Waldorfpädagogik in Kirgistan

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Kirgistan ist ein kleines Land in den nordwestlichen Gebirgsausläufern von Himalaja und Pamir. Die Hauptstadt Bischkek, eine Millionenstadt nahe der Grenze zu Kasachstan, liegt an einem alten Knotenpunkt der Seidenstraße. Diese war früher der wichtigste Handelsweg Asiens und stellte eine Verbindung zwischen Asien und Europa dar. Die Seidenstraße, von Samarkand und Taschkent kommend, führt von Bischkek weiter nach Almaty (früher Alma Ata) und hinüber nach China und umgeht damit nördlich die hohen Gebirge. Kirgistan war durch diese Lage schon immer ein Durchgangsland, Handel treibend und vermittelnd. Noch heute befindet sich am nördlichen Rand der Hauptstadt der größte Basar Zentralasiens, von dem tausende Händler täglich die dort eingekauften Waren über die Grenze nach Kasachstan bringen.

Andererseits hat Kirgistan eine alte Kultur, die sich manifestiert in dem Nationalepos „Manas“, mit dem sich die Kirgisen stark identifizieren. Es wird noch heute auf Festen vorgetragen. Schon im Kindergarten lernen die Kleinen es rezitieren. Der Bildungsstandard im Land ist hoch. Man tut viel für Musik und Literatur. Die zeitgenössische Literatur Kirgistans ist durch die Bücher des Schriftstellers Tschingis Aitmatov weltberühmt geworden.

Die heilpädagogische Einrichtung Nadjeschda

In den letzten zwanzig Jahren ist Bischkek zum Zentrum der Waldorfpädagogik in Zentralasien geworden. Das ist der heilpädagogischen Einrichtung „Nadjeschda“ zu verdanken, die dort vor 22 Jahren von Karla Maria und Igor Schälike gegründet wurde. Sie umfasst heute eine Schule bis zur 9. Klasse, therapeutische Einrichtungen, betreute Werkstätten, Wohngruppen, einen heilpädagogischen Kindergarten.

„Nadjeschda“ ist im ganzen Land sehr anerkannt, Vertreter der Einrichtung werden von der Regierung in pädagogischen Fragen konsultiert. „Nadjeschda“ erhält aber keinerlei Geld vom Staat.

Es gibt dort eine intensive anthroposophisch heilpädagogische Arbeit und jeden Samstag eine Fortbildung für alle Mitarbeiter. Das strahlt aus. Im Laufe der Jahre haben sich Mitarbeiter selbständig gemacht und den Impuls in eigene kleine Einrichtungen mitgenommen. Heute gibt es in Bischkek neben dem heilpädagogischen Kindergarten zwei Waldorfkindergärten, einer mit einer Gruppe, der andere mit zwei Gruppen und einer Vorschulgruppe, aus der in nächster Zeit wohl eine Waldorfschule entstehen wird. Am Rande der Stadt gibt es noch einen integrativen Waldorfkindergarten (Kök Schar), ebenso in Örnök am Issikul, dem großen See am Fuße der Berge. Inzwischen gibt es in verschiedenen Teilen des Landes Menschen, die nach dem Ausbildungskurs versuchen, die Waldorfpädagogik in ihrer Einrichtung umzusetzen.

Wie kam es zu diesem Ausbildungskurs?

2004 entstand die Idee, in Bischkek eine Tagung zu veranstalten und waldorfpädagogisch arbeitende Menschen aus Kirgistan und aus den Nachbarländern Kasachstan und Tadschikistan zur gemeinsamen Arbeit einzuladen. Man kam zu diesem „zentralasiatischen Seminar für Waldorfpädagogik“, und es entstand eine fruchtbare Zusammenarbeit, die bis heute anhält. In Kasachstan gab es damals drei Waldorfschulen und ebenso viele Waldorfkindergärten, in Tadschikistan jeweils zwei.

Heute arbeiten in Kasachstan die Waldorfschulen in den Städten Uralsk und Ust Kamenogorsk. In Almaty musste die ursprüngliche Waldorfschule, die Teil einer staatlichen Schule war, schließen. Inzwischen gibt es in der Stadt aber eine neue kleine Waldorfschule mit drei Klassen, eine viel versprechende Initiative, einen Waldorfkindergarten und eine hortähnliche Tageseinrichtung. In Tadschikistan arbeitet nur noch eine Waldorfschule mit Kindergarten in Chudshand.

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Seminar für Waldorfpädagik

Das erste zentralasiatische Seminar für Waldorfpädagogik 2004, das mit deutscher und finnischer Hilfe durchgeführt wurde, war ein großer Erfolg. Und da es auch über das Bildungsministerium und über die pädagogische Universität bekannt gegeben wurde, lockte es auch an Waldorfpädagogik interessierte Menschen an. Seither findet dieses Seminar jedes Jahr zu Beginn der Sommerferien statt und zieht immer mehr Menschen an, in diesem Jahr 93 Menschen. Viele haben im Laufe der Jahre die Waldorfpädagogik hier kennengelernt und kommen jedes Jahr wieder, um die Kenntnis zu vertiefen. Man darf nicht vergessen, dass in den zentralasiatischen Ländern im Erziehungswesen noch immer sowjetische Strukturen und Konzepte herrschen. Es gibt in Bischkek städtische Kindergärten mit 300, ja 600 Kindern und Gruppen mit bis zu 60 Kindern. Da wird den ganzen Vormittag über Unterricht gemacht, mit viel Disziplin.

Man muss den Kindern ja viel beibringen. Das einzige freie Spiel gibt es, wenn die Kinder eine Stunde lang draußen sind. Wenn die Kindergärtnerinnen dann beim zentralasiatischen Seminar in der Arbeitsgruppe erfahren, wie anders man das Wesen des Menschen und des Kindes verstehen und seine Entwicklung begleiten und fördern kann, sind sie tief betroffen und begeistert, dass es so etwas gibt, und fragen nach einer Ausbildung.

Berufsbegleitende Ausbildung

Und so kam es 2007 zu einem berufsbegleitenden Ausbildungskurs für Waldorfpädagogik im Kindergarten mit anfangs 45 Teilnehmerinnen. Sie kamen aus Bischkek und dem übrigen Land, einige auch aus Almaty (Kasachstan). Dieser Kurs wurde von Igor Schälike (Bischkek), Peter Lang und Marie Luise Compani (Deutschland) durchgeführt und von IASWECE unterstützt.

Die zweijährige Praxisphase des Kurses habe ich übernommen, habe mit Kolleginnen aus Russland und aus Deutschland Blockwochen durchgeführt und die Teilnehmerinnen in ihren Einrichtungen besucht. Der Kurs endete mit 30 Teilnehmerinnen im November 2011. Interessenten für eine neue Ausbildung melden sich schon.

Zu den Teilnehmerinnen des Kurses, der in der Arabaeva Universität für Pädagogik und Psychologie stattfindet, gehören Mitarbeiterinnen aus den genannten Waldorfkindergärten, Waldorflehrer aus Almaty und zwei Deutsch Lehrerinnen aus Karakol, einer Stadt im Osten des Landes, die in Ihrer Schule den Deutsch Unterricht der unteren Klassen nach der Methode des Fremdsprachenunterrichts an Waldorfschulen aufbauen und damit guten Erfolg haben. Auch eine Pädagogik Professorin der Universität nimmt am Kurs teil.

Dann gehört eine große Gruppe von Erzieherinnen dazu, meist Leiterinnen städtischer oder staatlicher Kindergärten aus Bischkek und aus dem Süden des Landes, dem Gebiet um die Stadt Batken.

Die Leiterinnen in Bischkek haben vor zwei Jahren alle Kindergartenleiterinnen der Stadt zu einem eintägigen Workshop über Waldorfpädagogik eingeladen und ihre Kenntnisse an die Kolleginnen weitergegeben. Im eigenen Kindergarten haben sie immer wieder Inhalte des Kurses, vor allem die praktischen Arbeiten, an die Mitarbeiterinnen vermittelt und sie angeregt, das eine oder andere im Alltag zu übernehmen. Aber das ist schwer, der Druck des Erziehungssystems ist zu groß, und nur wenige verstehen, dass das Spiel die adäquate Form kindlichen Lernens im Kindergartenalter ist.

Neuer Einfluss auch in der Region Batken

In der Gegend um Batken liegt die Sache etwas anders. Dort sind die Kindergärten kleiner und unterstehen nicht dem Staat, sondern der jeweiligen Gemeinde. Diese Gemeinde Kindergärten gehören zu einem Projekt, das von UNICEF finanziell unterstützt wird. Die Leiterin dieses Projektes sowie einige Kindergartenleiterinnen und Erzieherinnen nehmen am Kurs in Bischkek teil. Sie haben die Ergebnisse der Ausbildung regelmäßig in den Treffen der Leiterinnen und in Workshops weitergegeben. Die Erzieherinnen saugen alles begierig auf und beginnen hier und da die Arbeit mit den Kindern zu verändern. Und so trifft man dann in einem Dorf „An den grauen Bergen“ auf einen kleinen Kindergarten, in dem viele Elemente der Waldorfpädagogik zu Hause sind. In der Stadt Batken gibt es in einem Kindergarten eine „Waldorfgruppe“. Die Erzieherin hat im Kurs in Bischkek nicht nur vieles gelernt, sondern sich vieles zu eigen gemacht, sodass sie es bei den Kindern umsetzen kann, Musikalisches, Sinnespflege, Spielzeug, Märchenerzählen und Puppenspiel zum Beispiel. Sie braucht, wenn das wirklich dauerhaft pädagogisches Profil werden soll, dass eine erfahrene Kollegin bei ihr hospitiert, sie anleitet und begleitet. Die anderen brauchen sie ebenfalls.

Dabei gibt es noch eine besondere Aufgabe. In Kirgistan kommen die Kinder erst mit 7 Jahren in die Schule. Dann müssen sie aber bereits Schreiben, Lesen und Rechnen können, und das muss der Kindergarten leisten. Auch die Waldorfkindergärten sind davon nicht ausgenommen. Wie das im Sinne der Waldorfpädagogik zu machen ist, muss in einer extra Fortbildung noch vermittelt werden.

Das Interesse an der Waldorfpädagogik ist in Kirgistan groß, denn viele Menschen leiden an den herrschenden Erziehungsmethoden. Und wenn die politischen Verhältnisse sich nicht zum Negativen verändern, dann wird die Waldorfpädagogik in Kirgistan wachsen und Fuß fassen. Aber dafür braucht es noch Zeit.

Wolfgang M. Auer

IASWECE

Fotos: Wolfgang M. Auer