Buchtipp

Stella, das Ohrenmädchen

Ein sensitives Kind erlauscht die Welt von innen

Marva Aurin, die Autorin, erzählt in ihrem Erstlingswerk die Geschichte eines sensitiven Mädchens von der Kindheit bis in das Erwachsenenalter hinein, das die außergewöhnliche Fähigkeit hat, die Menschen, die Natur und auch Gegenstände in ihren Ausstrahlungen oder auch Schwingungen zu hören. So lauscht Stella dem leisen Ton des Schnees, der Musik des Lachens, dem Klang der Farben und dem Sonnenton. Menschen nimmt sie in ihrem Rhythmus wahr, hört Gefühle der Angst und Not als Lärm und wohltuende Klänge, wenn diese Emotionen umschlagen in Geborgenheit und Dankbarkeit. Verhilft ihr diese besondere Art der Wahrnehmung im Kleinkindalter noch zu einem leichteren Zugang zu „himmlischen“ Welten, stößt diese Fähigkeit im Schulalter zunehmend auf Unverständnis von ihrer Außenwelt. Mit Mühe und Not kann sie sich im Schulbetrieb den Lernanforderungen stellen und nur vereinzelt zu Gleichaltrigen einen Kontakt aufbauen.

Immer wieder überwältigen sie in hohen Wellen diese Innenräume, verschiedene körperliche Krankheiten und Missempfinden verhelfen ihr zu erholsamen Rückzügen. In ihrer Einsamkeit und hohen Empfindsamkeit entwickelt sie jedoch als Heranwachsende den Antrieb ihre Fähigkeiten in Selbstversuchen und unermüdlichen, eigensentwickelten Übungen weiter zu schulen. So kann sie mittlerweile ihre Ohren nach außen und innen stülpen, so ihre Wahrnehmungen regulieren und diese auch immer dezidierter einordnen. Schließlich vermag sie ihre Fähigkeit als besondere Begabung wahrzunehmen und findet eine Form, diese als Hilfe für andere Menschen einzusetzen.

Die Lektüre dieses Lebensweges berührt von Anfang an sehr, die Entwicklungsgeschichte mit ihren Höhen und Tiefen fesselt bis zu einem unerwarteten, faszinierenden Schluss. Immer wieder zwischen den Zeilen wird die Wahrnehmungsfähigkeit des Lesers angeregt, ganz individuell - denn laut Stella gibt es noch andere Vielhörer, Vielseher, Vielfühler und Vielwisser, die die Welt besonders sensitiv wahrnehmen. Der Autorin ist es gelungen, diese ganz besondere Erfahrungswelt einfühlsam zu beschreiben.

Marva Aurin, geboren 1969 in Stuttgart, lebte nach der Schule in Norwegen, Deutschland und auch im Tessin, arbeitete mit behinderten Kindern und schwerbehinderten Erwachsenen und Jugendlichen, auch mit gesunden Kindern. Heute lebt sie, Mutter von drei Kindern, in Bremen und arbeitet als Heilpädagogin, Assistentin für behinderte Kinder und als Förderlehrerin.

red./Michaela Frölich

Fotovermerk:

Marva Aurin: Stella, das Ohrenmädchen. Ein sensitives Kind erlauscht die Welt von innen. 262 S. geb. mit Schutzumschlag. Futurum Verlag, Basel 2011. EUR 19,90.