Den Blick über die Welt der Sinne hinaus gerichtet

Experten entdeckten erstaunliche Schnittmengen im Verhältnis von Surrealismus und Anthroposophie - Fondation Beyeler im Dialog mit dem Vitra Design Museum

Kurz vor Ende des Steiner-Gedenkjahrs war nach dem vielbeachteten Auftritt des Philosophen Sloterdijk in Weil am Rhein im November noch ein weiterer Höhepunkt zu verzeichnen: Die Fondation Beyeler in Basel lud im Rahmen ihrer großen Surrealisten-Ausstellung („Dali, Magritte, Miró. Surrealismus in Paris“) unter dem Motto „André Breton trifft Rudolf Steiner“ zu einem Podiumsgespräch zum Thema Surrealismus und Anthroposophie ein.

Auch hier diskutierten hochrangige Experten: Kurator Philippe Büttner und Mateo Kries, Direktor des Vitra Design Museums sowie der Leiter des Steiner-Archivs, Walter Kugler. Die Gesprächsleitung hatte der Literaturwissenschaftler Prof. Robert Kopp. Im Mittelpunkt standen mögliche geistige Berührungspunkte, aber auch Divergenzen zwischen Steiner und den Surrealisten. Das von Mateo Kries angeregte Gespräch war zugleich die erste thematische Zusammenarbeit der beiden weltbekannten Museen.

André Breton hatte in seinem „Surrealistischen Manifest“ (1924) eine neuartige Kunst gefordert, die das Leben und die Gesellschaft verändern sollte. Rudolf Steiner, der sich im gleichen Jahr in Paris aufhielt, ist Breton wahrscheinlich nie begegnet. Gleichwohl sieht Walter Kugler eine Parallele: In Steiners fünf Jahre früher veröffentlichtem „Aufruf an die Kulturwelt“ (1919), der auch eine Art Manifest sei, habe dieser ebenfalls ein radikales Umdenken gefordert. Das traumatische Erlebnis des ersten Weltkriegs habe bei beiden die Überzeugung von der Notwendigkeit einer gesamtgesellschaftlichen Wende noch verstärkt.

Der moderne Mensch muss in Bildern denken

Im Verlauf der Podiumsdiskussion wurden weitere Parallelen sichtbar: Steiner und Breton hätten nach einem umfassenden Welt- und Menschenbild gestrebt, wobei sie den Blick über die Welt der Sinne und des Verstandes hinaus gerichtet hätten. Steiner zufolge müsse der moderne Mensch wieder lernen, in Bildern zu denken.

Als Inspirationsquelle diente den Surrealisten das Unterbewusste und die Welt des Traums. Sie stellten die erste künstlerische und literarische Bewegung dar, die sich bewusst auf die Psychoanalyse bezog. Automatisches Schreiben und Zeichnen sollte ihnen das Eindringen in die Sphären des Inneren erleichtern. Ihre Bilder sind von merkwürdigen Symbolen und Tiergestalten bevölkert, die aus anthroposophischer Perspektive unschwer zu interpretieren sind, wie Walter Kugler andeutete. Das Überschreiten der Schwelle zur geistigen Welt im Sinne Steiners führe ebenfalls zu Imaginationen, die nach gewöhnlichen ästhetischen Maßstäben nicht immer als schön und angenehm zu bezeichnen sind.

Möglicherweise, so legte Kugler nahe, sehe man auf den Bildern der Surrealisten Welten, die auch Steiner beschrieben habe.

Die Frage, welche Welt die Surrealisten anzapften, beherrschte die weitere Diskussion. Dabei wurden auch schnell die Unterschiede zu Steiner deutlich: Steiner lehnte jede Herabdämpfung des Bewusstseins beim übersinnlichen Forschen ab: Der Mensch solle immer die Kontrolle behalten, um nicht Selbsttäuschungen zu erliegen. Moderator Kopp brachte es auf die Formel: „Was angezapft wird, ist nicht das gleiche Fass.“ Mateo Kries glaubt bei Steiner einen „Reinheitskult“ zu erkennen, während Philippe Büttner Ähnlichkeiten zwischen Steiners Tafelzeichnungen und den Bildern von André Masson sieht, der das surrealistische Konzept des „automatischen Schreibens“ in seine Zeichnungen übernahm.

Walter Kugler erinnerte in diesem Zusammenhang auch an eine Fülle weitgehend unbekannter spontaner Zeichnungen Steiners in seinen Notizbüchern. Steiner habe bei geistigen Impressionen immer zuerst zum Zeichenstift gegriffen, eher er das Geschaute in Worte formte. Steiners Zeichnungen wirkten künstlerisch viel überzeugender als seine malerischen Versuche, ergänzte Mateo Kries.

Unterschiedliche Freiheitskonzepte

Trotz der gemeinsamen Liebe zum Unkonventionellen seien die Freiheitskonzepte sehr unterschiedlich, befand Kries. Der frühere Anarchist Steiner sei zu einem sehr strukturierten, zuweilen sogar hierarchisierten Weltbild gekommen. Diese Tendenz zum Systematischen habe sich nach Steiners Tod in der anthroposophischen Bewegung verstärkt fortgesetzt, während man die anarchische Dimension Steiners zunehmend aus den Augen verloren habe.

Kugler erläuterte, Steiner habe seine Freiheitsidee zum Handeln aus Intuition transformiert, wobei die Kategorien Freiheit und Liebe für ihn keinen Dualismus, sondern zwei Seiten einer Medaille darstellten. Steiner habe sich auch viel mit dem Traum befasst, wobei er der Dynamik der Traumhandlung mehr Gewicht beigelegt habe als dem Traumbild selbst. Der Traum sei für Steiner ein Wachmacher des Bewusstseins. Im Schlafen stelle man nach Steiner die Verbindung zur Welt her, im Wachen distanziere man sich von der Welt.

Bei Steiner herrsche ein Ordnungsprinzip, das die Surrealisten nicht hatten, stellte Kopp fest. Kugler bestätigte dies mit dem Hinweis auf Steiners Rat an esoterische Schüler, immer den Ausgleich zwischen geistiger und physischer Welt zu suchen, nie die Bodenhaftung zu verlieren. Bewusstseinserweiterung bedürfe der Nüchternheit und Besonnenheit, nicht des Rausches.

Zuletzt wurde noch die Frage der rational kaum erklärlichen „Überproduktion“ Steiners angesprochen, der sich kaum einmal eine Erholungspause gegönnt habe. Kries meinte, Steiners Obsessivität dürfe man nicht unbedingt negativ bewerten. Sie entspreche der Obsession mancher heutiger Künstler. Dass Steiners „Maschine“ bis zum Breakdown gelaufen sei, passe allerdings nicht in das Gemäßigte, immer Ausgeglichene des anthroposophischen Bildes von Steiner, wie es überhaupt fraglich sei, ob Steiners Nachfolger immer in seinem Sinne gedacht und gehandelt hätten.

Mateo Kries resümierte, die Schnittmenge zwischen Breton und Steiner sei erstaunlich groß. Eingebettet in ihre Zeit, hätten sie Interesse am Irrationalen gezeigt und nach einem „neuen Menschen“ gesucht. Büttner verwies auf Paul Klee, um dessen Gunst sich die Surrealisten sehr bemüht hätten, der in gewissem Sinn Surreales und Anthroposophisches in sich vereint habe, etwa in seinem Bild „Der Blick des Ahriman“. Kries betonte, die rationale Moderne habe die Gewissheit suggeriert: Allein das technisch Zweckmäßige sei die wahre Welt. Breton und Steiner hätten von zwei verschiedenen Enden her diese Gewissheit in Frage gestellt.

Wolfgang G. Vögele /

NNA-News

Die Ausstellung ist noch bis zum 29.Januar geöffnet: Öffnungszeiten der Fondation Beyeler: täglich 10-18 Uhr, mittwochs bis 20 Uhr.

Literaturhinweis: Katalog zur Ausstellung: Philippe Büttner: Surrealismus in Paris. (290 S.), 49,80 Euro.