Öffentlichkeit beginnt im Herzen

In der Öffentlichkeit zu wirken, gehört zu anthroposophischen Organisationen und ist ihnen zugleich ein Stachel. An der ersten Fachtagung ‹öffentlich wirken› trafen sich 180 Medienschaffende und Kommunikationsverantwortliche.

Zweimal im Jahr kommen sie zusammen, in Bochum, Mannheim oder am Goetheanum, die Redakteure anthroposophisch orientierter Zeitschriften und Öffentlichkeitsarbeiter anthroposophisch orientierter Organisationen. Von in den 90er-Jahren anfangs einer Hand voll Teilnehmenden wuchs die Zahl auf 50 vor allem aufseiten der Beauftragten für Kommunikation und Öffentlichkeit. Denn immer mehr Institutionen erkannten die Notwendigkeit, dem Brückenschlag zur allgemeinen Öffentlichkeit und zu politischen Schaltstellen Gewicht zu geben. Seit einigen Jahren ziehen die kleineren Organisationen nach, einzelne Waldorfschulen, Heime richten Büros für die Pressearbeit, für das Gespräch mit dem allge meinen öffentlichen Leben ein. Diese Entwicklung beim Schopf zu packen, hieß vor zwei Jahren, eine Fachtagung zu veranstalten zur Öffentlichkeitsarbeit. Die Idee: in Workshops, Vorträgen und Gesprächsrunden all das auszutauschen und zu lernen, was zum täglichen Brot dieses Brückenschlages gehört. ‹öffentlich wirken› hieß der Kongress, der vergangenes Wochenende (4./5.11.2011, Anm. der Redaktion) mit 180 Teilnehmenden über die Bühne ging.

Energiezentrum Bochum

Tagungsort war die Waldorfschule Bochum Langendreer. Es gibt wohl kaum einen besseren Ort für solch eine Initiative, denn diese Schule war vor mehr als einer Generation der Ort, von dem in der Mitte Deutschlands der Sprung in die Öffentlichkeit getan wurde. Von der Eurythmieschule Den Haag über das Lehrerseminar Witten-Annen, ein Duzend weiterer Schulen, ein Bildungswerk bis zur GLS Gemeinschaftsbank sind aus dem Energiezentrum Langendreer zahlreiche Projekte gewachsen. Dass Bochum die- ses ‹Energie-Schicksal› aufrechterhalten kann, liegt nun an dem Schülervater und Marketingfachmann Harald Thon. Nachdem er die Tagung der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland, ‹Karma des Berufs›, mitorgansiert hat, konnte ihn die Planungsgruppe für diese neue Tagung wieder als Projektleiter gewinnen.

Lukas Beckmann, ehemaliger Geschäftsführer und Mitgründer der Grünen, jetzt im Aufsichtsrat der GLS-Treuhand, eröffnete die Veranstaltung. «Öffentlichkeitsarbeiter sind einsame Menschen» beschrieb er den Grenzgang zwischen Institution und Umfeld. Während zum öffentlichen Leben der fortwährende Wandel gehöre, haben Organisationen ein Beharrungsvermögen. In ihnen dominiere die Sehnsucht nach Ruhe. Aber Ruhe ohne Veränderung sei eine trügerische Ruhe. Sie wollen in die Öffentlichkeit, aber ohne sich deren Veränderungsdruck auszusetzen. Aus diesem Grund, so Beckmann, sei Öffentlichkeitsarbeit eine Führungsaufgabe, weil man Veränderungen in der Organisation moderieren und herbeiführen müsse. Die Kommunikation ‹nach außen› sei deshalb weit mehr als bloße Mitteilung: Die Berührung mit dem Umkreis erzeuge Reibung und Reibung bringe Wärme mit sich. Diese Wärme sei nun Triebfeder für Veränderung und Entwicklung in Unternehmen, Schule oder Krankenhaus. Die Beziehung zur Öffentlichkeit hat ihre Angel deshalb im Kern, in der Mitte einer Institution. Dort im Zentrum, im Herz einer Organisation und nicht an deren Haut entscheidet sich, ob sie in die Öffentlichkeit treten will und kann.

Alles hat seine Zeit

Kommunikation soll ehrlich, klar und vollständig sein. Über die- sen vertrauten Bedingungen stehe der besondere Zeitpunkt der Begegnung mit den Menschen. So liefen die Grünen mit ihrer Anti- Atomkraftkampagne in den 90er-Jahren ins Leere, weil die Frage der deutschen Einheit das Bewusstsein bestimmte und keinen Platz für Energiefragen zuließ. Der richtige Zeitpunkt, so Beckmann, sei deshalb für eine Mitteilung entscheidend oder anders: Die Aufgaben ergeben sich aus der Begegnung mit den Menschen in einer bestimmten Zeit.

Lukas Beckmann kritisierte, dass jede Waldorfschule im Internet ihren eigenen Auftritt habe. Warum, so fragte er, wenn man doch das Gleiche wolle und denke, kann man nicht einheitlich erscheinen. Ein solchen uniformes Bild signalisiere die Zustimmung vieler Menschen und das bilde die Brücke, um Vertrauen zu wecken.

«Unterschätzen Sie nicht die Sehnsucht nach Orientierung», hier wurde Beckmann eindringlich und empfahl, als Schule, Heim oder anthroposophischer Verein eine Übereinstimmung über die inneren Ziele und Werte, über das Leitbild zu gewinnen. Einen solchen Stern für das gemeinsame Handeln könne man sich nicht ausdenken, sondern das Leitbild kann freigelegt werden. Die Öffentlichkeit, so Beckmann, sei voll, deshalb käme es auf die Kontur der Botschaften an.

Was Götz Werner vor einigen Jahren mit dem Ratschlag ‹Deklarieren statt Etikettieren› skizzierte, nannte Beckmann die Sensibilität im Umgang mit den eigenen Idealen. Gleichwohl zähle, dass man das Anderssein herausstelle.

Durch staatliche Abschlüsse an anthroposophischen Einrichtungen wie zum Beipiel der Alanaushochschule wandere anthroposophisches Know-how an alle möglichen Orte. Hierin liege ein Grund, dass die Zeit reif sei, sich offensiver, selbst als einzelne Schule, als kleine Waldorfzelle, dem öffentlichen Gespräch zu stellen und Positionen zu den gesellschaftlichen Fragen zu beziehen. Nicht reaktiv, wenn Rudolf Steiner diskreditiert würde, sondern initiativ solle die Kommunikation werden. Im abendlichen Podium mit Bascha Mika (ehem. TAZ) , Christoph Hardt (Siemens), Caspar Dohmen (SZ) und Wolfgang Held (Goetheanum) wurde in diese Kerbe geschlagen. Auf vier Feldern solle man mutiger werden: Mut, die eigenen Erfahrungen zu kommunizieren und mit anthroposophischen Inhalten zu verbinden, Mut, Fehler zu machen, Mut, zu orginellen Ideen zu stehen, und schließlich den Mut, sich zu bescheiden, eine kleine Gesellschaftsgruppe zu sein.

Zeigen Sie, dass Sie anders sind

Christoph Fasel, ehemaliger Leiter der Henri Nannen Journalistenschule, referierte aus der repräsentativen Studie von 2006 zum öffentlichen Bild von Anthroposophie. Sie habe trotz breiter Unkenntnis ein positives Image und in einer Zeit der Renaissance klassicher Werte gute Entwicklungsmöglichkeiten. Fasel legte ans Herz, die Botschaft zu reduzieren, sie auf wesentliche, verständliche Kernbotschaften zu vereinfachen. Wenn es gelingt, mit ‹harten Zahlen› den Erfolg, beispielsweise in der anthroposophischen Altenpflege, zu zeigen und außerdem mit einer gemütvollen Geschichte zu ‹personalisieren›, würde er einen solchen Bericht in vielen Zeitungen unterbringen können. Jens Heisterkamp (Info3) zog ein Resümee des Jubiläumsjahres 2011. Es sei so niveauvoll über Rudolf Steiner geschrieben worden, dass sich niemand mehr erlauben könne, Halbwissen zu präsentieren. Diese positive Wendung gipfelte, so Heisterkamp, in dem Blick von Peter Sloterdijk auf Rudolf Steiner. Rudolf Steiner, so Peter Sloterdijk, sei es gelungen, die menschliche Subjektivität an die höhere, an die vertikale Achse anzuschließen. Die Tatsache, dass Anthroposophie dennoch schwer habe, in den Medien Gehör zu finden, erklärte Heisterkamp mit der Leidenschaft, dem Pathos, das allem anthroposophischen Denken innewohne. Fasel ergänzte dazu, dass man zu den pathetischen Registern auch die lakonischen beherrschen müsse, um in einer pa- thosfreien medialen Welt Aufmerksamkeit zu finden. Ein Dutzend Workshops, wie man Presseberichte verfasst, sich vor der Kamera verhält und anthroposophischen Perspektiven zu Kommunikation bildeten das zweite Standbein der Tagung. Am Abend verhalfen Johannes Denger zur nötigen Selbstironie und der Pianist Jens Thomas mit kraftvoll vertonten Goethe-Gedichten zur Poesie der Fachtagung. Was der Tagung ihren Glanz verlieh, war nicht nur die große Zahl an Teilnehmenden, die konstruktive Stimmtung, sondern auch die zunehmende Gewissheit, dass ‹öffentlich wirken› und ‹anthroposophisch wirken› zwei Seiten einer Medaille sind.

An der Fachtagung ist viel kollegiale Gemeinschaft der ‹einsamen Öffentlichkeitsarbeitenden› entstanden, sodass es keine Zweifel darüber gab, ob man in zwei Jahren sich wieder treffen möchte.

Wolfgang Held

Quelle: Das Goetheanum. Wochenschrift für Anthroposophie Nr. 45/2011