Es wächst zusammen, was zusammengehört

Komplementärmedizin in Onkologie angekommen

„Die Komplementärmedizin ist heute aus einem Brustzentrum nicht mehr wegzudenken, weil die meisten Frauen Mittel und Verfahren aus dieser Therapierichtung anwenden“ – dieses Statement von Prof. Dr. Marion Kiechle, Direktorin der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Klinikum rechts der Isar in München, ist ein Beweis dafür, dass sich Komplementär- und Schulmedizin heute auf Augenhöhe begegnen.
Noch vor mehreren Jahren wäre ein solcher Kongress undenkbar gewesen: in dieser Größenordnung und unterstützt von den großen medizinischen Fachgesellschaften und der Deutschen Krebshilfe. In ihrem Grußwort unterstrich auch Birthe Hilbert, Leiterin des Berliner Büros der Deutschen Krebshilfe, die große Relevanz des offenen und transparenten Dialogs.

Integrative Ansätze

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Prof. Marion Kiechle, Direktorin der Klinik für Frauenheilkunde, München

Knapp 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren aus ganz Deutschland nach Berlin gekommen, um sich auf dem Ärztekongress am 4. Februar 2012 sowie auf dem Patienteninnentag am 5. Februar über die Möglichkeiten und Herausforderungen der Integrativen Onkologie zu informieren. Die Leiterin der Berliner Geschäftsstelle der Gesellschaft für Biologische Krebsabwehr, Irmhild Harbach-Dietz, sprach vielen Teilnehmern aus dem Herzen:„Ich bin sehr froh über diesen Kongress – die Zeit ist reif dafür, aus Patientinnensicht sogar überreif.“
Während die Integrative Onkologie in den USA in allen renommierten Tumorzentren selbstverständlich zum Therapieangebot gehört, hat Deutschland hier noch erheblichen Nachholbedarf. „Gesundheitspolitik, Krankenkassen und auch die deutsche Forschungslandschaft interessieren sich noch zu wenig für integrative Ansätze. Unsere Arbeit finanziert sich nahezu ausschließlich aus Spenden- und Stiftungsgeldern. Das muss sich ändern!“, so Prof. Dr. Gustav Dobos, Direktor der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin an den Kliniken Essen-Mitte.
Gut 90 Prozent der Brustkrebspatientinnen wenden Komplementärmedizin an, allerdings meist ohne mit ihren behandelnden Onkologen darüber zu sprechen. Die Ärztin und Brustkrebspatientin Rita Rosa Martin, Berlin, wünschte sich deshalb „eine Entheimlichung der komplementären Medizin, damit die Patientin offen mit ihrem Arzt über ihre Behandlungswünsche sprechen kann und die Wertschätzung zurückbekommt, die sie benötigt, um Vertrauen in die Therapie zu haben.“ Der Begriff ‚Integrative Onkologie’ ist ihrer Meinung nach jedoch noch nicht klar genug definiert: „Die Formulierung ‚dialogische Onkologie’ trifft den Sachverhalt in meinen Augen besser, weil sie die Perspektive der Patientin mit einschließt.“ Und Dr. Marion Debus, Leitende Ärztin der Onkologischen Schwerpunktstation am Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe, Berlin, ergänzt: „Integrieren heißt Wiederherstellung eines Ganzen, und wir müssen uns fragen, ob nicht auch die Medizin einer neuen Ganzheit bedarf.“

Dialog ist wichtig

Dass sich Komplementär- und Schulmedizin heute auf Augenhöhe begegnen, bestätigt auch Dr. Thomas Breitkreuz, Geschäftsführender Vorstand der Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte in Deutschland: „Wir sind dabei, eine neue Gesprächskultur zu entwickeln.
Nicht mehr das Entweder-Oder steht im Vordergrund, sondern der Dialog, das macht Mut!“ Das ist auch das Kernanliegen des Dialogforums Pluralismus in der Medizin an der Bundesärztekammer, das sich mit zwei eigenen Workshops an dem Kongress beteiligte.
Praktischen Anschauungsunterricht in Sachen „dialogische Onkologie“ gaben Prof. Dr. Martin Carstensen und die TCM-Spezialistin Barbara Kirschbaum vom Kooperativen Mammazentrum im Jerusalem-Krankenhaus in Hamburg sowie Prof. Dr. Gustav Dobos und PD Dr. Sherko Kümmel vom Klinikum Essen-Mitte, ergänzt durch Prof. Dr. Marion Kiechle, München, und Dr. Anette Voigt vom Brustzentrum Herdecke. Besonders spannend findet es die Herdecker Gynäkologin, den Weg von Patientinnen zu begleiten, die einer Therapieempfehlung nicht folgen. „Da sind immer wieder ganz erstaunliche Heilungsverläufe zu beobachten, und wir lernen mit jeder Patientin.“ Deutlich wurde: Jedes Zentrum interpretiert und gestaltet ein eigenes integratives Therapiekonzept.

Best Practice-Beispiele

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Foto: Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe

An beiden Kongresstagen wurde anhand von Best Practice-Beispielen eine Vielfalt von Themen diskutiert, zum Beispiel bei den Ärzten Fragen zur Misteltherapie, Psycho-Onkologie, Hyperthermie, aber auch Aspekte der Spiritualität und Achtsamkeit. Bei den Patientinnen ging es um Themen wie Ernährung, Bewegung sowie immer wieder um beeindruckende Beispiele zur individuellen Bewältigung der Krankheit. In einer Podiumsdiskussion erörterten ÄrztInnen und Selbsthilfe-VertreterInnen die Frage, wie Patientinnen heute eine Therapie bekommen können, die sowohl dem neuesten Stand des Wissens entspricht als auch ihrer individuellen Situation Rechnung trägt.
„Leitlinien sind keine Zwangsverpflichtungen, sondern Empfehlungen, nach denen sich Ärzte richten können, aber nicht müssen“, meinte Prof. Dr. Kurt Possinger, Direktor der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Hämatologie und Onkologie an der Charité Berlin. Dem schloss sich auch Prof. Dr. Tanja Fehm an, Leitende Oberärztin der Gynäkoonkologie an der Frauenklinik am Universitätsklinikum Tübingen und Mitglied der Leitlinien-Kommission der Arbeitsgemeinschaft Onkologie in der Gynäkologie. Sie ist sich sicher, dass die Komplementärmedizin künftig in den Leitlinien berücksichtigt werden wird.
Beide verwiesen darauf, dass auch die positive Wirkung des Arzt-Patienten-Verhältnisses auf Krankheitsverlauf und Therapie nicht zu unterschätzen seien.
Das gilt umgekehrt allerdings auch für die Ärzte: „Ich habe gelernt, den Willen der Patientin zu akzeptieren“, gestand Prof. Dr. Marion Kiechle, „früher war es für mich viel schwieriger, wenn eine Patientin meine Therapieempfehlung nicht annahm.“
Patientinnen erleben heute zunehmend, und vor allem in Brustzentren, die integrativ arbeiten, dass sie in ihrer Individualität ernstgenommen werden. Eine Haltung, die sich auch in diesem Kongress eindrücklich spiegelte.
Der Kongress wurde ausgerichtet von der Gesellschaft für Anthroposophische Ärzte in Deutschland (GAÄD) und dem Dachverband Anthroposophische Medizin in Deutschland (DAMiD), zu den Mitveranstaltern gehörte die Frauenselbsthilfegruppe mamazone – Frauen und Forschung gegen Brustkrebs e.V. sowie die Gesellschaft für Biologische Krebsabwehr. Als Schirmherren und Programmpartner haben sich unter anderem die Deutsche Krebshilfe, die Bundesärztekammer, die Deutsche Gesellschaft für Senologie und die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie beteiligt.

DAMiD