Förderschüler wollen normal sein

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 Oberstufenschüler, Kollegen der Strohschein-Schule, Schulamtsleiter Donath und Kultusministerin Henzler

Kultusministerin Henzler besuchte Anfang Mai die Albrecht-Strohschein-Schule in Oberursel, eine der insgesamt sieben Waldorfförderschulen in Hessen. In der Schule werden 126 Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichem Förderbedarf nach dem allgemeinen Waldorflehrplan unterrichtet. Nach einer Hospitation in der neunten Klasse sprach die Ministerin mit Oberstufenschülern der Klassen 9 bis 12 über deren Begegnungen mit Schülern anderer Schulen.

Die Förderschülerinnen und Schüler berichteten von ihren Erfahrungen, die sie in verschiedenen Projekten mit Schülern anderer Oberurseler Schulen gemacht haben. Neben einer langjährigen Zusammenarbeit mit der Freien Waldorfschule Vordertaunus und der Grundschule am Urselbach gab es jüngst auch einen Besuch von Oberstufenschülern des Gymnasiums Oberursel.

„Das gemeinsame Schlittschuhlaufen war toll“, waren sich die Förderschüler einig. Sie hätten gerne mehr Besuche und gemeinsame Projekte. Doch sie haben auch Angst, ausgelacht zu werden: „Die anderen sind beim Lernen schneller als wir, die müssten dann warten.“ Fast alle Strohschein-Schüler wollen daher lieber in ihrer kleineren und ruhigeren Schule bleiben, aber mehr Begegnungen und gemeinsame Erlebnisse mit anderen haben. „Wir wollen auch normal sein und Freunde haben, mit denen wir etwas zusammen machen können.“

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Kultusministerin Henzler in der 9. Klasse

Die Inklusion ist auch für Waldorfschulen ein Thema. „Die Waldorfpädagogik ist eine ideale Grundlage für die Inklusion, denn unsere Förderschulen haben denselben Lehrplan wie die Waldorfschulen, wir arbeiten mit demselben Konzept,“ erläutert Norbert Handwerk, Landesgeschäftsführer der Freien Waldorfschulen in Hessen, „aber auch für uns ist es noch ein langer Weg. Wir erarbeiten gerade einen Zehnjahresplan, um Schritt für Schritt zusammenzuwachsen. Die Strohschein-Schule und die Waldorfschule in Oberursel sind hier Vorreiter. Wir versuchen solche Partnerschaften zu unterstützen, so dass eines Tages wirklich alle Schüler, egal mit welchen Stärken und Schwächen, in einer Schule auf einem Schulgelände unterrichtet werden können. Aber auch dann werden nicht alle Alles den ganzen Tag über zusammen machen können. Wenn alle Schüler nach den individuellen Bedürfnissen gefördert werden sollen, benötigen einige für bestimmte Zeiten oder bestimmte Fächer eine besondere Unterstützung, vielleicht auch nur eine kleinere Lerngruppe oder eine ruhigere Umgebung. Individualisierung bedeutet auch eine enorme Flexibilisierung der Unterrichtsorganisation, des ganzen Systems. Für diese Umstellung benötigen wir noch einige Zeit, aber wir haben damit begonnen.“

Kultusministerin Henzler war von den Leistungen der Förderschüler bei ihrem Unterrichtsbesuch beeindruckt. „Das hohe Niveau, das die Förderschulen bei der Unterstützung dieser Kinder und Jugendlichen mit besonderem Förderbedarf haben, darf nicht gefährdet werden. Deshalb wird es auch weiterhin Förderschulen geben, für alle die diese wünschen.“

Zum Abschluss verwies Henzler auf den Entwurf des Kultusministeriums für das neue Ersatzschulfinanzierungsgesetz: Die Landesbeihilfen für Förderschulen deckten bisher nur etwa die Hälfte der Kosten. Ab dem nächsten Jahr sollen sie eine Finanzhilfe von 90 Prozent der staatlichen Schulkosten erhalten. Diese Nachricht wurde von Schülern und Lehrern mit freudigem Beifall aufgenommen. Auch Norbert Handwerk bedankte sich im Namen der hessischen Waldorfschulen: „Das neue Berechnungsverfahren bildet die tatsächlichen, vollen Schulkosten so gut ab, wie bisher in keinem anderen Bundesland. Die Finanzmittel werden gerecht auf die verschiedenen Schulformen verteilt. Über die Zahlenbasis wollen wir aber im Rahmen der Anhörung noch nachverhandeln.“

Die Zuschüsse sollen nämlich bis 2018 nach den staatlichen Ausgaben von 2009 berechnet werden. Damit bekämen die Freien Waldorfschule wie insgesamt etwa ein Drittel aller freien Schulträger fast zehn Jahre keinerlei Erhöhung. Auch danach dürfen die Finanzhilfen jährlich nur um maximal zwei Prozent steigen. „Die reale Finanzhilfe wird sich dadurch immer weiter von dem nominellen Satz entfernen“, befürchtet Handwerk, „die Belastung unserer Eltern durch Schulgelder können wir daher immer noch nicht auf ein zumutbares Maß senken.“

Norbert Handwerk

Fotos: Meike Kluge