Umkehrung der Lebenskräfte

Die künstliche Radioaktivität erweist sich als hochgradig lebensfeindlich.

Johannes Kühl erklärt im Interview mit Markus Jermann Hintergründe.

Was für ein Verhältnis haben Sie heute zu den Ereignissen in Japan?

Die Ereignisse bewegen mich aus zwei Gründen nach wie vor tief: Zum einen konnte ich selbst vor einiger Zeit Japan besuchen und habe das Land und die Menschen lieben gelernt. Meine Freunde dort sind zwar nicht unmittelbar betroffen, aber das Leid der Menschen ist mir persönlich nähergekommen. Zum anderen bewegt mich das Schicksal dieses Landes mit der Radioaktivität vor 66 Jahren wurden dort die Atombomben gezündet, die Menschen wurden zu Versuchsobjekten für die ganze Menschheit, und jetzt geschah dieses Unglück mit den Kraftwerken! Man kann nur hoffen, dass das große Leid, welches die Menschen dort immer noch durchmachen, dadurch für die Menschheit einen Sinn bekommt, dass man mehr und mehr von dieser Technologie Abstand nimmt. Allerdings sind bisher nur wenig Länder bereit, ihre Energiepolitik zu ändern. Als Physiker empfinde ich diese Vorgänge auch immer ein wenig als zum ‹Schicksal der Physik› gehörig.

Was sind die Probleme, die sich aus den Ereignissen in Japan ergeben? Dort? Bei uns?

Die Probleme sind ja inzwischen gut bekannt: Ein großer Landstrich wird auf längere Zeit unbewohnbar. Japan ist ein dicht besiedeltes Land, insofern wird es nicht so ‹unauffällig› bleiben wie die Zone um Tschernobyl. Einige Menschen wie das Kraftwerkspersonal werden direkt von der Strahlung betroffen sein: Wenn es wohl auch keine direkten Strahlentoten gab, so werden die Betroffenen mit vorzeitigem Altern, einem erhöhten Krebsrisiko und möglicherweise geschädigten Nachkommen rechnen müssen. Die unmittelbaren Folgen bei uns schätze ich eher gering ein, eine Strahlungserhöhung ist bei uns nur schwer nachweisbar. Allerdings: Man sollte Kindern keinen japanischen Fisch zu essen geben, und wir wissen nicht, wie viele Jahre diese Empfehlung gelten wird, das ist schon sehr unangenehm. Noch wenig wissen wir über die Folgen für das Meer: Ein Großteil der radioaktiven Substanzen wurde und wird ins Meer gespült. Die kurzlebigen Isotope, die einen großen Teil davon ausmachen, vor allem Iod 131, werden bald zerfallen sein. Das ebenfalls sehr häufige Caesium 137 allerdings hat eine Halbwertszeit von etwa 30 Jahren, reichlich Zeit, sich in den Meeren auf der ganzen Erde zu verteilen. Das ist anders als in Tschernobyl, wo die meisten radioaktiven Stoffe letztlich irgendwo in den Boden gelangten. Allerdings ist das Caesium auch dort bedrohlich, weil es in den Stoffwechsel der Pflanzen integriert wird.

Gibt es Äußerungen von Rudolf Steiner zum Thema?

Das ist insofern schwer zu beantworten, weil es zu seiner Zeit noch keine Kernspaltung gab, sodass er sich dazu auch nicht explizit geäußert hat. Zu Radioaktivität finden sich durchaus einige Stellen, einmal (2. Juli 1922, GA 213) erklärt er seinen Zuhörern eine natürliche Zerfallsreihe, auch empfiehlt er den Lehrern der Waldorfschule, im Physikunterricht der 11. Klasse Alpha-, Beta- und Gammastrahlung zu behandeln. Da geht es aber nicht um die damit verbundenen Gefahren, und diese waren auch so lange gering, als es nur um die natürliche Radioaktivität ging. Nach allem, was wir wissen, war diese sogar essenziell an der Entwicklung eines Erdorganismus beteiligt, auf dem sich der Mensch inkarnieren konnte.

Für die technologische Verwendung der Kernspaltung, wodurch die Radioaktivität erst zu einem globalen Thema wurde, scheint mir die Fragenbeantwortung im Vortrag ‹Die Ätherisation des Blutes› (1. Oktober 1911, GA 130) besonders relevant: Dort beschreibt er, wie zu Elektrizität als ins Unterphysische gedrängtem Licht und Magnetismus als ins Unterphysische gedrängtem Chemismus eine weitere dritte Kraft gefunden werden wird, ins Unterphysische gedrängte Lebenswirkung, welche «furchtbare Vernichtungswirkung» bedeutet. Alle drei Gebiete werden, für die Naturwissenschaft ungewöhnlich, auch ‹moralisch› konnotiert, indem er sie mit den Widersachermächten in Beziehung bringt: die Elektrizität mit Luzifer, den Magnetismus mit Ahriman und die dritte Kraft mit den Asuras, also jenen Widersachermächten, die eine Zerstörung des menschlichen Ich anstreben. Man müsse «wünschen, dass bevor diese Kraft der Menschheit durch einen Erfinder gegeben wird, die Menschen nichts Unmoralisches mehr an sich haben werden!», so seine Worte. In der Vergangenheit ist immer wieder darüber diskutiert worden, ob damit die Kernenergie oder die Kernspaltung gemeint sei. Meines Erachtens spricht viel dafür, dass es zumindest in diese Richtung geht, und zwar weil sich diese künstliche Radioaktivität als so hochgradig lebensfeindlich, also wie eine Umkehrung der Lebenskräfte darstellt.

Wir kennen im Vortragswerk auch eine Äußerung, in der gesagt wird, dass es die Radioaktivität erst seit ein paar Jahrtausenden auf der Erde gäbe (5. Oktober 1905, GA 93a). Das lässt sich allerdings naturwissenschaftlich schwer verstehen, nach allem, was wir wissen, gab es Radioaktivität ‹schon immer›, oder doch zumindest weit länger als ‹Jahrtausende›.

Wie verstehen Sie diese Äußerungen?

Ich beziehe diese Frage einmal auf die Äußerung aus der genannten Fragenbeantwortung. Dann verstehe ich sie so, dass die Entdeckung dieser Kräfte ein besonderes Maß an Verantwortlichkeit erfordert, mehr als alle Technologien vorher. Das ist sofort verständlich, werden doch dadurch Stoffe wie beispielsweise Plutonium erzeugt, die überaus giftig sind (einige Milligramm sind tödlich, aber die durch Krebserzeugung tödliche Wirkung durch die Strahlung liegt bei einem Tausendstel dieser Menge!) und vorher nicht in nennenswerter Menge auf der Erde vorkamen. Heute gibt es Tonnen davon, die in historischen Zeiträumen nicht wieder verschwinden (die Halbwertszeit beträgt rund 24000 Jahre). Vielleicht wird einmal ein Prozess gefunden, mit dem man diesen Stoff in größerem Maßstab in einen weniger gefährlichen umwandeln kann. Aber es ist doch in hohem Maße verantwortungslos, solche Stoffe zu produzieren, ohne auch nur zu wissen, wie man sie wieder loswird. Und ein solche Verantwortungslosigkeit ist eine Form der Ichschwäche, wenn nicht sogar der partiellen Ichlosigkeit.

Wie kann ein normaler Mensch verstehen, was Atom und Verstrahlung sind und bedeuten?

Diese Frage lässt sich natürlich nicht seriös in einem Interview beantworten, indem man das ‹mal kurz› erklärt. Und je nach der Tiefe, in die die Frage zielt, gibt es auch viele offene Themen: Es gibt bedeutende Physiker, die von sich sagen, die Quantenphysik hätten sie eigentlich nicht verstanden, selbst wenn sie für Forschungen auf diesem Gebiet einen Nobelpreis bekommen haben. Andererseits habe ich gerade dazu Vorträge am Goetheanum gehalten und auch eine Woche lang eine elfte Klasse dazu unterrichtet. Die Schüler hatten hinterher doch wenigstens das Gefühl, sie wüssten ungefähr, um was es geht und wo sie notfalls nachschauen können... Also, ich halte es durchaus für möglich, sich auf einem gewissen Niveau urteilsfähig zu machen.

Wie sollen wir damit umgehen? Kurzfristig sollte man der Radioaktivität wo immer möglich aus dem Weg gehen und insbesondere Kinder davor schützen. Dabei sind nicht immer nur ‹die anderen› dafür verantwortlich: Die stündliche Strahlenbelastung bei einem Interkontinentalflug ist etwa 200-mal so groß wie am Boden, sie bleibt zwar selbst für das fliegende Personal wohl noch unter der Grenze, ab der sich auch nur eine Erhöhung des Krebsrisikos nachweisen ließe, aber die Strahlenempfindlichkeit eines Embryos ist um ein Vielfaches höher als die eines Erwachsenen. Mittel- und langfristig sehe ich als die wichtigste Aufgabe, unseren Umgang mit Energie zu ändern. Neben der Umstellung auf erneuerbare Energiequellen besteht das größte Potenzial nach wie vor bei der Energieeinsparung und man sollte nicht vergessen, dass jeder Energieverbrauch ökologische Folgen hat.

Wie kann die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise auf verstrahlte Gebiete reagieren? Eingreifen?

Das ist schwer, allgemein zu beantworten: Wenn ein Gebiet wirklich mit Caesium belastet ist, dann muss man zumindest Messungen durchführen, bevor man etwas für den Verzehr anbietet. Es gibt eine Studie aus der Region von Tschernobyl, aus der hervorgeht, dass die biologisch-dynamisch behandelten Pflanzen weniger Radioaktivität aus dem Boden aufnehmen als andere. Dieses Ergebnis ist für die Naturwissenschaft so überraschend, dass man auf jeden Fall weitere Forschungen anstellen muss, bevor man es als gesichert ansehen kann. Nach allem, was wir heute wissen, kann man nicht raten, auf einem solchen Boden Landwirtschaft für die Ernährung von Menschen zu treiben. Andererseits möchte man gerade diese Teile der Erde eigentlich gerne ‹gut behandeln›. Wenn die Belastung nicht mehr akut ist, dann gibt es doch viele Wege der Naturpflege und -gestaltung, die sinnvoll und bezahlbar sind, ohne dass es um die Produktion von Nahrungsmitteln geht.

Quelle:

Kundenzeitschrift ‹Transparenz› Nr. 62, Juli 2011, Freie Gemeinschaftsbank Basel. www.gemeinschaftsbank.ch