Das Tor der Sonne

Zur astronomischen Signatur des Jahres 2012

Es gab wohl kein Weihnachten in den vergangenen Jahren, bei dem die Ruhe, das Innehalten, das dieses Fest verspricht, so erwartet wurde wie zu den Weihnachtstagen 2011/12. Mit diesen Festtagen schloss ein Jahr, das wie kein anderes Krisen und Umbrüche mit sich brachte – Herausforderungen, die zweifellos das Jahr 2012 prägen werden. So gehört es zum seelischen Grundton des Januars 2012, dass sich viel Skepsis in den Blick auf das angebrochene Jahr mischt. Das Undenkbare ist eingetreten: Es gibt keine Zeitung mehr, die in den letzten Monaten nicht begonnen hat, den Kapitalismus grundsätzlich infrage zu stellen. Die Erklärungen der Ökonomen und Soziologen werden mit einem Mal wieder einfach: Kapitalismus braucht Wachstum und Wachstum braucht Verschuldung und Verschuldung treibt nun die Staaten in den Ruin, so Tim Jackson (Universität Surrey/GB). In dieser Lage, in der mit wankender Währung sogar der Weg zu einem gemeinschaftlichen Europa zur Frage wird, nun in die Sterne zu schauen, scheint naiv oder zynisch zu sein. Selbstverständlich vermag die Sternenwelt auf die gegenwärtigen Fragen keine Antworten zu geben, sie bleibt stumm. Aber sie vermag, gerade in diesem Jahr 2012, durch gro- ße, herausragende Konstellationen Ordnung und Bewegung so miteinander zu verschränken, dass für denjenigen, der sich dieser nächtlichen Lichtwelt anvertraut, ein Inspirationsboden wächst, auf dem die Fragen um Finanzkrise und Klimawandel sich weiter und wohl auch menschlicher entfalten können.

Die Osterkonstellation 2012

In der Osterzeit 2012 ist es am Abendhimmel im Ganzen zu sehen. Was sich im Lauf des Jahres in einzelnen Konstellationen ausbreitet, ist Anfang April fassbar: Nach Sonnenuntergang beginnt das Himmelsbild mit Venus. Seit November hat sie einen eindrucksvollen Aufstieg hinter sich, der sie nun auf eine seltene Höhe über dem westlichen Horizont führt. Mit Fortschritt der Dämmerung findet man unterhalb den zweithellsten Planeten: Jupiter. Schwenkt nun der Blick zum Osten, sind dort ebenfalls zwei Planeten zu finden: In ähnlicher Höhe wie Venus steht dort Mars und dicht am Horizont, im Aufgang begriffen, findet man Saturn. Zwei planetarische Paare stehen sich so gegenüber – ein Bild voller Beziehung, denn die räumliche Nähe widerspricht der inneren Nähe. Venus als Planet der Schönheit, Wärme und Zuwendung (Zuschreibungen, die sich sowohl astronomisch als auch mythologisch begründen lassen) besitzt Verwandtschaft zu Saturn, der diese Eigenschaften in vergeistigter Form ebenfalls besitzt. Gleiches gilt für Mars und Jupiter. Was Mars als Tatkraft, als Aggressivität besitzt, steigert sich in Jupiter zu Herrschaftlichkeit und innerer Größe. So steht eine interessante Verschränkung am Frühlingshimmel, zumal Mars auf Saturn zustrebt und auch Venus mit ihrer Rückläufigkeit im Mai auf Jupiter zuschreitet. Die Gegenüberstellung von Jupiter und Saturn gewinnt so durch Venus und Mars besondere Dynamik.

Ein Stern in der Mitte

Doch wie geht es weiter? Die Sonne zieht an Jupiter und Venus vorbei – dabei kommt es zu einem seltenen Transit von Venus vor der Sonnenscheibe: eine Verdunkelung der Sonne durch Venus, wie sie nur zweimal in einem Jahrhundert vorkommt. Auf diese Weise nimmt die Sonne an dem Konjunktionsgeschehen selbst unmittelbar teil. Anschließend sind diese beiden hellen Wandler nun am Morgenhimmel zu sehen, wobei sich ihre Gemeinschaft steigert: In der zweiten Junihälfte zeigen sie einen eindrucksvollen gemeinsamen Aufstieg, der darin kulminiert, dass beide über Wochen in gleichem Abstand von etwa drei Grad nebeneinander laufen. Ein einmaliges Schauspiel. Dieser seltene Gleichschritt der so verschiedenen Wandler ist möglich, weil Venus nach dem Ende ihrer Schleife für kurze Zeit in ihrem Lauf innehält. Doch die Begegnung von Jupiter und Venus hält noch mehr bereit. Unterhalb der beiden hellen Wandler strahlt Aldebaran, der Hauptstern des Stiers. Es gehört zum Besonderen des Jahres 2012, dass beide großen Wandler, Jupiter und Saturn, bei einem hellen Stern des Tierkreises stehen, einem Stern, der jeweils den Charakter des Planeten unterstreicht. Die Dynamik und Kraft, die dem Tierkreisbild des Stiers innewohnen und die im Mythos wie in der Lichtgestalt des Bildes zu finden sind, korrespondieren mit Jupiters Rang. Es wird sich lohnen, in den ersten Julitagen am frühen Morgen aufzustehen und Venus und Jupiter in Nachbarschaft von Aldebaran zu betrachten. So wie die Sterne in ihrem unveränderlichen Stand Bild des Ewigen, des Geistigen sind, so fällt es leicht, die Planeten in ihrem Kommen und Gehen, in ihrem Wechsel von Nähe und Ferne als Ausdruck des Seelischen zu fassen. Wenn Venus und Jupiter beieinander stehen und in ihrer Mitte ein heller Stern strahlt, erinnert es an jene menschlichen Begegnungen, wo im seelischen Miteinander ein Stern, etwas Ewiges aufleuchtet. «Tor der Sonne» nannte Rudolf Steiner diesen Moment menschlicher Begegnung, in den durch die Initiativkraft der Einzelnen etwas Geistiges, Ewiges einstrahlen kann. Mit dieser Vermutung ausgestattet, wird es sich besonders lohnen, die Konstellation zu betrachten. Während Aldebaran und Jupiter in ihrer Kraftentfaltung verwandt sind, besitzt Venus völlig andere Eigenschaften. Der Anblick wird zeigen, ob es zutrifft, dass Venus diesem Kraftbild Innerlichkeit und Schönheit schenken wird.

Am Abendhimmel vollzieht sich ein ähnliches Schauspiel. Saturn steht seit drei Jahren in der Jungfrau. Man darf annehmen, dass sich der gelblich schimmernde, langsam ziehende Planet in keinem Bild so ‹zu Hause› fühlt wie in diesem Bild des Herbstes. Am linken Rand des Bildes befindet sich Spica, der Hauptstern der Jungfrau. In allen figürlichen Abbildungen des Tierkreises wird dieser Stern als die Ähre dargestellt. Damit konzentriert sich die Ruhe und Innerlichkeit des Bildes auf diesen Keim. Nach drei Jahren Aufenthalt hat Saturn nun Spica erreicht und steht dreimal in Konjunktion mit der Ähre. Wieder steigern sich Stern und Planet und wieder ist ein weiterer Planet dabei. Diesmal ist es Mars, der im August auf Saturn und Spica zustrebt, Mitte August deren Achse durchwandert und sich schließlich wieder aus der Konstellation löst. Jeden Tag wird sich so das Dreieck aus Spica, Saturn und Mars etwas verändern. Während Venus am Morgenhimmel ihre Innerlichkeit der Verbindung von Jupiter und Aldebaran schenkt, wird Mars wohl seine Dynamik und Aktivität der zweifachen Ruhe aus Spica und Saturn zur Seite stellen.

Sprache der Natur

Indem sowohl Saturn als auch Jupiter bei einem ihnen verwandten Tierkreisbild und hellen Stern stehen und beide durch die Erdnachbarn Venus und Mars dynamisiert werden, gewinnt das Himmelsbild des Jahres 2012 Gewicht. Es folgen im Herbst 2012, wenn sich die strenge planetarische Geometrie des Sommers gelöst hat, weitere eindrucksvolle Begegnungen am Nachthimmel. Ein letztes solches stummes Feuerwerk geschieht am 26. November. Venus und Saturn, die beiden verwandten Planeten, wandern in der zweiten Novemberhälfte senkrecht aufeinander zu und stehen an diesem Tage dicht beieinander, während sich unterhalb Merkur, der Planet der Beziehung, hinzustellt.

Wenn diese Konstellationen in der Sprache der Natur zu zeigen vermögen, wie in der Beziehungsspannung eines Seelischen der geistige Einschlag geschehen kann, dann hat sich der kosmische Beitrag zu den Herausforderungen dieses Jahres vermutlich erfüllt. Alles Weitere ist uns Menschen überlassen – mit den Sternen als Beobachtern.

Wolfgang Held

Info: Sternkalender 2012/13, Verlag am Goetheanum, www.vamg.ch

Quelle: Das Goetheanum. Wochenschrift für Anthroposophie Nr. 1-2/2012