Energiewende

Spielerisch Potenzial entdecken

Viele Menschen können sich gar nicht vorstellen, dass schon allein die Sonne hierzulande auch für nachts und den Winter genügend Energie bereitstellt. Online-Rechenprogramme vermitteln auf spielerische Art, wie sich die Energiewende verwirklichen lässt.

Nun ist es eine ziemlich einfache Rechenaufgabe, das zu überprüfen. Denn es ist gut bekannt, wieviel Energie die Sonne je Quadratmeter in Deutschland erbringt: Auf jeden Quadratmeter Boden knallen im Hochsommer 1,3 Kilowatt Leistung. Und über das ganze Jahr kommen auf jedem Quadratmeter rund 1.000 Kilowattstunden Energie an.

Jeder rechnet seine eigene Energiewende

Nun kann man die Sonne nicht nur zur direkten Stromerzeugung nutzen. Über Jahrhunderte kam die Menschheit ohne diese Technik aus, obwohl weder Erdöl noch Erdgas zur Verfügung standen. Aber es gab Holz aus den Wäldern, Windmühlen und Wassermühlen und Wasserkraftwerke. Biomasse, Wasserkraft und Windkraft lassen sich heute sogar noch viel besser nutzen. Und sie ergänzen die direkte Nutzung der Sonnenenergie.

Um mit Sonnenkraft genügend Strom für eine Person zu erzeugen, benötigt man etwa 42 Quadratmeter Dachfläche. Alternativ braucht man 218 Quadratmeter Pappelwald oder das Restholz aus 3.500 Quadratmetern Wald.

Aber halt: Bevor Sie zum Taschenrechner greifen, schauen Sie sich bitte mal die Energiewenderechner im Internet an.

Online-Energiewenderechner

Der Solarenergieförderverein Aachen hat ein wunderbares Rechenprogramm entwickelt und stellt es kostenlos im Internet zur Verfügung:

www.energiewenderechner.de

Wie am Gaspedal eines Autos oder beim Lautstärkeregler kann man selbst an einem Schieberegler wählen, wie viel Prozent von Deutschlands Dachflächen man mit Solarkollektoren oder Solarmodulen belegen will, wie viel Prozent pflanzliche Abfallstoffe man energetisch nutzen möchte oder wie viel Prozent der Freiflächen mit Windkraftanlagen belegt werden sollen. Man sieht sofort, wie viele Kilowattstunden Strom oder Wärme diese Maßnahmen bringen und welchen Anteil am Gesamtstromverbrauch der so erzeugte Strom decken kann.

Anleitung per Video

Ausführliche Kommentare mit Quellenhinweisen informieren über die zugrunde liegenden Zahlen. Jeder Skeptiker kann nun ganz einfach selbst nachrechnen. Ein Einführungsvideo führt in die Handhabung der wichtigsten Schieberegler und Bedienelemente ein.

Neben den erneuerbaren Energiequellen lassen sich auch Effizienzsteigerung und der Anteil an Kraft-Wärme-Kopplung spielerisch verändern: Für den Energiewenderechner zählen nicht nur Strom, sondern auch Wärme aus erneuerbaren Energiequellen. Das gilt nicht nur für den Energiebedarf von Privathaushalten, sondern auch für Autos und Industriebetriebe. Das Rechenprogramm umfasst auch Speicher, die mit Erneuerbaren aufgeladen werden können, um dunkle und windarme Zeiten zu überbrücken.

Regionale Energiewende

Wie hoch ist das Potenzial für Erneuerbare im eigenen Ort? Um das zu erfahren, müsste man Dachflächen und Freiflächen vermessen, Windgeschwindigkeiten messen und Flächen für Windkraftanlagen ausfindig machen, landwirtschaftliche Flächen erfassen und Gewässer kartieren – kurzum, viel Zeit und Geld investieren.

Einen ganz anderen neuen Ansatz verfolgt das Forschungsprojekt „ erneuerbar komm“ unter:

http://erneuerbarkomm.de/rechner/

Es nutzt amtlich vorliegende Geodaten, etwa Informationen über Bevölkerung, Flächennutzung, Schutzgebiete, Windgeschwindigkeiten, Globalstrahlung, Gebäudeflächen und Gefälle der Fließgewässer. Anhand dieser Daten baut das Projekt ein sogenanntes Geographisches Informationssystem (GIS) auf. Die Ingenieurin Professor Dr. Martina Klärle vom Steinbeis-Transferzentrum Geoinformations- und Landmanagement in Weikersheim leitet das Projekt.

Das interaktive System errechnet auf Kommando, welchen Anteil des Strombedarfs man mit welchen Maßnahmen decken kann. Das Ergebnis wird in einem Balkendiagramm angezeigt.

Das Ergebnis der Berechnung zeigt nicht nur das theoretisch vorhandene  Potenzial. Vielmehr kann sich jeder Bürgermeister, Gemeinderat oder Bürger mittels Online-Rechner anhand des „Mobilisierungsfaktors“ seinen gewünschten Energie-Mix selbst zusammenstellen und auswählen, welchen Anteil des Potenzials aus Wind, Sonne, Biomasse und Wasser er jeweils nutzen will.

Ein Beispiel soll dies verdeutlichen: Für eine bestimmte Region gibt das System an, dass sich 100 Hektar der kommunalen Ackerfläche zur Erzeugung von Biomasse eignen. Wählt der Nutzer zehn Hektar davon aus, sieht er auf Knopfdruck, wie viel Strom daraus erzeugt werden kann. Spielerisch kann der Nutzer so erkennen, wie viel Fläche die gewählte erneuerbare Energieform beansprucht. Da die Datenbank auch eine Verknüpfung zur Einwohnerzahl der Gemeinde und zum Stromverbrauch pro Einwohner herstellt, wird zugleich angezeigt, wie viele Einwohner aus dem Ertrag der jeweiligen Fläche mit Strom versorgt werden können.

Per Mausklick Potenzial abrufen

Dabei lässt sich ganz leicht vergleichen, welche Energieform wie viel Fläche benötigt: Wählt der Nutzer beispielsweise 40 Prozent der für Solarenergie geeigneten Dachflächen, sieht er, dass dies 50 Prozent des Strombedarfs der privaten Haushalte decken kann. Während man Biomasse-Energieträger aus 200 Hektar Grünland benötigt, um 4.000 Bürger mit Strom zu versorgen, kann man den gleichen Ertrag bereits mit einer einzigen Windkraftanlage an einem geeigneten Standort erreichen. Für jede Energieform gibt es ein separates Fenster. Es zeigt an, wie viel geeignete Fläche zur Verfügung steht, beziehungsweise wie viele Windkraftanlagen sich theoretisch verwirklichen lassen. Der Nutzer wählt, welchen Anteil er davon bereitstellen will. Wer mit dem Rechner ein paar Beispiele durchspielt, stellt rasch fest, dass es für viele Gemeinden möglich ist, ihren gesamten Strombedarf aus erneuerbaren Energien zu decken.

Vorreiter Rhein-Main-Gebiet

Pilotprojekt für die Potenzialflächenanalyse war der Regionalverband Frankfurt-Rhein- Main mit 75 Mitgliedsgemeinden. Aktuell wird die ganzheitliche Potenzialflächenanalyse für Worms, die Energieregion 2010 Mittlerer Schwarzwald, den Main-Tauber-Kreis sowie für weitere Kommunen in Baden- Württemberg und Bayern umgesetzt. „erneuerbar komm“ ist bundesweit auf alle Gemeinden übertragbar. Allerdings sind Gebäudeheizung, Industrie und Verkehr im Projekt noch nicht berücksichtigt.

Kontakt

Prof. Dr. Martina Klärle

E-Mail: martina.klaerle@fb1.fh-frankfurt.de

Telefon: 069 - 15332778

http://tinyurl.com/erneuerbar-komm

Spenden

Der Solarenergie-Förderverein Deutschland e.V. stellt den Energiewenderechner kostenlos zur Verfügung. Jeder kann den Verein mit einer Spende unterstützen:

Pax Bank e.G., Aachen

BLZ: 370 601 93

Kto: 1005 415 019

Quelle: Energiedepesche Nr. 4/2011