Der tödliche Hebel

Man kauft mit Geld, das man nicht besitzt, sich nur leiht, etwas, das man gar nicht braucht, sondern nur virtuell besitzen möchte, um es vor der Lieferung weiterzuverkaufen - mit Gewinn. Man handelt mit Kauf- und Verkaufsversprechen, hofft, dass der zukünftige Preis von Weizen, Kaffee oder Öl höher sein wird als der jetzt für den zukünftigen Kauf vereinbarte Preis. Der Verkäufer muss dann gemäss Kontrakt unter dem Marktpreis verkaufen. Der Profit ist da.

Noch merkwürdiger als diese sogenannten Calls, die Kaufversprechen, sind die Puts, die Verkaufskontrakte. Hier vereinbart man zu einem festgesetzten Preis den Verkauf eines Produktes und hofft auf fallende Kurse, um sein Produkt dann mit einem höheren Preis als gegenüber dem gefallenen Marktpreis verkaufen zu können. Wie in den anderen Fällen verfügt man gar nicht über das Produkt, dessen Verkauf man verabredet hat. Doch dieses virtuelle Termin-Finanzspiel wirkt zurück auf die Güter, von denen sich die Wette abgelöst hat. So virtuell ist dieses Spiel nicht, ist der Hebel, mit dem man Gewinne vervielfacht, nicht, denn es wirkt zurück auf den tatsächlichen Preis von Öl oder von Weizen. Wetten viele auf steigende Kurse, so wird der Kurs wegen der virtuellen Nachfrage tatsächlich steigen. Die Vermutung, die oft keine Vermutung, sondern treibende Absicht ist, lässt die Kurse, lässt die Preise steigen. Unzählige Familien können sich nun auf den Wochenmärkten im Tschad oder Bangladesh den Weizen, das Soja nicht mehr leisten aus Spiel wird Tod.

Termingeschäfte können sehr sinnvoll sein und so hat es auch vor hundert Jahren begonnen: Ein Bauer erhält durch einen Terminkontrakt Planungssicherheit und kann sich Kredite für den Bau eines Kuhstalls beschaffen, weil er weiß, dass er die Kartoffeln zum festgesetzten Preis im Herbst wird verkaufen können. Doch je weniger sich der Händler des Termingeschäftes für Kartoffeln und Kuhställe interessiert, desto zerstörerischer werden sie.

Wolfgang Held

Quelle: Das Goetheanum. Wochenschrift für Anthroposophie Nr. 11. v. 17. März 2012