Eurythmie mit voller Kraft voraus

Der Masterstudiengang Eurythmie an der Alanus Hochschule bietet zum nächsten Studienjahr ein interessantes neues Angebot. Hierüber sprach Ephraim Krause (EK) mit Ulrike Langescheid (UL), verantwortlich für die Eurythmiepädagogik, und Andrea Heidekorn (AH), die im Bereich Eurythmie in sozialen Arbeitsfeldern ausbildet.

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Tagungsbegleitung mit Begegnungsformen - „Wir wollen suchen“ - Campus der Alanus Hochschule

EK: Was beinhaltet Euer neues Angebot?

AH: Wir haben die Grenze zwischen den bisher deutlich getrennten Studiengängen Eurythmiepädagogik und Sozialeurythmie aufgelöst und aus zwei Studiengängen einen gemacht, der viel Raum lässt für eine intensive individuelle Auseinandersetzung.

EK: Und aus welchen Gründen?

AH: Bisher haben schwerpunktmäßig erfahrene Eurythmisten, die genau wussten, was sie wollten, unseren Studiengang genutzt, um ihr eigenes langjährig aufgebautes Arbeitsfeld zu vertiefen, zu reflektieren und auch zu forschen und sich selber als Eurythmist und Mensch weiterzuentwickeln. Mittlerweile immatrikulieren sich zunehmend junge Eurythmisten, die sich auf dem Arbeitsmarkt neu orientieren und ein eigenes Profil herausarbeiten und dort hineinwachsen wollen. Sie fragen dezidiert nach einer Doppelqualifikation.

UL: Es zeigt sich, dass manch jungem Kollegen einerseits ein halbes Deputat an der Schule vollauf genügt, um sich auf einen Arbeitsalltag mit Kindern und der gesamten damit verbundenen Verantwortung einzulassen, und andererseits reizt sie die Arbeit mit der Eurythmie in der Öffentlichkeit. Auch verlangt die Einordnung in ein Kollegium, in einen selbstverwalteten Organismus, und die Zusammenarbeit mit Eltern besondere persönliche, soziale und methodische Fähigkeiten, die wir mit den Eurythmisten teilen, die vor allem in sozialen Arbeitsfeldern tätig sind. Deshalb kann eine Kombination beider Welten die stetige entwicklungsbegleitende Arbeit an der Schule und die immer neue überraschende Arbeit zum Beispiel mit Erwachsenen in freien Kursen, in öffentlichen Einrichtungen, Firmen oder in künstlerischen Projekten eine willkommene Kombination sein.

Die Schwere der schulischen Verantwortung wird so für einen Anfänger in vertretbaren Grenzen gehalten, und gleichzeitig kommen durch die Arbeit im alltäglichen gesellschaftlichen Umfeld frische, brennende Fragen und Impulse in die Schule zurück. Beides kann sich gerade für Berufsanfänger als besonders fruchtbar erweisen. Schule gibt Sicherheit und verlangt Stetigkeit, die Arbeit im öffentlichen Raum verlangt Flexibilität und Mut.

AH: Genau, das soziale Arbeitsfeld lebt von der ständigen Unsicherheit, dem unternehmerischen Risiko und der immer wieder neuen Frage an das, was du als Eurythmist noch nie gemacht hast. Auch das ist für einen jungen Eurythmisten im Extrem keine einfache Herausforderung. Allerdings gibt die Erfahrung mit öffentlichen gesellschaftlichen Strukturen und Problemen eine besondere Stoßkraft hin zu einer waldorfpädagogischen Qualität für Kinder und Jugendliche und für die Schülerinnen und Schüler einer Waldorfschule, die sich mit dem so eigenartigen „Pflichtfach“ Eurythmie beschäftigen müssen, einen interessanten und wichtigen Blick „von außen“ auf dieses Fach. Während meiner Tätigkeit als Eurythmielehrerin haben die Schülerinnen und Schüler immer sehr interessiert nach meinen außerschulischen Berufstätigkeiten gefragt, in Firmen, auf der Straße, in Projekten: Was ich dort genau mache, ob die Menschen die Eurythmie gut finden, was es ihnen bringt? Das hat mein Unterrichten positiv unterstützt!

UL: Ja! Ich bin sicher, dass durch eine breit angelegte und inhaltlich, wie methodisch fundierte Ausbildung auf Dauer sehr engagierte und mit der Waldorfbewegung kraftvoll verbundene Eurythmiepädagogen heranwachsen werden, die sich nach einigen Jahren der Erfahrung bewusst voll und ganz mit der Schule verbinden - und das nicht, weil sie keine Alternativen haben.

EK: Wie wird ein fachlich sinnvolles Studium gewährleistet?

UL: Grundsätzlich bieten wir den Master nur berufsbegleitend an. Eine reale berufliche Tätigkeit an Schule und im freien Berufsfeld ist gewünscht, ist notwendig und wird von uns unterstützt. So kann man alles, was man lernt direkt erproben, beziehungsweise das, was im Alltag nicht gelingt hinterfragen und bearbeiten. Wir haben also ein echtes Referendariatsstudium, in dem sich junge Kolleginnen sicher und gut begleitet wissen dürfen.

AH: Es ist ja ein Praxismaster. Die praktische Tätigkeit des konkreten Menschen ist die Grundlage für alles. Wir begleiten jeden Studierenden individuell mit Gesprächen, mit intensiver Supervision möglichst vor Ort und mit wiederholten regelmäßigen Coachings. Im Zentrum steht die persönliche und sozial kompetente Entfaltung des Einzelnen. Daraus entwickelt sich ein klares Bild von Stärken und Potentialen, die wir gemeinsam bearbeiten. Darum herum liegt die Qualifikation in fachlicher Hinsicht.

UL: Die Fachdidaktik steht hier im Mittelpunkt. Wir gehen wiederholt durch die unterschiedlichen Lebensalter und Entwicklungsphasen. Kompetente Dozenten unterstützen unser Team, auch eine Entdeckung des erweiterten Verständnisses von Kunst, ein Ergreifen jeder noch so alltäglichen Situation als künstlerische Gestaltungsaufgabe, als „Performance“ gehört zum Studium. Hier haben wir in der Eurythmie noch ein besonderes Potential zu entdecken und an der Alanus Hochschule viele Kollegen, die sich mit uns auf den Weg begeben und an der Entwicklung beteiligt sind. Der interdisziplinäre Austausch spielt dabei eine besondere Rolle ganz wie in jeder realen Arbeitssituation.

EK: Und was ist mit den Eurythmisten, die sich deutlich in eine Richtung spezialisieren wollen?

UL: Auch das ist nach wie vor möglich.

AH: Die Qualifikation fürs soziale Arbeitsfeld bescheinigen wir zusätzlich mit einem Hochschulzertifikat. Alles ist möglich. Und wir sehen gerade in der Begegnung von Schule und Gesellschaft ein zentrales Thema, dem sich die Alanus Hochschule widmet. Wir freuen uns auf den nächsten Schritt und auf viele junge Eurythmiekolleginnen und -kollegen.

EK: Danke für das Gespräch und viel Glück!

Foto Alanus Hochschule