bis 29.7.

Der Bau der Gemeinschaft

Das Erste Goetheanum in Fotos und Dokumenten

«Das Ganze ist in vielem sehr sonderbar, in manchem aber von unbestreitbar guter Wirkung, sogar von hoher Schönheit», urteilte ein Rezensent der Schweizer Bauzeitung, als er 1917 auf den Hügel oberhalb von Dornach gestiegen war. Hier entstand seit 1913 das architektonische Hauptwerk der anthroposophischen Bewegung, das zunächst Johannesbau titulierte Erste Goetheanum. Niemals vollständig fertig gestellt, wurde der hölzerne Doppelkuppelbau in der Silvesternacht des Jahres 1922 durch Brandstiftung zerstört.

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Niemals vollständig fertig gestellt, wurde der hölzerne Doppelkuppelbau in der Silvesternacht des Jahres 1922 durch Brandstiftung zerstört.

© Staatsarchiv Basel-Stadt, BSL 1023 1-3-8
Foto: Atelier von Heydebrand-Osthoff

Der Bau des Ersten Goetheanum fällt zu großen Teilen in die Zeit des Ersten Weltkriegs, von dem auch die neutrale Schweiz nicht unberührt blieb. Es ist eine historische Schwellenzeit voller gesellschaftlicher, kultureller und politischer Umbrüche. Seit 1800 tritt Kunst an die Stelle von Religion, verheißt Sinnstiftung in einer durch den Positivismus und Materialismus des 19. Jahrhunderts entzauberten Welt. Phantasmagorien einer neuen, nie da gewesenen Architektur durchwehen die lebensreformerischen Zirkel um 1900, doch in Dornach wird aus der imaginären Utopie Realität. Zwischen Jugendstil und Expressionismus irrlichternd, gibt die Formensprache des Ersten Goetheanum den Zeitgenossen Rätsel auf und verweigert sich auch heute noch dem Wunsch nach eindeutiger Rubrizierung.

Die inzwischen unbestrittene architekturhistorische Bedeutung ist aber nur ein Aspekt, welchem die Ausstellung im Schweizer Architektur Museum gerecht werden möchte. Der programmatische Titel ‹Der Bau der Gemeinschaft› ist bewusst mehrdeutig gehalten. Es geht um ein Bauwerk, das von einer Gemeinschaft geschaffen wird, und um den Aufbau einer Gemeinschaft, also um Identitätsstiftung. Und es geht um gemeinschaftliches Bauen, denn geschaffen wurde das Erste Goetheanum nicht von Rudolf Steiner allein und auch nicht lediglich von ausgebildeten Handwerkern, sondern überdies von bis zu 200 Freiwilligen Mitgliedern der anthroposophischen Bewegung, die sich in unermüdlicher Arbeit als Holzschnitzerinnen und Maler, Glasschleiferinnen oder Zeichner im Baubüro betätigten. Auch wenn sich damit Kosten senken ließen, waren pragmatische Gründe letztlich nicht ausschlaggebend. Vielmehr handelte es sich um das idealistische Konzept eines Vorhabens, das durch das Schaffen Vieler seine Vollendung erfährt. Bemerkenswert ist dabei, dass professionelle Vorbildung nur bedingt eine Rolle spielte. Laienarbeit galt gleichsam als Gegenmodell zu einer als seelenlos begriffenen Professionalität ein Gedanke der Zeit, der sich von der positiven Bewertung des Dilettantismus im Kontext der englischen Reformbewegung über das Interesse an Kinderzeichnungen oder Kunstwerken «primitiver» Völker bis hin zu den aleatorischen Experimenten der Surrealisten nachvollziehen lässt und auf die Frage zielt, wie schöpferische Energie unabhängig von gesellschaftlicher Konditionierung freizusetzen ist.

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Das erste Goetheanum - nach dem Brand...

© Rudolf Steiner Archiv
Foto: Max Benzinger

Die Ausstellung beginnt mit einem Foto der Brandruine und endet mit den Entwürfen des seit 1911 in München geplanten und dort gescheiterten Projekts, das 1913 nach Dornach versetzt wurde. Nicht mehr im Zentrum der Stadt, sondern am Rande eines Dorfs geplant, wandelte es seine Gestalt. Bewusst wird die Chronologie in umgekehrter Reihenfolge erzählt: Ein Gebäude, das nicht mehr existiert, steht am Anfang, eines, das noch nicht existiert, am Ende der Ausstellung. Beim Weg zurück hat alles seine «richtige» Reihenfolge: zunächst die Pläne, dann die Mitarbeiter, die Medialisierung durch die Fotografie, der Bauprozess und schließlich das Ende des Gebäudes.

Die Fotografie übernimmt in dieser Ausstellung eine zentrale Rolle: Sie ermöglicht Einblicke in den Bauprozess, sie erlaubt eine Re-Konstruktion des Gebäudes. Der ausgebildete Schlosser Max Benzinger protokollierte das Geschehen mit seiner Kamera ebenso wie der St. Galler Fotograf und Anthroposoph Otto Rietmann. Die sozusagen kanonische Fotofolge aber stammt vom Atelier von Heydebrand-Osthoff. Die Aufnahmen gingen ein in die 1932 erschienene Baumonografie.

Der Baugedanke des Goetheanum

Letztlich zeigen Heydebrands ebenfalls unprofessionell erscheinende Fotos, dass das für Rudolf Steiner zentrale Erleben des Baus selbst nicht mehr möglich ist. Das Grundproblem von Architekturausstellungen, die mit Hilfsmitteln auf Gebäude referieren, die sich außerhalb des Museums befinden, zeigt sich in dieser Ausstellung noch verstärkt, denn die physische Realität des Ersten Goetheanum besteht nicht mehr. Was bleibt sind Fotos und Pläne, Studien, Relikte, literarische Zeugnisse: Fragmente. Sie zu einem vielschichtigen Bild zusammenzufügen, ist Ziel dieser Ausstellung. Archive, denen unsere Quellen entstammen, sind Wissensspeicher, die jeweils neu aktualisiert werden müssen.

Dokumente in Monumente zu transformieren, forderte Michel Foucault hinsichtlich der Benutzung von Archiven. Der Bau der Gemeinschaft. Das Erste Goetheanum in Fotos und Dokumenten› bietet dazu eine Möglichkeit.

Quelle: Schweizer Architekturmuseum

Weitere Informationen zum Rahmenprogramm der Ausstellung. Schweizerisches Architekturmuseum, Steinenberg 7 , Postfach 911, CH-4001 Basel, www.sam-basel.org.