Steiner-Archiv vor großen Zukunftsaufgaben

Dornach/Wien (NNA) - Die laufende Arbeit des Rudolf Steiner Archivs in Dornach ist auch nach dem Ausscheiden von dessen langjährigem Leiter, Prof. Walter Kugler und der Mitarbeiterin Vera Koppehel nicht gefährdet. Dies betont der Präsident der Nachlassverwaltung, Cornelius Bohlen, gegenüber NNA. In einer öffentlich gemachten „Wiener Erklärung“ hatte die Konferenz der Presse- und Öffentlichkeitsarbeiter der anthroposophischen Bewegung (KOPRA) ihr Befremden über das Ausscheiden der beiden bekannten Archivmitarbeiter und ihre Sorge über die weitere Zukunft des Archivs bekundet. Sie befürchten einen „Paradigmenwechsel“ in der Ausstellungspraxis des Archivs.

Von einem solchen Paradigmenwechsel könne keine Rede sein, meinte Bohlen. Er widersprach damit einer in den Mitteilungen der Schweizer Anthroposophischen Vereinigung publizierten Auffassung seines Vorstandskollegen Andreas Kühne, der eine Rückführung der Archivarbeit auf dessen eigentliche Kernaufgaben mit Beschränkung der Herausgabe von Originalen gefordert hatte. „Ich habe das sofort korrigiert, das hat er so nicht gemeint, selbstverständlich wird es weiterhin Originale aus dem Archiv als Leihgaben für Ausstellungen geben“, so Bohlen weiter. Die Leihgaben des Archivs waren mit verantwortlich für die erfolgreichen Ausstellungen zum Steiner-Jubiläumsjahr gewesen, an deren Entstehung Kugler und Koppehel maßgeblich Anteil hatten.

Die Aktivitäten der beiden Mitarbeiter seien „ausgesprochen hilfreich“ gewesen und hätten zu einer „beispiellos konstruktiven und erfrischenden Diskussion“ der Arbeit Rudolf Steiners in der Öffentlichkeit beigetragen, heißt es in der Erklärung der Presse- und Öffentlichkeitsarbeiter weiter. Durch den Weggang von Kugler und Koppehel sehen die KOPRA-Mitglieder die Herausgebertätigkeit des Archivs sowie dessen Wirkung in der Öffentlichkeit gefährdet. Sie wollen mit der Nachlassverwaltung ein Gespräch zum Thema führen und haben bei ihrem Treffen in Wien Vertreter dafür bestimmt.

Basisfinanzierung weiter offen

Nach Auffassung von Nachlassverwaltungs-Präsident Cornelius Bohlen ist die gegenwärtige Debatte um das Ausscheiden von Mitarbeitenden am Archiv wenig nützlich, da sie den Blick verstellt auf eine viel grundsätzlichere Problematik, diejenige der auch weiterhin nicht geklärten Basisfinanzierung des Archivs. „Niemand kritisiert die gute Arbeit, die Prof. Kugler und Vera Koppehel mit den Ausstellungen zum Jubiläumsjahr geleistet haben. Aber wir konnten so nicht weitermachen, es sind noch nicht einmal die Arbeitsplätze der jetzt reduzierten Belegschaft auf Dauer gesichert. Die 2011 beschlossene Umstrukturierung ist weiter für uns maßgeblich.“ In diesem Zusammenhang sei auch das Ausscheiden von Kugler und Koppehel zu sehen, die diese Umstrukturierung zu wenig hätten mittragen wollen.

Die Aufgabe der Grundfinanzierung des Steiner-Archivs ist aus der Sicht Bohlens nicht ausreichend im Bewusstsein der anthroposophischen Gesellschaften in den einzelnen Ländern verankert. „Wenn wir ein seriös arbeitendes Archiv wollen, das den gegenwärtigen Standards entspricht und den Ansprüchen der Wissenschaft stand hält, dann müssen wir es auch entsprechend ausstatten, und zwar so, dass der laufende Basisbedarf gedeckt ist.“ Auch die Entwicklung der universitären Esoterikforschung in den letzten zehn Jahren gebe Anlass, das Archiv mit einer tragfähigen Finanzierung auszustatten.

Archivierung hat Priorität

Bei der Neustrukturierung 2011 habe die Nachlassverwaltung die Prioritäten eindeutig gesetzt, das Konzept dafür sei gründlich erarbeitet worden. An erster Stelle sei eine geordnete Archivierung zu setzen, an zweiter Stelle die Edition der Steiner-Ausgabe und erst an dritter stehe die Ausstellungstätigkeit, die projektfinanziert betrieben werden solle. Auch sie sei auf das Funktionieren der Archivierung angewiesen. „An einer professionellen Archivierung führt nichts vorbei, die Wandtafelzeichnung Nr. 333 muss aufwendig konserviert und geordnet aufbewahrt werden, wenn ich sie ausleihen will“, so Bohlen.

Hinsichtlich der Herausgabe von Steiners Werken sei der Beschluss gefasst worden, endlich einen vollständigen Briefwechsel herauszugeben. „Bisher reicht er relativ vollständig nur bis 1900, das ist unhaltbar. Nicht einmal die eigenhändigen Briefe Steiners sind komplett editiert.“ Eine weitere „Riesenaufgabe“ sei die Herausgabe der Notizbücher, die wichtige Vorarbeiten zu den Vorträgen enthielten. Die Qualität des Archivs müsse weiter gepflegt und vertieft werden, um den Ansprüchen der Forschung standzuhalten. „Wir können den Forschern zwar einen schönen Leseplatz anbieten, aber dann muss auch das Material stimmen, wir können ihnen keine 1000 Notizzettel von Rudolf Steiner die Hand drücken, die nicht aufgearbeitet sind.“

Die Basisfinanzierung des Archivs beziffert Bohlen mit rund 350.000 Schweizer Franken jährlich. Bisher finanziert sich das Archiv über Lizenzen, Mieterträge und freiwillige Zuwendungen aus der anthroposophischen Bewegung. Geregelte Zahlungen zur Deckung des Basisbedarfs gebe es bis auf die Beteiligung einiger Zweige der Schweizer Anthroposophen bisher nicht. „Bis auf die deutsche Gesellschaft und wenige Stiftungen, die in den letzten Jahren immer wieder einzelne Editionen unterstützt haben, fühlt sich kaum jemand verpflichtet, das Archiv mit einer soliden Finanzbasis auszustatten“, rügt Bohlen. Durch die nicht geregelte Basisfinanzierung sei man gezwungen gewesen, die Reserven des Archivs aus Erbschaften und Schenkungen immer wieder in Anspruch zu nehmen. Diese Reserven seien 2011 erschöpft gewesen.

Als Beispiel für einen Rückstand in der Editionsarbeit des Archivs nennt Bohlen die Tatsache, dass bisher nur ein Band der beiden zu kommentierenden Ausgaben vorliegt, die bereits 2008 von der deutschen Prüfstelle für jugendgefährdende Medien gefordert worden seien. „Wir hatten zugesagt, das so zügig wie möglich zu erstellen. Da sind wir jetzt am Anschlag, das hat oberste Priorität.“

Das zögerliche Erscheinen der kommentierten Version des beanstandeten Volksseelen-Zyklus, für dessen Herausgabe bislang Walter Kugler zuständig war, wurde erst vor kurzem von dem Historiker Prof. Helmut Zander kritisiert. In Heft 1/12 der Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte bezeichnet Zander dies als ein Politikum, das für sich selbst spreche. In diesem Kontext kritisiert Zander auch die Neuherausgabe der „Zeitgeschichtlichen Betrachtungen“ (GA 173) Rudolf Steiners. Die Edition des Steiner-Archivs sei nicht auf dem neuesten Stand der Forschung zum Ersten Weltkrieg. Er wirft den Herausgebern außerdem vor, sich nicht angemessen mit der Rassentheorie Steiners auseinanderzusetzen und Sozialdarwinismus in neuem Gewand zu reproduzieren. Diese Kritik wurde von Nachlassverwaltungs-Präsident Bohlen zurückgewiesen. Gegenüber NNA betont Bohlen dazu, dass es überhaupt nicht Aufgabe der Edition sei, gültige Interpretationen zu liefern. Es gehe vielmehr darum das Werk des Autors in seinem Kontext so gut wie möglich zur Verfügung zu stellen, damit es interpretiert werden kann.

Neue Herausforderungen

In Zusammenhang mit den Jahrestagen zum 1.Weltkrieg ab 2014 ist zu erwarten, dass die politischen Positionen von Rudolf Steiner in der Weltkriegsdebatte erneut in der Öffentlichkeit aufgegriffen und diskutiert werden.

Eine weitere aktuelle Herausforderung für das Dornacher Steiner-Archiv ergibt sich aus der Ankündigung einer kritischen Ausgabe (KA) der wichtigsten Schriften Rudolf Steiners im Stuttgarter fromman-holzboog-Verlag. Diese versteht sich als Studienausgabe in acht Bänden, renommierte Esoterikexperten wie Gerhard Wehr haben Vorworte beigesteuert. Herausgeber der Reihe ist der Dozent Christian Clement (Brigham Young University, Privo, Utah/USA). Auf der Website des Verlages heißt es: „Die kritische Edition ausgewählter Schriften Rudolf Steiners [...] bietet die Grundlagentexte der Anthroposophie [...] zum ersten Mal in textkritischer Ausgabe. Steiners zentrale Schriften zwischen 1884 und 1910 werden in ihrer Textentwicklung durch die verschiedenen Neubearbeitungen hindurch verfolgt, im Rahmen von Steiners intellektueller Biographie kontextualisiert und hinsichtlich ihrer Quellen und Bezüge umfassend transparent gemacht.“

Damit werde ein „neuer Editionsstandard für das geschriebene Werk Steiners gesetzt“, welcher der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Anthroposophie eine unverzichtbare textuelle Grundlage schafft und mit Blick auf die Zukunft ein Fundament für eine künftige komplette historisch-kritische Ausgabe bilden könne. Bohlen sieht hier die Notwendigkeit einer Mitwirkung des Steiner-Archivs. Eine solche Ausgabe bedürfe auch des Rückgriffs auf die Vorstufen der Schriften von den Manuskripten, eine Aufgabe, die wiederum im Steiner-Archiv anzusiedeln wäre.

Die Leitung des Editionsbetriebs der GA beim Steiner-Archiv wird derzeit von Dr. Alexander Lüscher und Dr. Roland Halfen mit einem begleitenden Editionsrat des Vorstands wahrgenommen. Lüscher ist auch verantwortlich für die Archivierung, die Stefan Widmer besorgt. Wer die Aufgabenbereiche von Prof. Walter Kugler und Vera Koppehel u.a. im Ausstellungsbereich übernehmen wird, steht nach den Worten von Cornelius Bohlen derzeit noch nicht fest.

Quelle: NNA-News