Normal ist die Verschiedenheit

Inklusion – eine Aufgabe für die Zukunft!

„Alle Kinder lernen gemeinsam in einer Schule und haben gleiche Chancen auf Bildung. Dabei sollen sich individuelle Fähigkeiten im Schulalltag voll entfalten können und Diskriminierung und Beeinträchtigung von Fähigkeiten und Begabungen ausgeschlossen sein“. Das ist das Ziel der UN-Behindertenrechtskonvention, die seit dem 19. Dezember 2008 in Deutschland gilt. Die Umsetzung steckt noch in den Anfängen.

Es fehlen vor allem ausgebildete Pädagogen

Seit mehr als 12 Jahren führt das Seminar für Waldorfpädagogik Köln, unter der Leitung von Henning Köhler, erfolgreich eine zweijährige, berufsbegleitende Fortbildung durch. Der Neue Fortbildungsgang 2012/13 stellt das Thema „Inklusion“ in den Mittelpunkt.

Wir sind darauf fixiert zu sehen, was die Kinder nicht können, was sie sollen, sollten und müssten… Im Vordergrund steht aber die Frage, was Kinder brauchen. Das, was sie sollen, scheint leicht feststellbar, weil das die Normen der jeweiligen Kultur vorgeben. Es erfordert große Mühe und besondere Bereitschaft aufzubrechen – auch innerlich aufzubrechen, auf einen Weg, der wegführt von einer Fixierung auf Defizite und hin zu einer Wahrnehmung jedes einzelnen Kindes, seiner individuellen Fähigkeiten und Bedürfnisse.

Normal gleich Gesund?

Altersnormen sind meist nicht mehr zu erleben, denn die statistisch errechneten Mittelwerte gehen nicht konform mit der Wirklichkeit. „Normal“ wird mit Gesundheit gleichgesetzt. Abweichungen von diesen Mittelwerten werden meist als krank angesehen. Unsere Gesellschaft ignoriert, dass Altersnormen kaum mehr wahrzunehmen sind. Ein Abweichen von der Norm wird als Entwicklungsstörung wahrgenommen.

Es stimmt, dass Kinder heute andere Verhaltensweisen und Verhaltensauffälligkeiten zeigen als früher. Durch das äußere Leben stürmen viele, uns bekannte, neue Eindrücke auf die Kinder ein – angefangen bei den modernen Medien bis zur Schnelllebigkeit in allen Bereichen.

Die Kinder brauchen unser herzliches Interesse

Doch zunächst brauchen Kinder unser Interesse und unsere Anerkennung. Und so ist es bei dieser heutigen Entwicklung genauso wichtig zu erkennen, dass Pädagogen eine besondere Aufgabe in der Wahrnehmung der Kinder obliegt. Dabei spielt eine große Rolle, mit welcher inneren Haltung wir ein Kind beurteilen. Aber auch die Frage, warum kommen die Kinder heute mit „uns“ so schwer klar?

Eigenwille als Schutz

Es wird immer wieder deutlich, dass außer den biologischen Voraussetzungen und den Umweltbedingungen, die Individualität des Kindes eine wesentliche Rolle spielt. Kinder werden auf der einen Seite immer verschiedener, andererseits zeigen sie einen enormen Eigenwillen. Was ist das für ein „individueller Richtungsimpuls“ (Henning Köhler), den sie da mitbringen? Wird diese Individualität auch gebraucht, um sich zu schützen, vor (unserem) Erwartungsdruck und (unseren) Ansprüchen?

In Beziehung treten

Mehr Druck in der Begleitung von Kindern ist für deren weiteres Leben keine Perspektive. Das schließt aber nicht aus, verdeutlicht Henning Köhler in der Fortbildung immer wieder, dass Kinder Grenzen benötigen. Aber die Frage ist, wie Grenzen und Regeln sich aus einer gewachsenen „Beziehung“ zu den Kindern und Jugendlichen entwickeln können. So zeigt sich in der Fortbildung, dass „Pädagogik“ Führung und nicht Formung des Kindes bedeutet. Wir müssen offen dafür werden, auch von den Kindern zu lernen. Das schließt nicht aus, dass wir Rückschläge erleben, durch die aber, immer wieder neu, die Möglichkeit zu einem Schritt „nach vorn“ gegeben ist.

Themen der Fortbildung

Schwerpunktthemen sind Aggression, Angst, AD(H)S, Sinneslehre, Legasthenie, Autismus, Karma, Wahrnehmungsübungen, Pubertätskrisen, Elterngespräche führen.

„Inklusion“ – eine gemeinsame Zukunftsaufgabe für Eltern, ErzieherInnen, LehrerInnen, TherapeutInnen, ÄrztInnen und für die Politik! Die Grenzen zwischen sogenannten „normalen“ und „gestörten“ Kindern müssen aufgelöst werden, denn „normal ist die Verschiedenheit“ (R. v. Weizsäcker).

Anne Marisch

Nächste Termine: 3. - 5. Februar und 16. - 18. März. Weitere Informationen zum Kurs und den Gastdozenten beim Seminar für Waldorfpädagogik Köln, Tel. 0221-941 49 30.