Herausforderung Rudolf Steiner

Zum Umgang mit Steiners geistigem Erbe im öffentlichen Diskurs

(Wien/Dornach, 27. Februar 2012) Die internationale Ausrichtung des Rudolf Steiner-

Jahres 2011 hat entscheidend dazu beigetragen, dass die lange Zeit verbreiteten Berührungsängste mit dem universellen Denker und Sozialreformer Steiner den Peter Sloterdijk kürzlich als den „größten mündlichen Philosophen des 20. Jahrhunderts“ bezeichnete aufs Neue herausgefordert und die daraus resultierende Vermeidungshaltung im öffentlichen Diskurs kritisch beleuchtet und hinterfragt wurde.

Zwar konnten infolge einer unerwartet breiten und konstruktiven internationalen Medienresonanz zahlreiche Ressentiments in Hinblick auf Steiner und die Anthroposophie abgebaut und alte Denkblockaden und Klischees überwunden werden und man sei, so Sloterdijk, heute eher bereit, in Steiner nicht so sehr den Guru zu sehen, sondern ein ganz normales Genie , trotzdem scheint Steiner, dessen Impulse längst im gesellschaftlichen Mainstream angekommen und weltweit wirksam sind, nach wie vor gerade im deutschsprachigen Raum eine gewisse Zumutung darzustellen, das Spannungsfeld zwischen undifferenziert-stereotyper Anfeindung auf der einen und unbeirrbar-dogmatischem Anhängertum auf der anderen Seite weiterhin unterschwellig die öffentliche Meinung zu polarisieren.

Dabei ist der Umstand interessant, dass als Hauptargument für die mitunter kategorische Ablehnung der Person Steiners und der von ihm entwickelten Anthroposophie einer Geisteswissenschaft, die Mensch und Kosmos in einen engen Zusammenhang stellt, von der Existenz einer geistigen Welt ausgeht und diese mit wissenschaftlicher Exaktheit zu beschreiben versucht immer wieder seine als „obskur“ bezeichneten „esoterischen Lehren“ genannt werden und andererseits eine kürzlich veröffentlichte IMAS-Studie belegt, dass nahezu drei Fünftel der Österreicher „keinen Zweifel an der Existenz von Schutzengeln haben und daran glauben, dass eine höhere Macht unser Schicksal lenkt“. Das Fazit der Studie ergab, dass „es in der Bevölkerung fernab kirchlicher Bindungen und klerikaler Riten eine obdachlose Religiosität gibt, die in ihrer statistischen Verbreitung wahrscheinlich unterschätzt wird“ und dass „leere Kirchenbänke und gekündigte Mitgliedschaften wenig über die gedankliche Beschäftigung der Menschen mit Fragen besagen, die auch durch die Urknalltheorie und modernste naturwissenschaftliche Erkenntnisse nicht ausreichend beantwortet werden können“.

Der Umgang mit Steiners geistigem Erbe in der öffentlichen Diskussion und der unbefangene Zugang zu seinem mehr als 90.000 Druckseiten umfassenden Werk bleibt wohl auch 151 Jahre nach seiner Geburt eine nachhaltige Herausforderung. Um so mehr ergibt sich als Konsequenz der im Jubiläumsjahr neu angeregten Steiner-Rezeption und vor dem Hintergrund anhaltender weltweiter Krisenerscheinungen die Fragestellung, welche Relevanz und welches Potenzial sich rund ein Jahrhundert nach ihrem Auftreten gerade aus jenen Ideen Steiners eröffnen könnte, auf die der Blick bislang durch Ressentiments in der öffentlichen Wahrnehmung versperrt war, und welche Denk- und Lösungsansätze für brennende Zeit- und Zukunftsfragen sich möglicherweise heute daraus schöpfen lassen.

Mit ähnlichen Fragestellungen hat sich aktuell auch der renommierte Filmemacher und ehemalige BBC-Produzent Jonathan Stedall dem Phänomen Steiner genähert

Neuer Dokumentarfilm: The Challenge of Rudolf Steiner

Ein Dokumentarfilm des britischen Filmemachers und Produzenten Jonathan Stedall ist bei CUPOLA Produtions als Doppel-DVD erschienen.

Gedreht im Jahr 2011 dem 150-jährigen Jubiläum von Rudolf Steiners Geburt erzählt die zweiteilige Dokumentation des renommierten britischen Filmemachers und ehemaligen BBC-Produzenten Jonathan Stedall die bemerkenswerte Lebensgeschichte Rudolf Steiners (1861-1925) und erkundet den Einfluss seiner Ideen und Impulse auf eine Vielzahl zeitgenössischer Aktivitäten in Bereichen der Bildung, der Landwirtschaft, der Medizin und der Künste sowie sozialer und finanzieller Betätigungsfelder auf allen Kontinenten.

Teil 1 des umfassenden Dokumentarfilms beschäftigt sich in 90 Minuten mit Steiners Biographie sowie Beispielen seines Vermächtnisses u.a. in Großbritannien, Indien und den USA, darunter etwa der Waldorfpädagogik, der biologisch-dynamischen Landwirtschaft, der Camphill-Bewegung für Menschen mit besonderen Bedürfnissen, der Eurythmie sowie der anthroposophischen Sozialtherapie und Kunst.

Teil 2 (105 min.) geht auf das Thema Reinkarnation und Karma ein (gefilmt wurde u.a. in einem Gefängnis in South Wales, in einem College für benachteiligte Jugendliche bei Ruskin Mill in Gloucestershire sowie einem Kurs für Biographie-Berater am Emerson College in Sussex) und berichtet über die US-Waldorfschulen in Hawthorn Valley und Washington DC, ein bio-dynamisches Weingut in Kalifornien und die Copake Camphill-Gemeinschaft.

Der Film schließt mit Beispielen von Steiners Einfluss auf die Medizin in der Schweiz und England und gipfelt in einer Sequenz einer internationalen medizinischen Konferenz am Goetheanum in der Schweiz.

Der offizielle Trailer zum Film wurde binnen weniger Tage von 10.000 Menschen angeklickt und ist auf vimeo.com abrufbar: http://vimeo.com/36636191.

Jonathan Stedall war über 27 Jahre lang als Produzent bei der BBC tätig und drehte in den letzten 50 Jahren 150 Dokumentarfilme. Für seinen Film „In Need of Special Care“ über eine Camphill-Schule in Schottland erhielt er einen British Film Academy Award.

Zu seinen weiteren vielbeachteten Filmproduktionen gehören Biografien über Tolstoi, Gandhi und C.G. Jung sowie drei Filme für die BBC-Serie „The Long Search“. Sein Buch „Where on Earth is Heaven?“ wurde 2009 bei Hawthorn Press veröffentlicht.

Vera Koppehel