Die Freiheit in Rudolf Steiners Lebensgang

Bei der Betrachtung von Rudolf Steiners Leben treten immer wieder zwei Probleme auf, die meistens getrennt voneinander behandelt werden, die aber dadurch zu klären sind, dass man das eine Problem durch das andere sich beleuchten lässt.

Das erste Problem: die Widersprüche

Anthroposophie sieht in der Natur mannigfaltige Elementargeister und über dem Menschen verschiedene Hierarchien wirksam, sie beschreibt das Leben nach dem Tode und unter den Weltreligionen findet sie im Christentum ihr Zentrum. Diese Inhalte sind Glieder einer Weltanschauung, die das Jenseits oder das Transzendente zu erfassen suchen. In der „Philosophie der Freiheit“ andererseits werden jede Art von Transzendenz und Jenseits abgelehnt. Dort heißt es, dass außer durch Begriff und Wahrnehmung dem Menschen nichts gegeben ist. Es gibt keine außermenschliche Macht, die dem Menschen irgendetwas zu sagen oder zu befehlen hat. Die Erkenntnis und das Handeln sind ein Geschäft, das der Mensch mit sich selbst abzumachen hat. „An Gottes Stelle den freien Menschen!“ hieß das Motto des jungen Steiner. Der junge Steiner hat somit das Jenseits abgeschafft, in der Anthroposophie ist das ganze Jenseits wieder da. Sollte das nicht ein Widerspruch sein?

Schon Steiners Zeitgenossen sind solche und ähnliche Widersprüche aufgefallen, so dass zu diesem Problem viele ausführliche schriftliche Stellungnahmen Rudolf Steiners vorliegen. Sie laufen alle darauf hinaus, dass er sich nicht widersprochen habe, sondern dass seine Entwicklung geradlinig verlaufen sei.

Das zweite Problem: die Geistesschau

Von Jugend an war Rudolf Steiner die Wirklichkeit der geistigen Welt so gewiss wie die der sinnlichen. Mit aller Anschaulichkeit offenbarte sich ihm die geistige Individualität eines Menschen, die er nach ihrem Tode auf dem weiteren Weg in die geistige Welt hinein verfolgen konnte. Die früheren Erdenleben Fercher von Steinwands und Wilhelm Neumanns, denen er in Wien begegnete, sowie die frühere Inkarnation Ernst Haeckels, den er in seiner Weimarer Zeit kennenlernte, wurden ihm offenbar. Niemand in seiner Umgebung hatte für diese Seite seines Wesens Verständnis, und in der ersten Hälfte seines Lebens konnte er mit nur ganz wenigen darüber sprechen. In seiner Autobiographie „Mein Lebensgang“ schreibt Rudolf Steiner über dieses sein geöffnetes Geistesauge auffallend oft, immer wieder von den verschiedensten Seiten und in Bezug auf die mannigfaltigsten Inhalte. Diese Häufigkeit steht im Gegensatz zu dem, was ein gebildeter Mensch davon verstehen kann. Der heutige Mensch hält eine solche Fähigkeit kaum für möglich, auch stört ihn der wissenschaftliche Anspruch, den Rudolf Steiner mit seiner Geistesforschung verknüpfte.

Beide Probleme zusammenschauen

Das Jenseits, so wie es in der Anthroposophie erscheint, ist nicht ein geglaubtes oder nur gedachtes Jenseits, sondern ein wahrgenommenes Jenseits. Wer wie Steiner das Geistige in der Anschauung erfassen kann, der spricht von ihm als einem Diesseitigen. Wenn es in der „Philosophie der Freiheit“ heißt, außer durch Begriff und Wahrnehmung ist uns nichts gegeben, so ist dies gegenüber der Anthroposophie kein Widerspruch, weil die in der Anthroposophie eröffnete geistige Welt eine Wahrnehmungswelt ist. Dass es sich dabei um übersinnliche Wahrnehmungen handelt, spielt für das Wesentliche keine Rolle. Denn das Wesen der Wahrnehmung ist nicht ihre sinnliche Erscheinung, sondern dass sie uns ohne unser Zutun gegeben ist. Auch Begriffe und Ideen, ja sogar das Denken selbst werden uns zunächst als Wahrnehmungen gegeben. „Zunächst“ in diesem Zusammenhang heißt: solange wir sie noch nicht begriffen haben. Eine unverstandene Idee ist eine Wahrnehmung.

Warum aber hat Rudolf Steiner in seinem Frühwerk die Welt des Jenseits und die Glaubensinhalte des überlieferten Christentums mit so scharfen Worten abgelehnt? Es finden sich Passagen, die ein religiöses Gemüt verletzen können, beispielsweise in dem Buch „Friedrich Nietzsche - ein Kämpfer gegen seine Zeit“ (GA 5): „Menschen mit kranken Instinkten haben die Scheidung von Geist und Körper vorgenommen. Ein kranker Instinkt nur kann sagen: mein Reich ist nicht von dieser Welt. Eines gesunden Instinktes Reich ist nur diese Welt.“ Mit diesen Worten wird nichts gegen den vor Pilatus stehenden Jesus gesagt, auch wenn man es leicht so verstehen kann, sondern dieses Zitat aus dem Johannesevangelium steht in diesem Zusammenhang für den verfehlten Jenseitsglauben der Kirchen, es dient als Beispiel, um im Sinne Nietzsches mit starken Worten zu betonen, welche Schwäche und welche wirkliche Krankheit der Jenseitsglaube der christlichen Kirchen im Laufe der letzten Jahrhunderte über das Abendland gebracht haben. Das musste schon einmal gesagt werden, bevor dann „in dieser Welt“, das heißt in der Welt der diesseitigen Wahrnehmungen das Christentum wiedererschien. Das alte, bloß gedachte und bloß traditionell geglaubte Jenseits musste zuerst abgeschafft werden, bevor das neue, wahrgenommene Jenseits wieder da sein konnte. Wir würden sonst den kardinalen Unterschied dieser beiden Formen des Jenseits nicht begreifen.

Die Freiheit

Und nun das zweite Problem: Rudolf Steiners Geistesschau, seine Fähigkeit, exakte übersinnliche Forschung zu betreiben. Ist sie wirklich so absurd und unmöglich, wie sie uns normalerweise erscheint? Nein, denn schon im 15. Jahrhundert hat der Kardinal Nikolaus von Kues die erkenntniswissenschaftliche Grundlage dafür geliefert. Er sprach von der „docta ignorantia“ oder der „gelehrten Unwissenheit“. Er prägte damit einen Begriff, der in seiner methodischen Qualität mit der „Philosophie der Freiheit“ verstanden werden kann. Dass wir im Prinzip Geistiges oder Übersinnliches wahrnehmen können, ergibt sich ohne weiteres daraus, dass uns sogar Ideen und Begriffe bei ihrem ersten Auftreten durch Wahrnehmung gegeben sind. Allerdings ist unseren gewöhnlichen Begriffen und Vorstellungen noch viel Sinnliches beigemischt. Wenn wir aber das Denken selbst zum Wahrnehmungsobjekt machen, stehen wir der geistigen Welt in ihrer Reinheit gegenüber. Wir haben dann die Sinnenwelt verlassen, die geistige Welt ist da, aber sie hat in dieser Form noch keinen Inhalt. Wegen der an dieser Stelle sich ergebenden Methodengewissheit nannte Nikolaus diese Erkenntnis „gelehrt“, weil aber das Geistige an dieser Stelle keinen Inhalt hat, nannte er dieselbe eine „Unwissenheit“. Ebenso gut könnte man sie ein Nirwana nennen, wenn man östliche Namen bevorzugt. Steiner sprach von einer „Art Ausnahmezustand“, wenn er diese Form, mit der wir das Denken beobachten, kennzeichnen wollte. Wegen seiner Inhaltslosigkeit wird dieser Moment leicht verkannt und in seiner Bedeutung nicht gewürdigt. Deswegen ist der von Nikolaus geprägte Begriff so wertvoll, weil er mit starken Worten auf diese Bedeutung hinweist. Hier ist erfüllt, was Faust zu Mephisto sagte: „In deinem Nichts hoff ich das All zu finden“ (Faust II, Vers 6256). Nichts, Nirwana, Ausnahmezustand oder Unwissenheit sind indessen nur verschiedene Ausdrücke dafür, dass wir an dieser Stelle die Freiheit erleben. Diese wäre eben nicht da, wenn wir hier irgendein Etwas erleben würden.

Heute, 500 Jahre später, ist die gelehrte Unwissenheit des Cusaners durch Rudolf Steiners Freiheitsphilosophie zu unserem wissenschaftlichen Methodenbewusstsein geworden. Die Freiheit sowohl dem Sinnlichen als auch dem Übersinnlichen gegenüber, die bei Rudolf Steiner in so hohem Masse tätig war, kann heute jeder erreichen, denn sie ist unabhängig davon, wie viel vom Sinnlichen oder vom Übersinnlichen er erforscht oder durch Mitteilung erfahren hat. Diese Freiheit liegt heute man möchte es mit Nietzsche sagen im Erkenntnisinstinkt des Menschen.

Friedwart Husemann

Quelle: Das Goetheanum. Wochenschrift für Anthroposophie Nr. 47- November 2011