bis 28.5.

Turner Monet Twombly Later Paintings

Sonderausstellung

William Turner (1775-1851), Claude Monet (1840-1926) und der erst vergangenen Sommer verstorbene Cy Twombly (1928-2011) zählen zu den herausragenden Künstlern der letzten 200 Jahre. Erstmals in Deutschland treffen in der Staatsgalerie Stuttgart knapp 70 Spätwerke der drei Künstler, darunter allein 20 Gemälde von Monet, aufeinander. In einer großzügigen Hängung entstehen teilweise über die Raumgrenzen hinweg faszinierende Zusammenspiele zwischen den farbintensiven Bildern. Durch die Gegenüberstellungen wird eine Vielzahl tieferliegender Bezüge zwischen Turner, Monet und Twombly aufgedeckt: Sie treffen sich nicht nur in der Art und Weise, wie sie mit Farbe experimentieren, die Möglichkeiten der Malerei ausloten und dabei in einer für die Zeitgenossen nicht immer verständlichen Weise mit der Tradition brechen. Ihre Werke berühren ähnliche Motive und Themen: Sie setzen sich mit Tod und Vergänglichkeit auseinander, mit Veränderungen im Fluss der Zeit, mit der Natur als friedlichem Rückzugsort, aber auch mit der Natur als Bedrohung des Menschen.

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Joseph Mallord William Turner, Selbstporträt
© Tate, London 2012

Dialog der Künstler

Das Prinzip der Ausstellung ist der Dialog: Einzelne Werke der Maler treten auf radikale Weise zueinander in Beziehung. Es wird hier keine Geschichte der Abstraktion erzählt, für die Turner, Monet und Twombly mit unterschiedlichen Anteilen stehen; vielmehr geht es um formale und motivische Korrespondenzen zwischen einzelnen Gemälden und innerhalb von Werkgruppen. Der Betrachter erlebt ganz harmonische Sektionen wie den Eröffnungsabschnitt Atmosphäre, der dominiert wird von einer zurückhaltenden Farbigkeit und einer erstaunlichen Ähnlichkeit der drei Künstler in Bezug auf die Farbwirkung. Er wird aber auch mit provokativen Kontrasten konfrontiert, etwa wenn er Cy Twomblys fünf Meter lange Leinwand Untitled (Blooming: A Scattering of Blossoms and Other Things) (2007) in einem Raum mit Monets Nymphéas (1916-1919) aus der Fondation Beyeler vorfindet: eine abstrakte rote Komposition auf knallgelbem Grund trifft auf Monets subtil ausgewogene blaugrüne Farbstimmung.

Abstraktion und Farbe

Formale Qualitäten binden das Werk der drei Maler überzeugend zusammen, obwohl sie ganz unterschiedlichen Kunstepochen angehören: expressive Farben,Auflösung der Formen, die gestische Handhabung des Pinsels, ein Interesse am Atmosphärischen. Der Betrachter findet den bewegten und ausdrucksstarken Pinselduktus Cy Twomblys in Hero und Leandro (1981-1984) bei Monets Darstellung der wildtosenden See in Das Meer bei Fécamp (1881) wieder, oder in dem Gemälde Strandräuber Die Küste von Northumberland (1834) von William Turner. Das reine Gelb von Turners Sonnenuntergängen taucht in Monets Venedig-Impression San Giorgio Maggiore in der Abenddämmerung (1908) wieder auf, oder in Cy Twomblys Part II: Estate aus der Serie der Jahreszeiten (1993-1995), und gesteigert zu regelrechten Farbexzessen in den beiden Blättern Untitled (Sunset) von 1986. Die Grenze zwischen Wiedererkennbarkeit des Sujets und fast vollkommener Auflösung der Form in reine Farbund Lichtwirkung lotet schon Turner aus, etwa in einem so eindrucksvollen Gemälde wie Venedig mit Santa Maria della Salute (1840-1845), in welchem sich die Schemen der Architektur im Lichtdunst fast vollkommen verlieren. Was bei Turner noch Experiment ist, vielleicht den Status des Unvollendenten besitzt, wird bei Monet zu einem Markenzeichen seiner Kunst: Die atmosphärische Gesamtwirkung, der er die dargestellte Landschaft oder das architektonische Motiv vollkommen unterordnet. Cy Twombly gibt den Gegenstand zumeist ganz auf, er vertraut auf die evokative Kraft der Farbe.

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Cy Twombly, Untitled
© Cy Twombly Foundation

Motive und Themen: Mythos Venedig

Die Bezüge, die durch die Gegenüberstellung von Turner, Monet und Twombly entstehen, rühren nicht nur an der Oberfläche der Bilder. Die Werke sind um gleichermaßen offene wie anspielungsreiche Begriffe gruppiert. Schönheit, Kraft und Raum, Atmosphäre, Süßeste Lust Melancholie, Die Jahreszeiten, Feuer und Wasser, Die Lebenskraft und Eine schwebende Welt heißen die einzelnen Sektionen, in die der Kurator Jeremy Lewison seine Ausstellung einteilt. Teilweise dominiert in der Anordnung eine assoziative Offenheit. Dann wiederum stößt man auf Verdichtungen und Beziehungsgeflechte, die nur durch die eigenwillige Kombination der drei Künstler erfahrbar werden.

So kreist eine ganze Reihe von Werken um das Thema Tod und Vergänglichkeit. In Turners Gemälde „San Benedetto, in Richtung Fusina“ (1843) durchkreuzen Trauergondeln dunkel drohend die stille, vom Sonnenuntergang beleuchtete Lagune vor Venedig. Ganz im Gegensatz zu einem Gemälde wie „Venedig mit Santa Maria della Salute“ (1840-1845), in dem Turner das strahlende Licht der stolzen Seestadt feiert, stellt er hier die melancholische und morbide Seite der Lagunenstadt dar. Auch Monet ist fasziniert von der Stadt. Vordergründig interessiert er sich für deren lichte Atmosphäre und die farbintensiven Stimmungen. Doch das Wissen um die biographischen Hintergründe lassen Monets Venedig-Bilder in einem anderen Licht erscheinen: Seine Frau erkrankte kurz nach der Venedigreise, die sie 1908 gemeinsam unternahmen. Wenig später starb sie. Die Arbeit an den Venedig-Bildern geriet so auch zur Trauerund Erinnerungsarbeit. Das Bootsmotiv, das sowohl bei Turner als auch bei Monet in Form der Gondeln auftaucht, verbindet diese Bilder mit Werken Twomblys. Boote durchziehen leitmotivisch das Schaffen des amerikanischen Künstlers.

Die aus vorgefundenen Holzstücken zusammengesetzte Plastik „Winter’s Passage: Luxor“ (1985) lässt die Herkunft des Motives erkennen: der Form nach erinnert sie an antike Barken. Twomblys Boote spielen damit auf den mythischen Fährmann Charon an, der auf seiner Barke die Verstorbenen in das Reich des Totengottes Hades übersetzte. In einem erweiterten Bedeutungshorizont stehen sie für Vergänglichkeit, für den Fluss der Zeit und das Hinübergleiten in eine andere Existenzform. Eindringlich kommt dieser Aspekt in den „Quattro Stagioni (A Painting in Four Parts)“ (1993-1995) zum Ausdruck, wo das Bootsmotiv fast kalligraphisch aufgefasst wiederkehrt: In „Part IV: Inverno“ werden die nur noch angedeuteten Bootszeichen von der schwarzen Farbe geschluckt. Wie die Bootsmetaphorik, verweist die Jahreszeitenthematik ganz allgemein auf die Vergänglichkeit der Zeit.

Spätwerke der Künstler: Reife und ungebrochene Kreativität

Die Ausstellung rückt Spätwerke der drei gezeigten Künstler in den Fokus. Alle drei Künstler finden im Alter zu neuen Ausdrucksformen. Auch wenn ihre Werke verstärkt Themen wie Melancholie, Verlust, Trauer und Erinnerung behandeln, so ist die reife und späte Schaffensphase doch von einer ungebrochenen Kreativität und wachsenden Experimentierfreudigkeit gekennzeichnet.

Turner führt die Sujets seiner Bilder immer weniger aus, sondern interessiert sich immer mehr für die Wirkung von Licht und Farbe. Er vollendet nur noch wenige seiner Gemälde; stattdessen legt er die Grundatmosphäre und Farbkomposition nur flüchtig an. Es sind diese rätselhaften Bilder, für die sich das Publikum nach seinem Tod interessierte. Hier offenbart sich Turner als Inspirationsquelle des Impressionismus. Monet zieht sich aus der Welt immer mehr in den Mikrokosmos seines Gartens zurück. Es entstehen die zunehmend abstrakten Seerosenbilder, die er in immer neuen Variationen malt. Sie werden zum Ausdruck von Monets Weltflucht. Twombly schließlich entdeckt die expressive Farbigkeit im Alter für sich. Der geradezu obsessive und exzesshafte Einsatz von Farbe kommt so in früheren Schaffensphasen nicht vor. Er ist sichtbarer Ausdruck einer gesteigerten Lebenskraft.

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Joseph Mallord William Turner, San Benedetto
© Tate, London 2011

Die Ausstellung: Idee, Umfang, Leihgaben und Präsentation

Ermöglicht wird die Schau überhaupt erst durch großzügige Leihgeber. Die 22 Gemälde von Turner stammen zum größten Teil aus dem Turner-Nachlass, den die Tate Britain, London aufbewahrt. Ergänzend konnten Werke im Besitz des Yale Center for British Art, New Haven und des Sterling and Francis Clark Art Institute, Williamstown gewonnen werden. Werke von Monet verliehen u. a. das Musée d’Orsay, Paris, das Von der Heydt-Museum, Wuppertal, die Fondation Beyeler, Riehen, das Museum Folkwang, Essen, das Kunsthaus Zürich, die National Gallery of Art, Washington, das National Museum Wales, The Metropolitan Museum of Art, New York, und das Museum of Modern Art, New York.

Die Ausstellung wird organisiert vom Moderna Museet, Stockholm, in Zusammenarbeit mit der Staatsgalerie Stuttgart und Tate Liverpool.

Staatsgalerie Stuttgart