Kindergarten aus Stroh

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Waldorfkindergarten in Leipzig - gebaut aus Strohballen.

In Leipzig hat ein Waldorfkindergarten in Strohballenbauweise seine Pforten geöffnet. Der erste in dieser Bautechnik.

Bauinitiativen von Kindergärten stehen vor der Herausforderung, dass sie mit einem vergleichsweise kleinen Elternkreis, der noch dazu nur wenige Jahre mit der Institution verbunden ist, ihr Projekt verwirklichen müssen. Da kann solch eine ungewöhnliche Bauart die Sache befeuern und Begeisterung bei den Beteiligten wecken. So war es in diesem Fall.

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Stroh als Baustoff - nachhaltig, langlebig, gute Dämmeigenschaften und Trageverhalten.

Nachdem die Initiative mehrere Jahre nicht recht weiterkam, wurde mit der Entscheidung für Stroh endlich der Durchbruch geschafft. Vielleicht hängt das auch damit zusammen, dass sich viele Menschen mit diesem Baustoff, der in den wogenden Getreidefeldern unsere sommerliche Kulturlandschaft so maßgebend prägt, wirklich verbinden können. Getreideanbau und Architektur sind ein echtes Geschwisterpaar. Sie treten in der Menschheitsentwicklung gleichzeitig auf, an der Schwelle zur Sesshaftwerdung. An diesem Wendepunkt, wo der Mensch zum ersten Mal eine tiefere Verbindung zur Erde sucht, besteht die doppelte Notwendigkeit einer festen Behausung und einer gesicherten Ernährungsgrundlage auf begrenztem Raum. In der deutschen Sprache sind in dem Wort ‹bauen› beide Aspekte das Bauen von Häusern und das Anbauen von Getreide bis heute lebendig geblieben.

Die Baustelle zog rund ein Dutzend Menschen aus ganz Deutschland an, die beim Aufbau der Strohballenwände mithelfen wollten kostenlos. Es war eine muntere Atmosphäre, wie über einem sommerlichen Ährenfeld. Welcher Baustoff vermag eine solche Wirkung auszulösen? Synthetische Baustoffe sind unangenehmer in der Verarbeitung und schaffen es nicht, Wärme und Integrationskraft auszustrahlen, wie sie den getrockneten Getreidehalmen eigen sind. In puncto Nachhaltigkeit ist Stroh als Baustoff kaum zu übertreffen. Zu seiner Herstellung ist nur wenig Energie vonnöten, es ist überall zu haben, muss daher nicht von weit her transportiert werden, wächst in kürzester Zeit nach und ist erstaunlich langlebig: Über 100 Jahre alt sind die ältesten, in den USA erhaltenen Strohballenhäuser. Stroh verfügt über gute Dämmeigenschaften und was man den schnell gewachsenen, dünnen Halmen kaum zutrauen mag über ein gutes Tragverhalten. Deshalb ist Stroh für Außenwände besonders geeignet in Form von massiven Ballen oder, wie in diesem Fall, als Ausfachung in einer hölzernen Rahmenkonstruktion. Nagetiere kann man mit einfachen Mitteln von einer Einnistung abhalten.

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Dutzende Menschen aus ganz Deutschland haben kostenlos mitgeholfen, die Strohballenwände aufzubauen.

Brandschutz ist kein Thema: 90 Minuten hält eine nur mit 8 Millimeter dickem Lehmputz versehene Strohballenwand einer Brandbeanspruchung stand. Vor Feuchtigkeit muss Stroh allerdings geschützt werden, damit sich die Pilzsporen nicht vermehren. Stroh, das in kurzer Zeit viele Lichtkräfte aufgenommen hat, vermag das Innere nicht nur vor Kälte zu schützen, sondern auch die Raumatmosphäre zu durchlichten. Dabei spielt die Gestaltung der Räume eine wichtige Rolle, denn Anliegen der Architektur sollte es immer sein, Materie durch künstlerische Bearbeitung über ihren natürlichen Zustand zu erheben. So ist dieses Projekt durch die Initiativ-, Gestaltungs- und Arbeitskraft zahlreicher Menschen zu einem Haus geworden, über das ein Kind beim Einzug spontan ausrief: «Ja, so soll ein Kindergarten sein!»

Joachim Zimmer

Der Autor ist freier Architekt im Architekturbüro ‹Denker und Zimmer›, das sich um organische Architektur bemüht. www.denkerzimmer.de

Quelle: Das Goetheanum. Wochenschrift für Anthroposophie Nr. 11/2012 v. 17. März 2012

Fotos: Joachim Zimmer