Waldorfbewegung präsentierte sich zukunftsorientiert auf der Didacta

Diskussionsrunden zu Interkulturalität und der gesunden Schule

HANNOVER (NNA) - Zukunftsimpulse für das Bildungswesen standen im Mittelpunkt des Auftritts der Waldorfbewegung auf der Bildungsmesse Didacta vom 14. bis 18. Februar in Hannover. Auch im 93. Jahr nach ihrer Gründung habe die Waldorfpädagogik ein überzeugendes Innovationspotential vorzuweisen, erklärte Henning Kullak-Ublick, Vorstandsmitglied im Bund der Freien Waldorschulen, laut Pressemitteilung im Vorfeld der Bildungsmesse.

In Beiträgen zu den Zukunftsaufgaben des Bildungswesens befassten sich Waldorf- und andere Experten in Podiumsgesprächen mit aktuellen Bildungsfragen. So besprachen Prof. Michael Brater von der Alanus Hochschule und der Gesellschaft für Ausbildungsforschung und Berufsentwicklung (GAB), München, der taz-Bildungsexperte und Buchautor Christian Füller und Zan Redzic, Klassenlehrer an der Interkulturellen Waldorfschule Mannheim am Anfang der Woche „Waldorfschule und Interkulturalität“.

Moderator Henning Kullak-Ublick verwies in seiner Einleitung am Beispiel Stuttgart auf den ständig steigenden Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund, der bei den Neugeborenen rund zwei Drittel betrage. Das Thema Interkulturalität gewinne so ständig an Bedeutung.

Klassenlehrer Zan Redciz berichtete aus dem Schulalltag des Waldorfschulen-Pilotprojekts in einem sozialen Brennpunkt, bei dem beispielsweise auch das muslimische Zuckerfest am Ende des Fastenmonats Ramadan gemeinsam gefeiert werde. Der zurzeit in Spanisch, Türkisch, Russisch, Kroatisch und Polnisch stattfindende sogenannte „begegnungssprachliche Unterricht“ fördere das gegenseitige Verständnis der Schüler. Viel hinge aber auch von der Haltung der Lehrer ab: „Sie müssen offen sein und zuhören, was von den Schülern kommt“, so Redzic. Ein Rezept im Umgang mit den benachteiligten Kindern und Jugendlichen gebe es nicht. Er forderte, die Lehrer in ihrer Ausbildung besser auf diese Aufgabe vorzubereiten.

Das „Geheimnis des Erfolgs“ der Interkulturellen Waldorfschule Mannheim liege in dem wichtigen waldorfpädagogischen Grundsatz, dass Heterogenität nichts Schwieriges, sondern etwas prinzipiell Bereicherndes sei, schlussfolgerte Prof. Brater, der die Interkulturelle Waldorfschule einige Jahre lang wissenschaftlich begleitet hat. Besonders spektakulär war dabei das Ergebnis der sprachfördernden Wirkung des Unterrichts. Im zweiten Schuljahr seien in der Sprachkompetenz keine Unterschiede mehr zwischen Kindern mit deutscher oder anderer Muttersprache festzustellen gewesen. Dies liege auch an der gewollten Zusammensetzung der Klassen mit höchstens 50 Prozent Kinder mit Migrationshintergrund.

Christian Füller sah in der Mannheimer Schule einen „Testlauf, ob Waldorf auch anders kann“. Nach der Gründung durch den Fabrikanten Emil Molt vor mehr als 90 Jahren sei die Waldorfschule zugleich Bürger- und Arbeiterschule gewesen, die „Wurzeln sind also beide da“, betonte Füller. Er forderte die Waldorfschulen auf, sich mehr mit modernen Unterrichtsmethoden auseinanderzusetzen. Auch Prof. Brater wünschte sich die Waldorfschulen „mehr in Bewegung“ und unterstrich die innovativen Impulse, die von der Interkulturellen Waldorfschule Mannheim ausgehen.

„Kann Schule gesund sein?“ diskutierten zwei Tage später der Kinderarzt Dr. med. Jan Vagedes (Filderklinik bei Stuttgart) und Dr. Christoph Hueck (Freie Hochschule Stuttgart). Die so genannten neuen Kinderkrankheiten wie Konzentrations- oder Schlafstörungen müssten genauso ernst genommen werden wie die früheren Infektionskrankheiten, forderten die Experten. Arzneimittel könnten hier keine Lösung sein, betonte Moderatorin Celia Schönstedt und wies darauf hin, dass der Verbrauch von Ritalin in Deutschland von 34 kg 1993 auf 1,8 Tonnen im Jahr 2010 gestiegen sei. Dem setzten Hueck und Vagedes „die Idee einer gesundenden Schule“ entgegen.

Die Waldorfschule sei von ihrem Gründer Rudolf Steiner von Anfang an mit der Absicht konzipiert worden, Schule müsse zur Gesunderhaltung beitragen, betonte Dr. Hueck. Dies gehe weit über die übliche Gesundheitserziehung an Schulen hinaus, die vorwiegend auf Sport und gesunde Ernährung setze. „Die Idee besteht darin, dass die Art des Unterrichts und die gesamte Gestaltung der Schule auf die Gesundheit der Kinder einwirkt“, so Hueck.

Dies bedeute konkret, erläuterte Dr. med. Jan Vagedes, dass nicht nur die kognitive Seite der Kinder und Jugendlichen angesprochen werde. „Der Unterricht muss nicht nur den Kopf, sondern auch Herz und Hand ansprechen. Wichtig ist außerdem, dass dies im Wechsel geschieht.“ Vagedes veranschaulichte seine These durch den Vergleich mit dem Herz-Kreislaufsystem, dessen Stabilität vom Wechsel zwischen An- und Entspannung abhänge.

Unterrichtskonzepte wie G 8, die mit ihrer Stoffmenge die Schüler ständig unter Druck setzten, blieben nicht ohne Auswirkung auf die Gesundheit. Die beiden Experten belegten ihre Aussagen mit einem Experiment zur Herzratenvariabilität (HRV), das die Besucher der Veranstaltung an einem Monitor mitverfolgen konnten. Anhand der Darstellung von Puls- und Herztätigkeit einer Teilnehmerin war zu sehen, wie sich zum Beispiel die Anspannung beim Lösen einer Rechenaufgabe direkt auf die Herztätigkeit auswirkt. „Das Herz ist keine einfache Pumpe, sondern ein feines Sinnesorgan, das jede Belastung sofort abbildet“, betonte Hueck. So sei der Stress eines Managers auch an verringerter Herzratenvariabilität erkennbar, während jemand, der viel meditiere, eine stärker ausgeglichene Herztätigkeit, sogenannte Kohärenz, aufweise.

Zum Gesundheitskonzept der Waldorfschulen gehört nach Aussage der beiden Experten auch das Fach Eurythmie: „Mit der Eurythmie steht uns eines der wirkungsvollsten Heilmittel zur Verfügung, ganz besonders in Form der therapeutisch wirkenden Heileurythmie“, so Vagedes. Er verglich die Bewegungskunst Eurythmie, die es nur an der Waldorfschule gibt, mit Tai Chi, das unter anderem in China zum Alltag gehöre. Entscheidend dabei sei die „beseelte Bewegung“, durch die ein Gleichgewicht zwischen innerem Erleben und äußerem Handeln erreicht werde. Wie das moderne Stressmanagement zeige, sei dieses Gleichgewicht entscheidend für die Fähigkeit, mit Stress gesund umzugehen. Die Anwesenden konnten während der Veranstaltung auch selbst eine eurythmische Übung ausprobieren.

Für Aufsehen sorgt auf Europas größter Bildungsmesse auch der von dem Bildhauer Ulrich Lindow als begehbares Kunstwerk gestaltete Messestand. Auch die zahlreichen künstlerischen und handwerklichen Darbietungen von Waldorfschülern aus der Region, die beim Messeauftritt der Waldorfschulen auf der didacta schon Tradition sind, begeistern die Messebesucher.

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