Die Wissenschaftlichkeit der Anthroposophie

Rudolf Steiner- Forschungstage in Hamburg

„Intuition ist das im rein Geistigen verlaufende bewusste Erleben eines rein geistigen Inhalts“ Rudolf Steiner

Am 14./15. April trafen sich in Hamburg ca. 20 junge Forscher zu Fragen bezüglich der anthroposophischen Geisteswissenschaft selbst innewohnenden Wissenschaftlichkeit.

Begrüßt und eingeladen hat Steffen Hartmann zu diesem Treffen, das zwei Mal jährliche mit wechselnder Initiative stattfindet.

In einem ersten Beitrag führte Philip Kovce umfänglich und in ambitionierter Weise in die aktuelle Diskussion um „Anthroposophie und Wissenschaft“ ein. Er erläuterte sowohl den Anlass der öffentlichen Diskussion als auch die verschiedenen Positionen inklusive der Position Rudolf Steiners und der gegenwärtigen Wissenschaftstheorien. Der Beitrag mündete in die Frage: Wie knüpft Steiner wissenschaftlich an und wie kann man an Steiner wissenschaftlich anknüpfen? Steffen Hartmann entwickelte versuchsweise anhand der zehn Kategorien des Aristoteles einen Weg vom intuitiven Denken zur Meditation, den er dann in einem zweiten Schritt in ein Verhältnis zum Prolog des Johannes-Evangeliums stellte. Er konturierte drei Eckpunkte für geistige Forschung: Geistiges bekommt erst Kraft und wird auch erst fassbar, wenn ich mich ihm zuwende; geistige Forschung kann nur auf individuellem Wege geschehen; geistige Forschungsergebnisse brauchen Transparenz, d.h. die Nachdenkbarkeit ist wichtig. Er kam hier abrundend zu der Aussage: Ein rein geistiges Denkerleben ist das Nadelöhr, um zu erfahren was Geisteswissenschaft heißt.

Salvatore Lavecchia legte in seinem Beitrag „Wissenschaft als Begegnung mit dem Licht“ den Grundirrtum der herkömmlichen Wissenschaft dar, der darin besteht, dass man die Prinzipien der anorganischen Welt auf alle anderen Bereiche geneigt ist zu übertragen. Er konnte anschaulich anhand eines Zitates von Thomas Metzinger, der von dem Ich als Selbstillusion ausgeht, entwickeln, wie dieser den Geist konsequent zu leugnen versucht. Aber seine Theorie bei Licht betrachtet, lässt darauf schließen, dass er die Geist-Leugnung nur mit Hilfe des Geistes vermag. In den geläufigen Wissenschaftstheorien besteht stark die Tendenz, dass der Mensch sich durch seine Art des Denkens selber abschafft; demgegenüber formuliert Aristoteles: „Das höchstes Ziel der Wissenschaft ist die Selbstwahrnehmung“.

Bijan Kafi, der sich als Sozial- und Gesellschaftswissenschaftler eingehend mit der anthroposophischen Arbeit im sozialen Raum beschäftigt hat, berichtete von seinem Dissertationsvorhaben, in dem er den spezifisch-genuinen Ansatz der Anthroposophie Rudolf Steiners für den sozialen Raum und in seinem sozialreformerischen Anspruch deutlicher herausarbeiten möchte und dessen solitäre Stellung und Bedeutsamkeit im Verhältnis zu sonstigem bürgerschaftlichen Engagement und Zivilgesellschaften verdeutlichen möchte. Die Tragweite und Konsequenzen der von Rudolf Steiner entwickelten Verbindung von sozialem Anspruch und individuellem Erkenntnis-fortschritt sind seiner Meinung nach einzigartig.

Wolf-Ulrich Klünker stellte am darauf folgenden Tag in seinem einleitenden Beitrag dar, dass Gesundheit für zunehmend jeden Menschen, einer Anknüpfung an lebensgestaltende Kräfte aus dem Denken bedarf. Er entwickelte in anschaulicher Weise einen Begriffszusammenhang, aus dem deutlich wurde, wie der Mensch durch geistige Tätigkeit in einen kraftschlüssigen Bereich des Denkens gelangen kann, aus dem Leib und Seele die ihnen notwendige Verlebendigung erfahren können. Geisteswissenschaft ist im Gegensatz zur herkömmlichen Wissenschaft kein abstraktes Durchdenken, sondern eine aus der Zukunft schaffende Gestaltungskraft. Er sprach von einem Selbstmodell, das sich im Weltverhältnis konstituiert und damit die ganze Welt zusammenhält. Es war eine erfreulich-erfrischende und anregende Zusammenkunft im Rudolf Steiner Haus in Hamburg und man kann nur wünschen, dass diese Initiativkraft den jüngeren Forschern erhalten bleibt.

Monika Elbert