. 24.03.2012