Sind unsere Kinder noch zu retten?

ADHS - Fachtagung geht neue Wege

Immer häufiger wird bei Kindern ADHA, das Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom, diagnostiziert. Gleichzeitig ist keine Krankheitsdiagnose so umstritten.

Im Rahmen der öffentlichen Fachtagung „Ra(d)tschlag AD(H)S“ sind im Mai 2012 Wissenschaftler, Pädagogen, Therapeuten, Ärzte und Eltern in der Freien Waldorfschule Erftstadt im Rheinland zusammengekommen, um sich kritisch mit dem Thema ADHS zu beschäftigen.

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Künstlerischer Kurs „Malen“ mit Dorothee Scheck-Köhler.

Vorträge namhafter Fachleute, wie Henning Köhler, Prof. Dr. Katharina Liebsch, Dr. Nicola Fels und Prof. Dr. Manfred Gerspach, vermittelten die medizinischen, pädagogischen und psychologischen Grundlagen für eine alternative Betrachtung kindlicher Verhaltensbesonderheiten. Diese wurden in Workshops vertieft und anschließend konnten die Teilnehmer in künstlerischen Kursen bewährte Therapieansätze kennenlernen und erproben.

ADHS - Kritik am Erklärungsmodell

Es wurden Zweifel laut an der herkömmlichen Erklärung, die Ursache von ADHS sei eine genetisch bedingte, also angeborene Hirnstoffwechselstörung. Das sei wissenschaftlich nicht hinreichend belegt. Außerdem kritisierten die Experten die daraus resultierende medikamentöse Behandlung mit dem Wirkstoff Methylphenidat, besser bekannt als Ritalin. Ritalin verbessere zwar kurzfristig die Konzentrationsfähigkeit, sei aber mit ernsthaften gesundheitlichen Nebenwirkungen verbunden. So könne sich das Medikament negativ auf den Appetit, das Wachstum und den Schlaf der Kinder auswirken. Langfristig gesehen, erhöhe sich sogar das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen. Nur eine sehr genaue Risikoabwägung könne deshalb die Gabe des Medikamentes für einen begrenzten Zeitraum rechtfertigen.

Fehldiagnose ADHS

Die Dozenten waren sich einig, dass die umstrittene Diagnose ADHS heute voreilig und zu häufig ausgesprochen wird. Bereits geringfügige Verhaltensabweichungen würden als pathologisch eingestuft und zunehmend mit Medikamenten behandelt. Laut einer Studie ist die Zahl der Ritalin-Verschreibungen in den vergangen Jahren drastisch angestiegen. Grundlage hierfür sei die höchst diffuse Diagnose ADHS, die mittlerweile eher ein Sammelbegriff für die ganze Spannbreite kindlichen Verhaltens geworden sei. Das eröffne der Überdiagnostizierung Tür und Tor: Den Kindern werde attestiert, sie seien zu verträumt, zu unaufmerksam, zu unruhig oder zu impulsiv. Erschwerend käme hinzu, dass viele Diagnosen nicht etwa von Kinderpsychiatern stammten, sondern von Allgemein- und Kinderärzten, die weder die nötige Zeit, noch das Fachwissen für eine aufwändige Untersuchung hätten.

Es stelle sich die Frage, ob die unerwünschten Verhaltensweisen von Kindern wirklich als krankhaft zu interpretieren sind oder nicht einfach unbequem und unpassend in einer Gesellschaft, die nach dem Leistungsprinzip funktioniert. „Ist denn eine Gesellschaft noch im Gleichgewicht, wenn ureigenste Wesenszüge von Kindern, wie Impulsivität oder sich leicht ablenken zu lassen, irrtümlich als Krankheit bezeichnet werden?“ fragte Henning Köhler, Heilpädagoge, Kindertherapeut und Impulsgeber der Tagung. Er fände es sehr bedenklich, wenn sich ein Kind in der 2. Klasse nicht mehr vom Vogelgesang vor dem Klassenzimmerfenster ablenken lassen dürfe, denn das sei alterstypisches Verhalten und kein Krankheitssymptom. Die Gesellschaft erlaube den Kindern kein „ausschweifendes Weltinteresse“ mehr. Auch werde das relative Alter der Kinder nicht mehr genügend berücksichtigt. Wenn man von einem fünfjährigen Kind erwarte, es müsse lesen, schreiben und rechnen können, geriete es leicht in den Verdacht, krank zu sein, wenn es die Anforderungen nicht erfüllt. Dabei brauche es wahrscheinlich einfach nur genügend Zeit „nachzureifen“. Henning Köhler riet den Eltern, nicht tatenlos zuzusehen, wie ihre Kinder vorverurteilt werden, sondern sich der normierten Erwartungshaltung zu verweigern, die ein kindgerechtes Verhalten fast unmöglich mache.

Ursachenforschung statt Unterdrückung

„Es gibt keine einfache Erklärung für ADHS“, so Henning Köhler, „Es gibt eine Fülle von Ursachen, die für die heutigen Kinder ungesund sind. Wir müssen uns mit jedem Kind beschäftigen und im einzelnen Fall überlegen, wie wir dem Kind und der Familie helfen können.“ Die gesellschaftlichen Bedingungen für Kinder hätten sich allgemein verschlechtert, stellte Henning Köhler fest. Sie müssten immer früher, immer mehr leisten, sich beherrschen und funktionieren. „Es bleibt einfach nicht mehr genug Zeit zu spielen. Wir rauben den Kindern die Kindheit und dürfen uns nicht wundern, wenn sie dann krank werden. So einfach ist das eigentlich.“

Der Leistungsdruck in der Schule, Angst zu versagen, die verfrühte Einschulung, Konflikte mit den Eltern, ausufernder Medienkonsum, Störungen des körperlichen Gleichgewichtes oder frühkindliche Traumata könnten bewirken, dass Kinder „aus der Reihe tanzen“.

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Künstlerischer Kurs mit Friedmar Hüfler - Intuitives Bogenschießen.

Wie kann man Kindern helfen, die auffällige Symptome zeigen? Die Dozenten der Fachtagung behaupteten nicht, ein Patentrezept dafür zu haben. Aber sie nannten Alternativen zur einseitigen Behandlung mit Ritalin und den standardisierten Diagnosemethoden, die bei allen Kindern gleich angewendet werden. Dadurch würden nur die Symptome fokussiert, nicht aber nach den Ursachen gefragt. Diese müssten aber unbedingt erkannt werden, wenn man einem Kind langfristig helfen möchte, erklärte Henning Köhler. Am Anfang jeder Therapie solle deshalb eine „einzelfallbezogene und ergebnisoffene Diagnostik“ stehen. Das bedeutet, nur in genauer Betrachtung des individuellen Kinderschicksals könne herausgefunden werden, wo die Ursache liegt und was dem speziellen Kind helfen kann.

Aktivierung der Heilungskräfte

Mehrere alternative Wege wurden vorgestellt, die die Heilungskräfte des Kindes aktivieren können. Erprobte und bewährte Formen der Kunst- und Spieltherapie, der Rhythmischen Massage und der Heileurythmie helfen den betroffenen Kindern, besser im Alltag zurechtzukommen. Das gelänge allerdings nur, wenn Eltern und Lehrer bereit seien, sich in Zukunft auf die besonderen Bedürfnisse dieser Kinder einzustellen. Für den Erfolg einer Therapie sei es deshalb ganz wichtig, dass Lehrer, Eltern und Therapeuten sich gemeinsam schützend um die Kinder stellen, ohne sich gegenseitig die Schuld zuzuschieben.

Das Gold im Kinde aufspüren...

statt auf Defekte zu starren. Das Fazit der Tagung war keineswegs hoffnungslos und resignierend. Die Kinder reagieren zwar zunehmend mit auffälligem Verhalten auf belastende Einflüsse. Aber sie sind durchaus noch zu retten: Man müsse nur aufhören, immer früher, immer mehr von ihnen zu fordern und ihnen stattdessen ihre Kindheit zurückgeben, damit sie sich „spielend“ entwickeln können. Man solle wieder „das Gold im Kinde aufspüren, statt auf Defekte zu starren“ appellierte Henning Köhler. Ziel müsse es sein, Kinder in ihren Unterschieden anzunehmen und zu verstehen. Vor allem bräuchten die Kinder wieder Schutzräume, in denen sie sich körperlich, geistig und seelisch gesund entfalten können. Eine grundlegende Änderung im Schulwesen wäre hier ein Anfang. Besonderes Lob ernteten in diesem Zusammenhang die Waldorfeinrichtungen, weil sie den Kindern ein altersentsprechendes und wesensgemäßes Heranreifen ermöglichen.

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Henning Köhler, Heilpädagoge, Kindertherapeut und Impulsgeber der Fachtagung.

„Die Tagung hat gezeigt, dass es viele Menschen gibt, die sich um die Gesundheit und Zukunft der Kinder sorgen und nicht müde werden, neue Lösungen und Wege zu finden, damit die Kinder in einer sich immer schneller drehenden Welt nicht auf der Strecke bleiben“, so Alfons Thelen-Brücher, Lehrer an der Freien Waldorfschule Erftstadt, „denn die Kinder sind die Zukunft der Gesellschaft“.

Die miteinander befreundeten Kooperationspartner Freies Bildungswerk Rheinland, Janusz Korczak Institut, „gesundheit aktiv“ und die Freie Waldorfschule Erftstadt haben in den vier Tagen vom 16. bis 19. Mai einen sehr angenehmen und produktiven Rahmen für die Beschäftigung mit dem schwierigen Thema ADHS geschaffen.

Daria Kirsch-Voigt

Fotos: Freie Waldorfschule Erfstadt