Das starke Glühen

Die Attentate in Oslo und Utøya lassen sich unter anderem auf ein missgeleitetes Verständnis ‹reiner Kultur› zurückführen. 

Am Freitag, dem 22. Juli 2011, wurde es in Norwegen Nacht: Wir befanden uns in einem Abgrund des Unglaublichen und Schocks.  Die Bevölkerung wurde aber nicht nur Opfer eines Massakers mit 77 Toten. Diese Tat schlug mit ungeheurer Kraft auch in die norwegische Psyche ein ohne Rücksicht auf ethnische Zugehörigkeit, Religion, Kultur oder politischen Überzeugung. Erst langsam beginnen wir, den Umfang dieses Verbrechen zu erfassen und mit ihm die Kontur des Täters Anders Behring Breivik. Doch anders, als viele glauben, war es kein ‹11. September›, denn es war kein Angriff von außen, es war einer von innen; es war, wie es Ministerpräsident Jens Stoltenberg nannte: «der schwarze Freitag». 

Viele von uns waren nach dem Bombenanschlag in Oslo besorgt, wie es jetzt Muslimen in Norwegen gehen würde. Denn bereits kurz danach wurden Menschen mit dunkler Hartfarbe verdächtigt, tyrannisiert und bedroht. Und selbst als längst klar war, dass der Täter ein ‹ethnischer Norweger› war, dachten viele, dass er in Kontakt mit einer extremistischen Jihad-Gruppe stehen müsse. Als die erste Nachricht von den Schüssen auf Utøya gemeldet wurde, dachten viele und auch ich dass dies vergleichsweise harmlos, ein Unfall, ein Gerücht war. Nur allmählich dämmerte es uns, dass wir es mit der Tat eines äußerst intelligenten und kalt berechnenden Menschen zu tun hatten. Er hat neun Jahre lang nicht nur technisch das Bombenattentat in Oslo und das Utøya-Massaker geplant, sondern auch genau gewusst, wie er auf den Saiten der Psyche spielen kann. Der Täter zeigte dabei einen bemerkenswerten Einblick in die Seele der Opfer. Er hat sich auf Utøya als Polizist ausgegeben und zog damit das Vertrauen auf sich. Noch zehn Minuten vor seiner Verhaftung rief er all denen, die sich versteckt hatten, zu, dass sie jetzt sicher seien und wieder hervorkommen könnten. Dann bat er sie, sich in eine Reihe zu stellen, um sie «zählen» zu können. Als sie, noch immer vor Angst zitternd, aber hoffnungsvoll gegenüber einem Polizisten, vor ihm standen, wurden sie von ihm erschossen. 

In seinen eignen Augen war Anders Behring Breivik ein Idealist. Er sah seine Tat als notwendigen Schritt und wichtiges Signal im großen Kampf, im 21. Jahrhundert die europäischen Traditionen und Werte vor dem Islam zu schützen. Er sah sich als «Kommandant» und «Märtyrer», dazu verpflichtet, das durchzuführen, was er als «grausam, aber notwendig» beschrieb. Am 31. Dezember 2009 hatte er geschrieben: «In der Zukunft muss sich jeder gezwungen fühlen, seine Fahne zu erheben und eine Entscheidung zu treffen: Nationalismus oder Internationalismus.» Breivik und seine vielen Gesinnungsgenossen sind auf die Idee nationaler und kultureller ‹Reinheit› fixiert. Universalismus, Kosmopolitismus und Internationalismus sind für sie Feinde dieser Reinheit. Dieses Bedürfnis nach Reinheit beschreibt der Soziologe Zygmunt Bauman als «eine Vision der Ordnung», eine Situation, in der alles an seinem rechten Platz ist. In dem, was Bauman «fließende Modernität» nennt, können wir uns eine Sehnsucht nach Festland, nach etwas Stabilem vorstellen. Wenn man diesen Grund nicht in sich selbst finden kann, wird einem «das Fremde» zur Bedrohung und man projiziert die eigene Angst und nach außen. Als Projektsfläche dieser ‹Bedrohung› kann Verschiedenes dienen. Für Menschen in Europa und USA ist es heute der Islam. Für Anders Behring Breivik leben wir in einem Kampf bis zum Tod mit dem «Islam» und den europäischen «Multikulturalisten» als konkreten Feinden. Genährt werden seine Furcht und Hass gegen Muslime von der ‹Idee›, die abendländische Kultur stehe unter «islamistisch, demographischer Kriegsführung»: Masseneinwanderung und kinderreiche Familien würden Europa zu einem Eurabia machen. Für Breivik ist der kulturelle Niedergang Europas so weit fortgeschritten, dass er nicht mehr mit demokratischen Mitteln gestoppt werden könne. Breivik selbst sieht sich also als Retter von Europa und Norwegen. 

Diese Reinheitsmanie und chauvinistische Attitüde steht in klarem Gegensatz zur Haltung des Gründers des Nationalbewusstseins, Johann Gottfried Herder. Für ihn ist das Nationale eine geistige Realität, die sich durch Menschen, Sprache, Volkskunst, Mythologie, Lieder, Gedichte und Geschichten ausdrückt. Herders Ideal war, dass jede Kultur ihren eigenen Maßstab habe. Nach Peter Normann Waage, der der Geschichte des Idee-Gedankens nachging, war für Herder nichts lächerlicher als Nationalstolz. In seiner Jugend war Johann Wolfgang von Goethe von Herders Nationalidee begeistert, rückte aber später von ihr ab, als er erkannte, wie die zu starke Betonung an der kulturellen Gemeinschaft den Einzelnen darauf reduzierte, ein Produkt der Kultur zu sein. Goethe wurde daher zu einem ‹Antipatrioten›, der daran glaubte, dass das anzustrebende Universelle der Kern der Kunst sei und nicht die ‹lokalen Kleider›, in der sie erscheint. Goethe hat dabei nie bestritten, dass die Nation, die Menschen und der kulturelle Hintergrund wichtige Aspekte des Lebens sind, doch dürften sie nicht «zu einem Wert an sich» erhoben werden.   

In dieser Tradition sehe ich auch Rudolf Steiner, als er am 27. November 1921 in Oslo  sagte: « [...] die wirklich aus einem vorherigen idealen, frommen Erleben errungene, innerlich geistig-seelische Liebe zu Volkstum und Sprache äußert sich selbstverständlich und ist mit wahrer universeller Menschenliebe durchaus vereinbar. Niemals wird der kosmopolitische, der internationale Sinn durch eine solche geistig-seelische Liebe zu Sprache und Volkstum verkümmert» (‹Nordische und mitteleuropäische Geistimpulse›, GA 209). Wo Breivik und Gleichgesinnte in ihrer Sehnsucht nach kultureller Reinheit kategorisch zwischen Nationalismus und Internationalismus unterscheiden, entwickelt Steiner das Verständnis der Nation nach Herder und Goethe weiter zu einer echten Verbindung zwischen Liebe zur Heimat und wahrer universeller Menschenliebe.  

Diese Ideale und dieses Streben waren auch für die Opfer typisch. Einer der Überlebenden, Per Anders Torvik Langerød, hat gegenüber ‹Aftenposten›, der größten Zeitung in Norwegen, gesagt, dass er die Kraft seiner verstorbenen Kameraden wahrnimmt. Am 20. August suchte er zusammen mit vielen anderen Überlebenden Utøya auf. Er beschrieb es als «ein friedvolles Erlebnis», bei dem er «ein sehr starkes Glühen spürte». Er sagte weiter, dass er diese innere Flamme seiner getöteten Freunden in politisches Engagement leiten möchte. Das erinnert mich an einige Worte von Dag Hammarskjöld. Er schrieb, dass «jenseits allen Getümmels, jenseits aller Fakten das einzige Wirkliche» sei: «die aufrechte Flamme». Das korrespondiert mit einem Gedicht, das ich in der ersten Woche nach dem «Schwarzen Freitag» geschrieben habe.

Frode Barkved

Frode Barkved ist Generalsekretär der Anthroposophischen Gesellschaft in Norwegen. 

Quelle: Das Goetheanum. Wochenschrift für Anthroposophie Nr. 37/2011

Postskriptum des Manifestes

Manchmal falle ich durch die Nacht der Isolierung,

werde in den Abgrund wachen Träumens geschleudert.

Hier werden die Sekunden zu Räumen ohne Wände,

ohne Boden und Dach. 

Hier sehe ich Gesichter aus Licht,

ich erkenne die Blicke,

die einst mich anstarrten, vor Angst und Unglauben zerrissen. 

Diese Angst und dieser Unglaube sind verschwunden,

was ich sehe, sind Blicke aus Feuer,

als sei jedes Auge Sonne geworden. 

In diesen Sekunden,

gegen die keine Isolierung mich eingrenzen und schützen kann,

merke ich eine Kraft, stärker als diejenige, die ich legte in das Herz von Oslo,

stärker als diejenige, die die Kugeln in Utøyas Körper trieb. 

Und ich, der dachte, dass die Angst ein Feind wäre, den ich längst besiegt hatte,

empfinde, wie sie unter dem Feuer dieser Blicke erneuert und verstärkt in mir hinaufsteigt. 

In diesen merkwürdigen, wachen Träumen, die, ich hoffe, bald enden werden,

höre ich eine Stimme, die einst die meine war.

Ich erkenne den Klang eines Jungen, von dem ich dachte. dass er so tot sei, wie die, die ich ermordete.

Er steht vor mir, wie aus dem Kreis getreten,

um für sie zu sprechen: 

Du dunkler Ritter: Was du in deiner weißen Wut ersticken wolltest,

es wächst nun, vervielfältigt im Licht unserer Augen.

Du Schreckens kranker Bote, der von Macht verdunkelt unsere Körper umbrachte,

das, was dir jetzt entgegenflammt, kannst du nicht zerstören.

Du verlassener und verhasster Todesdragon, deine dunkle Tat stärkte das, was du schwächen wolltest,

zündete das, was du löschen wolltest und gab dem, was du ersticken wolltest, einen Himmel aus Luft.

Du Einsamster unter Einsamen, dein Gedanke reichte weit, doch nicht weit genug.

Vor Zeiten hast du dir dein Herz aus eigenem Leib gerissen.

Doch unsere Herzen glühen noch wärmer,

unsere Augen strahlen noch stärker,

unsere Ideale wirken noch tiefer,

als je zuvor.

Frode Barkved

Aus dem Norwegischen von Hans Arden.

Das Gedicht wurde erstmals am 6. August 2011 in der norwegischen Kulturzeitung ‹Klassekampen› auf Norwegisch publiziert.