Biografie im Netz

Gegenwärtig sind es 20 Millionen Menschen in Deutschland und über 800 Millionen weltweit, die sich bei Facebook mit Einträgen zu ihrer Person finden lassen.

Bemerkenswerte Zahlen. Wenn man alle die abzieht, die keinen Zugang zur Technologie haben – also neben Säuglingen und Altersgebrechlichen aus der westlichen Welt die Millionen Analphabeten aus der sogenannten Dritten Welt –, dann ist es nicht mehr nur rund ein Siebtel der Menschheit, dann sind es weit mehr Beteiligte. Vielleicht ist es auch nur eine Frage der Zeit, bis ein neuer Trend aufkommt und jemand auf die Idee verfällt, für all die Un mündigen ein Profil zu erstellen, für den dementen Großvater beispielsweise, dass er nicht verloren geht im Bewusstsein der sogenannten Netzgemeinde. Facebook genießt Kultstatus. Diese Worte sind kein Zufall, Gemeinde und Kult, sie entsprechen der Wirklichkeit der Nutzer. Als technisches Instrument, als Werkzeug wird Facebook gefeiert und verklärt als Plattform der Freiheit. Es wird betrachtet als ein soziales Gesamtkunstwerk, das eine Zwischenmenschlichkeit jenseits der Raum- und Zeitgrenzen ermöglicht, sodass der Individualwille von Personen, virtuell gebündelt, zu einer Strombewegung im Realen werden kann. In Windeseile kann seelisch-geistige Intention sich so rhythmisch zur gesellschaftspolitischen Großmacht zusammenfinden, ballen und lösen, ethischer Individualismus unmittelbar seinen Ausdruck finden, frei fluktuierend im Mainstream der Datenbahn. So weit das vielfach beschworene Ideal.

Die Sehnsucht nach Nähe ist groß

Dem gegenüber darf nicht vergessen werden, was Facebook selbst ist. Eine Firma, eine wirtschaftliche Unternehmung, deren einziger und offen erklärter Selbstzweck darin besteht, Werbetreibende zu vermitteln an potenzielle Kunden. Dies übersehen zu wollen ist nicht naiv, sondern verblendet zu nennen, denn es ist ja offenbar, vor aller Augen. Nun kann man natürlich hoffen, dass es sich dabei um einen Teil von jener Kraft handelt, die stets das Böse will und doch das Gute schafft ... es könnte ja immerhin denkbar sein, dass die mephistophelische Werbefirma Facebook sich quasi nebenbei, entgegen ihrer eigentlichen Ausrichtung, als segensreiche Einrichtung entpuppt. Menschen überliefern also freiwillig ihre intimen Lebensdaten an eine Organisation, die damit Handel treibt, es ist ihre eigentliche Ware. Damit kann gefragt werden nach den Motiven der Nutzer.

Es liegt ganz sicher eine Sehnsucht zugrunde, eine unermessliche Sehnsucht nach Nähe und Begegnung treibt vermutlich die Menschen an, ihr Seelenleben zu veröffentlichen. Für diese Sehnsucht nach Verbindung mit anderen, nach Kontakt, wird wohl in Kauf genommen, dass man sich dafür der Firma überantworten muss, zwangsläufig ihrer Matrix folgen. Sie richtet schließlich den Boden der virtuellen Begegnungswelt ein, sie legt den Grund unter die Füße des herzlichen Begegnungswillens, der die Nutzer beseelt. Kann also der gute Wille – sofern es sich tatsächlich um einen solchen handelt – der Beteiligten vielleicht die unguten Motive einer Werbevermittlung überwinden, überwältigen? Oder sitzen sie alle in einem Boot, das der Steuermann gegen ihren Willen lenkt?

Unsichtbare Zwangsjacke

Ein Bild liegt nahe, aus analogen Zeiten. Die bekannten Butter- und Heizdeckenverkaufsfahrten mit den kostenlosen Mitagessen. Niemand kann gezwungen werden, etwas zu erwerben, alles ist umsonst, theoretisch könnten die Teilnehmer den Veranstalterwillen ignorieren und sich köstlich miteinander vergnügen. Praktisch geschieht es aber nicht, irgendwie tragen sie eine unsichtbare Zwangsjacke. Diese lächerlichen Ausflüge nach nirgendwo sind natürlich von gestern, die Bauernfänger von Facebook arbeiten mit anderen Mitteln. Es ist der soziale Erwartungsdruck, der als Mechanismus besonders bei Jugendlichen funktioniert. Die Botschaft lautet: Du bist draußen, wenn du nicht drin bist – in irgendeinem Verzeichnis, wo wir uns finden, wo deine Einträge sind und dein Leben sich niederschlägt. Es gibt dich gar nicht mehr im zwischenmenschlichen Leben der anderen, die sich hier verabreden, wenn du nicht deren Wege gehst. Die reale Kommunikation ist die virtuelle – bist du nicht da, dann bist du nirgendwo. Die Angst vor Einsamkeit und Isolation ist die Kehrseite der Sehnsucht nach Beziehung. Mit beidem wirtschaftet Facebook. Dabei sind die Macher ehrlich bis zur Namensgebung. Was der alte Schlager besingt: ‹Wär ich ein Buch im Leben ... if you could read my mind ...› die urtiefste aller Sehnsüchte des Menschen, verstanden zu werden, gelesen wie ein offenes Buch, sie kommt folgerichtig im Firmennamen zum Ausdruck.

Akasha-Chronik der Neuzeit

Zurzeit wird bei Facebook eine neue Funktion eingerichtet, sie heißt ‹Chronik› und soll wie ein Tagebuch für ein lebenslanges Profil sorgen. Spätestens hier beginnt sich etwas abzuzeichnen, was über die Erde hinausgeht, kosmische Dimensionen annimmt. Facebook als die Akasha-Chronik der Neuzeit, wo quasi in Echtzeit verfolgt werden kann, was einmal zukünftiges Karma bildet, das eingeschriebene, unlöschbare Geschehen zwischen Menschen? Das ist wie ein Schattenbild, ein Entwurf im Erdschatten angeordnet – lassen wir ihn also kosmisch kommunizieren. Tragen wir diese Idee probeweise heran in Gedanken, an das Wesen der kosmischen Intelligenz, und sehen zu, was sich abspielt.

In die Waagschale des durchdringenden Sonnenlichts gelegt – des klaren Lichts, das alles an den Tag bringt, das auch im denkenden Bewusstsein herrscht, wenn es die Welt durchdringt –, in dieser Betrachtung erscheint ein kummervolles Antlitz. Ein Blick voll Weh und Schmerz, der mitfühlt und mitleidet, wann immer ein Mensch seine Autonomie einbüßt. Wenn er die Kraft seines Selbstbewusstseins und damit die Herrschaft der eigenen Intelligenz über sein Herz abgibt – wann immer dies geschieht, leidet das kosmische Wesen der Freiheit. Da mag sich auf Erden der Anschein der Befreiung durch das technische Medium ereignen, wovon dieser Schein wesentlich inspiriert ist, das zeigt sich in der Beleuchtung dieser Lichtquelle. Auf der Basis des Automatismus – das ist die Seelenhaltung, wo das Selbstbewusstsein abgegeben wird – wird eine doppelbödige Welt sichtbar. Mag die Firma Facebook mephistophelisch sein, der Zulieferer des automatischen Seelenlebens ist es nicht. Dieses Wesen ist satanisch, es zeigt sich zutiefst befriedigt, wenn die menschliche Intelligenz Schaden nimmt, wenn sie unmenschlich wird; mechanisch, automatisch, gesteuert, programmiert und dirigiert von Gründen, die außerhalb des eigenen selbstbewussten Willens liegen – ein individuelles Verlangen nach Herzlichkeit, das sich selbst betrügt, indem es sich dieser Kraftwirkung überlässt – das ist diesem Wesen gerade recht. Eine technische Einrichtung kann sinnvoll genutzt werden, aber sie kann gewiss weder Quelle noch Weg zu Liebe oder Freiheit sein.

Von Angesicht zu Angesicht in der Konfrontation erzeugt dieses Wesen selbstverständlich Angst. Ein Flüstern ist zu vernehmen: Willst du dich wirklich so weit ins soziale Abseits begegeben, dass du solche Gedanken fasst? Kannst du allein dafür einstehen, mit deinem bisschen Verstand gegen etwas anzutreten, was Millionen Menschen eint? Denk an die Konsequenzen!

Einsamkeit und Freiheit gehen Hand in Hand. Beides hindert nicht die Sehnsucht nach dem anderen Menschen – solange nicht Hochmut noch Besserwisserei im Spiel sind. Wenn es Mitleiden ist, dann ist es gut. Ich habe keinen Grund, in diese Falle zu gehen. Tja, sagt das Wesen und grinst, wie wäre es aber, wenn morgen dein Patenkind dich einträgt in die Sparte: Menschen, denen ich wirklich vertraue. Wenn dort dein Name eingeschrieben erscheint – wirst du verlangen, dass das Kind ihn löscht, und es so sicher kränken, oder wirst du dich heimlich geehrt fühlen und es dulden?

Ich bin so begeistert über diesen schlauen Einfall, dass ich lachen muss. Das ist das vorläufige Ende der Begegnung. Alles verträgt der Teufel, nur nicht, dass man sich gemeinsam mit ihm kaputtlacht über seine Bosheit.

Jakob Grünzweig

Quelle: Das Goetheanum. Wochenschrift für Anthroposophie Nr. 47/2011