Was war, war, wie es war, wahr

Gedankensplitter zu ….schmied/gsam ….Expansao möglich machen ….milde

Ein Projekt des Rudolf Steiner Instituts Kassel

Den 21. Geburtstag des Rudolf Steiner Instituts Kassel, nahm das Kollegium der Ausbildungsstätte für SozialassistentInnen, ErzieherInnen und HeilpädagogInnen zum Anlass, zusammen mit den SeminaristInnen, Ehemaligen, Gästen und der Öffentlichkeit ein außergewöhnliches Projekt zu initiieren. ….schmied/gsam ….Expansao möglich machen ….milde nannten sie das Projekt, welches an drei Tagen Ende Oktober 2011 stattfand. Dessen inhaltlicher Kern war das Spiel.

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Um Expansao schmie/gsam und milde möglich zu machen, bedarf es eines mutigen, offenen Prozesses. Den hat das Institut gewagt. Die Türen und Fenster wurden weit geöffnet - weit über ihr „übliches“ Umfeld hinaus lud sich die Projektgruppe spannende Menschen ein, die sich aus unterschiedlichsten Blickwinkeln mit dem kindlichen Spiel und der „Spiel“Idee von Jugend auseinandersetzen. Wie es jedem guten Spiel zu Grunde liegt, gab es Momente des Freuds und des Leids, ist vieles gelungen und manches zu verändern... Aber: was war, war, wie es war, wahr.

Wahrheit als Wunderkerze

Wer von zahlreichen Gästen in die funkelnden Sterne der Wunderkerzen blickte, die das Geburtstagsbuffet eröffneten und dabei die vielen guten Wünsche, welche diese dem volljährig gewordenen Geburtstagskind mit in die Zukunft gaben, zusammen mit den Erfahrungen der drei vorangegangenen Projekttage nachklingen ließ, der hatte vielleicht einen kleinen Schein von dem Gedanken, den Joseph Beuys bewegte, als er von der Wahrheit als Wunderkerze sprach.

Vielleicht auch diejenigen, welche sich einen Tag zuvor den Spielbegriff von Fred Donaldson, gemeinsam mit 150 Mitspielenden, SeminaristInnen und DozentInnen, erspielt hatten - darunter als Gäste auch SeminaristInnen des Knipping-Seminars, einer staatlichen Ausbildungsstelle. SpielRaum I: das hieß, sechs Stunden, alle in einem großen Raum, gemeinsam auf dem Boden sitzend, liegend, robbend... Körper an Körper. Mittendrin Fred Donaldson. Viel, viel erzählend. In einfachen Worten und Geschichten – genial übersetzt von Holger Kramer. Viele hingen ihm geradezu an den Lippen, manche erschraken darüber. Begleitet von kleinen, einfachen Übungen, mittels dieser Donaldson mit sicherem Instinkt, Schritt für Schritt, die TeilnehmerInnen zum finalen großen Spiel führte. Auch mich (der Autor des Artikels). 30 Minuten, die meinen Spielbegriff revolutionierten.

let the children play

Entsprechend intensiv waren die Reflexions- und Erfahrungsgespräche und die Begegnungen in SpielRaum II und III am Freitag. Eine wunderbare Geschichte, welches dies verdeutlicht: Eine Seminaristin im Anerkennungsjahr hatte am Freitagnachmittag ihre Kinder mitgebracht, die sich, während sie in einem der Räume mit ihrer Gruppe über zeitgemäße Spielorte, -räume und -formen für Kindergartenkinder diskutierte, im Foyer eine Tafel schnappten und dort gemeinsam über lange Zeit ein großes, wunderschönes Bild malten. Als sie fertig waren, baten sie ihre Mutter mit ihrer Gruppe zu sich, um sich das Bild anzuschauen. Was die zukünftigen oder schon in der Praxis stehenden ErzieherInnen da sahen, konnten sie kaum fassen: Die Kinder hatten ihnen ihre Vision wie ein Kindergarten aussehen müsste, in den sie gerne gehen würden, gemalt. Ein Ort ganz in die Natur eingebunden: Wald, Bach, Wiese, Feuerstelle, Tiere .... eben echte SpielRäume. Übrigens: die Kinder hatten nicht gewusst, über was die Erwachsenen in ihrer Gruppe redeten.

Let the children play

Let the children play: vier Obstkisten - für jedes Wort eine. Vier Obstkisten und vier Laubhaufen in vier nackten Räumen - für jeden Autor einer. Eine weiße Stele, die von Raum zu Raum wandert. Mit ihr die Zuhörer. Das war der Spielplan der Buchvernissage von „Lasst die Kinder spielen“, einem Buch, das in den Tagen des Projektes im Verlag Freies Geistesleben erschien und von Albert Vinzens, Dozent am Rudolf Steiner Institut, herausgegeben wurde. Der SpielRaum gehörte ausschließlich Gedanken und Worten.

Nicht ganz: denn den Auftakt setzte eine schöne, junge Frau; Hannah Vinzens, mit ihrem Cello: György Ligetis Solosonate galt ihrem grandiosen „Spiel“.

Jean Claude Lin, der Verlagsleiter, lies es sich nicht nehmen, das Buch an diesem Abend vorzustellen. Die Quintessenz seiner einfühlsamen, wohl gesetzten Worte: „Eigentlich müsste das Buch eine Revolution auslösen“.

Albert Vinzens eröffnete den Autorenreigen in dem er über Werner Kuhfuss sprach, mit dem er ein zweitägiges „Gespräch über das Spiel“ geführt hatte, welches den Schlusspunkt des „leidenschaftlichen Plädoyers für einen lebensnotwendigen Freiraum menschlicher Existenz- und Lernfähigkeit“ setzt.

Manfred Schulze nahm den Ball von Jean Claude Lin auf und warf, einem Tiger im Käfig gleich, in seiner unnachahmlichen Art auf und ab gehend, sprachlich und begrifflich pointiert, einige seiner „Gedankenentwürfe für eine zukünftige Handlungspädagogik“ der Zuhörerschaft „zum Fraß“ in den leeren Raum. „Wille, Spiel und Arbeit“.

„Du stehst auf dem Spiel Mensch!“, das ist der Aufruf, besser Weckruf, den Peter Guttenhöfer seinem Beitrag im Buch voranstellt. „Es ist Ernst.“ Fast der Stimme beraubt, flüsterte, hauchte er seinen Zuhörern solche fein sezierte Sätze zu. Aber auch vom König des Grals, der bevor er König wurde, ein Kind war, erzählte er, von dessen Mutter... und von der pädagogischen Provinz. Am Ende stand Novalis, sein allerliebster.

„Dazwischen – das Spiel in mir. Werdeoffensein im rhythmischen Schwingen zwischen Polaritäten“, so lautet der Titel des Beitrags von Johannes Denger. Vom Erwachsenenspiel, ausgehend von Schillers „Polarität und Steigerung“ handelte seine „SpielRaum-Geschichte“, die den Schlusspunkt einer außergewöhnlichen Buchvernissage setzte.

 

Laubhaufen und abgebissene Äpfel

Mittwoch, 26. Oktober 2011, 20 Uhr: Lange weiße Stoffstreifen führen vom Eingang des großen Saales des Anthroposophischen Zentrums von zwei Seiten zur Bühne und über ihren Rand. Darauf liegen angebissene Äpfel vom Instituts eigenen Garten- und Saatgutbetrieb, dem Waldhof. Jeder angebissen von einem der Besucher zum Eintritt, und an einen beliebigen Platz auf den weißen Stoffstreifen platziert. Am nächsten Tag werden die Äpfel zu leckerem Saft für die Pausenverpflegung verarbeitet. Auf der Bühne ein großer Laubhaufen um den sich fünf Stühle gruppieren sowie rechts und links und am Eingang weitere – ebenfalls vom Waldhof. Im Hintergrund eine Leinwand, auf der sich das Logo eines angebissenen Apfels mit dem Photo einer angebissenen Birne rhythmisch abwechselt.

Raoni Hipolito da Silva, Seminarist im Anerkennungsjahr, der zusammen mit den Dozenten Almuth Strehlow, Albert Vinzens und Markus Stettner-Ruff das Projekt vorbereitet und durchgeführt hat, sitzt als Kind „verkleidet“ hinter seinem „Appel“ und surft. Er „findet“ eine Musik, die ihm gefällt: „Let the children play“ von Santana. Er bewegt sich enthusiastisch zur Musik.

Langsam schließt er seinen „Appel“, Santana verklingt leise und um ihn herum „erwacht“ eine bis dahin „gefroren“ im Bühnenraum stehende, vielköpfige Band, die den Santana Song aufnimmt und mit ihm improvisierend „spielt“. Die Band hat sich zwei Tage vorher spontan aus Seminaristen verschiedener Kurse gebildet. Der Background-Chor trägt singend die Worte des Titels, auf vier Plakate geschrieben, in die vollen Ränge des mitsingenden und swingenden Publikums: Let the children play.

Die Musik verklingt und Raoni braust mit seinem kleinen Spielzeugauto aus Holz über die Bühne. Er stößt mit einer menschengroßen Puppe zusammen. Einer elektronischen Puppe, die alles kann – auch gehen und sprechen. „Ich bin Bibi-Girl, die vollkommene Puppe“, stellt sie sich dem Publikum vor und begrüßt es. Im wirklichen Leben heißt sie Marie Dolderer.

Raoni will mit ihr spielen – sie will nicht. Und nach einer Weile will auch Albert Vinzens der Moderator der Eröffnungsveranstaltung „KinderSpiel“, der Podiumsdiskussion zum Thema: „Kindheit zwischen zweckfreiem Spiel und lernfixiertem Experiment“, nicht mehr.

Erwachsene Spielforscher

Er verscheucht Raoni und „seine“ Puppe von der Bühne und bittet seine Gäste auf das Podium. Und die sind vom Feinsten, was die Spielpädagogik an erwachsenen Spielforschern zu bieten hat: Sicher der prominenteste ist der Anthropologe Prof. Fred Donaldson, ein Amerikaner, der inzwischen in Schweden lebt und seit 38 Jahren das Spiel untersucht. Er ist einer der weltweit besten Kenner des Spiels und seiner Bedeutung in der Evolution des Lebens. Fred Donaldson spielt mit Wölfen, Bären, Vögeln, mit Alten und Kindern, mit Jugendgangs mit Organisationen und Institutionen. Sein Buch Playing by Heart wurde zum Bestseller und ist zur Zeit vergriffen.

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Die Erziehungswissenschaftlerin Dr. Ilse Wehrmann ist freie Beraterin im Bereich frühkindlicher Bildung und unter anderem für den Aufbau der betriebsnahen Kinderkrippen der Daimler AG und der RWE verantwortlich. Der Projekt-Beirat „Profis in Kitas“ der Robert-Bosch-Stiftung hört genauso auf ihren Rat, als auch Angela Merkel. Sie ist Autorin des Buches Deutschlands Zukunft: Bildung von Anfang an.

Dr. Andreas Weber, Biologe und Philosoph, setzt sich für eine Überwindung der mechanistischen Interpretation von Lebensphänomenen ein und vertritt einen ganzheitlichen, an der Natur orientierten Spielbegriff. Er arbeitet für taz, Focus, Die Zeit, GEO, FAZ und das Greenpeace-Magazin. Seine Bücher: Alles fühlt. Mensch, Natur und die Revolution der Lebenswissenschaften; Biokapital. Die Versöhnung von Ökonomie, Natur und Menschlichkeit; Sein letztes: Mehr Matsch! - Kinder brauchen Natur findet in der Öffentlichkeit, auch der anthroposophischen, große Aufmerksamkeit und Anerkennung.

Die Psychologin Anna Spindler ist Referentin am Staatsinstitut für Frühpädagogik. Seit September 2007 arbeitet sie im Rahmen eines Kooperationsprojektes mit dem Land Hessen an der Implementation des Bildungs- und Erziehungsplans für Kinder von 0 bis 10 Jahren. Die Projektleitung hat Prof. Dr. Dr. Dr. W. E. Fthenakis inne. Ihr Arbeitsschwerpunkte sind dabei die Konzeption, Durchführung und Evaluation des Qualifizierungsprojekts.

Zweckfreies Spiel contra lernfixiertes Experiment

Die Idee zwei polare Positionen: zweckfreies Spiel contra lernfixiertes Experiment, Laubhaufen contra Appel zur Diskussion zu stellen, misslang. Zur Überraschung, keinesfalls zum Ärger der Zuhörer, eingeschlossen des Moderators Albert Vinzens, kam es statt zur Konfrontation zum anfänglichen Dialog. Die Ansichten schienen inhaltlich nur graduell verschieden – zumindest an diesem Abend auf dem öffentlichen Podium – die Blickwinkel und Motive dagegen waren äußerst eigen und unterschiedlich. „Das Was bedenke, mehr bedenke Wie, denn in dem Wie liegt es, worauf es ankommt.“

Interesse und Verständnis für die Erfahrungen und Erkenntnisse der anderen standen im Mittelpunkt, das Verbindende, nicht das Trennende wurde gesucht und in Ansätzen gefunden. An der Stelle, an der das Gespräch durch eine Frage von Andreas Weber an Fred Donaldson an Tiefe zu gewinnen versprach, stürzten plötzlich ein italienischer Starpianist und sein Manager in den Saal: seines Zeichens Johannes Wildermuth, Musiker und ehemaliger Seminarist und Pedro alias Samuel Meinel, aktueller RSI-Student. Nach ihrer köstlichen Comedy war alles gesagt. Das Spiel dieses Abends gespielt.

Nora, was ist für Dich Schönheit?

„Nora, was ist für Dich Schönheit?“ Diese schlichte Frage stand am Ende des Projektes. Benjamin Kolass hatte sie Nora Mertes gestellt. Die beiden waren die Protagonisten der Abschlussveranstaltung Tatort Jugend – das Spiel mit der Zukunft. Beide leben und arbeiten in Berlin. Nora Mertes als freischaffende Künstlerin, Benjamin Kolass ist Initiator und Macher der „projekt.zeitung“, einer offenen Initiative von jungen Menschen im anthroposophischen Umfeld, die spannende, „andere“ Gedanken und Projekte in die Welt bringt. Er hat in einer Ausgabe der „projekt.zeitung“ im Juli 2009 „Thesen meiner Jugend veröffentlicht“, in denen er in 30 prägnanten, provozierendenThesen darlegt, was für ihn Jugend Anfang des 21. Jahrhunderts verkörpert.

Hannah Vinzens, Musikstudentin aus Salzburg, hatte zu Beginn der Veranstaltung schon „ihre“ Antwort gegeben – im Spiel mit ihrem Cello und Gramata Cellam von Piteris Vasks. Danach war eigentlich alles „gesagt“.

Schön, dass Nora Mertes durch ihren mutigen, eigenwilligen Beitrag, Benjamin Kolass zu dieser letzten Frage verhalf. Sie hatte am Beispiel ihres letzten Kunstprojektes ungemein spannend veranschaulicht, wie sie arbeitet. Wer wollte, konnte ihren Weg zum Wesen der Dinge, ihre Idee von Kunst und damit auch ihre Idee, ihr Verständnis von Jugend, erlebbar nachempfinden und gedanklich erfassen.

„Jugend gibt’s nicht.“ „Jugend ist kein Alter.“ „Jugend hat keinen Inhalt.“ „Jugend kennt weder Raum noch Zeit.“ „Jugend kennt keine Geschichte.“ Das sind die ersten fünf Thesen meiner Jugend, die Benjamin Kolass in seinem Beitrag aufgriff. Alle dreißig, hatte eine Gruppe von SeminaristInnen zuvor in einer eindrücklichen Sprach-Performance zur Aufführung gebracht.

„Nora Mertes trifft Benjamin Kolass. Benjamin Kolass trifft Nora Mertes. Impulse im Ich, Du und Wir“, lautete der Untertitel der Veranstaltung. Zu einem Treffen kam es. Zu einer Begegnung nicht. Die Impulse im „Ich“ waren stark, die im „Du“ anfänglich, das „wir“ musste noch warten.

Jugend ist Krise

Denn: „Jugend ist Krise“ lautete Nora Mertes klare Aussage. Jede/r Besucher/in hatte nur einen Schuh an. Der andere stand auf einem der beiden weißen Stoffbänder die sich aus dem Zuschauerraum auf die Bühne schlängelten und ins Dunkel der Hinterbühne führten.

Als Eintritt hatte jede/r diesen ausgezogen – Symbol in zweifacher Hinsicht. Publikum, Moderator und Protagonisten gelang es noch nicht der Krise zu trotzen.

Doch: Am Ende stand eine schlichte Frage: „Nora, was ist für Dich Schönheit?“

Markus Stettner-Ruff

Fotos: Bernhard Rüffert