Aus der Kraft des Ich

Journalismus führt uns auf die Spur, Ichqualitäten zu entwickeln.

Es ist Markt. Was für ein buntes Gewimmel: Hier gibt es Obst neben Wollsocken, Wurst neben Blumen und Eiern. An jedem Stand werden andere Waren angeboten, und sollte es zwei Gemüsestände geben, steht jeweils ein anderer Händler hinter dem Stand. Die Leute kaufen nicht nur, sie bleiben stehen und tauschen sich über das Neueste aus, das sie womöglich gerade erst erfahren haben. Der Markt erscheint wie ein Sinnbild für eine Zeitung: Auch in ihr steht Verschiedenes nebeneinander, und wenn zwei Artikel dasselbe Thema behandeln, haben sie unterschiedliche Autoren oder verschiedene Perspektiven. Doch auf dem Medienmarkt herrscht seit einigen Jahren Unruhe. So wie der Supermarkt die Markthändler gefährdet, fühlt sich die Medienbranche von aktuellen Entwicklungen bedroht. Sie selbst hat sich einst die Vorteile der Drucktechnik zu eigen gemacht, sie weiterentwickelt und optimiert, ja, sogar auf Funk und Fernsehen übertragen. Nun sieht die Branche ihre Grundsätze infrage gestellt: Printmedien sind mit Gebundenheit an Papier gegenüber elektronischem Vertrieb aufwändig, dem Finanzierungsmodell von Inserateeinnahmen und Abonnement beziehungsweise Gebühren steht die kostenlose Verfügbarkeit von Informationen im Internet gegenüber, und der Ethos eines Traditionsberufs mit Standards in Form und Methode kümmert die auf Demokratisierung der Schreibkultur setzende Internetgemeinde wenig. Die schnelle Informationsweitergabe durch Korrespondenten der Medienhäuser wird in wichtigen Einzelfällen durch Zeitzeugen erledigt, die gerade in der Nähe eines Ereignisses sind beispielsweise die Anschläge vom 11. September 2001 oder Natur- und Zivilisationskatastrophen wie die bei Fukushima und dieses Geschehen über geeignete Kleingeräte wie Handykameras dokumentieren und streuen, bevor Journalisten davon etwas mitbekommen haben. Nicht mehr die Medien garantieren, ‹dran› zu sein, sondern die Menschen vor Ort.

Auch das ‹Monopol› und die Deutungshoheit über die öffentliche Berichterstattung hat die Medienbranche verloren. Denn Unternehmen und Organisationen veröffentlichen über ihre Presse- und Öffentlichkeitsarbeit selbst, was sie für mitteilenswert halten und das, je nach finanziellen Kapazitäten, in Auflagen und Reichweiten, die diejenigen ‹unabhängiger› Medien übertreffen. Kostenlose Kundenmagazine berichten oft weit über das eigentliche Unternehmensspektrum hinaus und werden, zumal nicht selten gut gemacht, zur Konkurrenz für die Kaufmedien. Grundsätzlich kann jeder alles ins Internet stellen. Auch die Argumentation, die Medien würden aus der Fülle der Ereignisse Wesentliches selektieren und die Hintergründe der verbleibenden Einzelereignisse aufzeigen, wird durch neue Konzepte wie die Plattform Wikileaks hinterfragt. Deren Macher finden, dass jeder zu allem ungefiltert Zugang haben soll. Geblieben ist den Medien einzig der exklusive Zugang zu Politikern und Personen der Zeitgeschichte, sofern diese nicht selbst Wege der Selbstpräsentation einschlagen, wie es Jörg Kachelmann mit seinen versuchsweise unter Youtube veröffentlichten Wetterprognosen derzeit testet.

Doch all diese Krisensymptome sollten nicht den Blick für tiefer reichende Zusammenhänge der journalistischen Arbeit verstellen. Die drei klassischen journalistischen Textformen Gespräch, Nachricht und Kommentar helfen uns auf die Spur. Im Gespräch gilt es, sich auf den anderen einzulassen und aufzunehmen, was er mitzuteilen hat. In der Nachricht tritt der Journalist hinter dem Ereignis zurück; es ist der einzige Mitteilungsinhalt. Beides setzt voraus, genau zu beobachten und empathisch zu sein. Beim Kommentar wird der Journalist zum Publizisten: Er vertritt seine Sicht auf die Welt, und zwar prononciert individuell, und ermöglicht so dem Lesenden, den authentischen Ausdrucksformen des Autoren-Ich zu begegnen (statt der Vermittlung eines anderen Ich durch den Journalisten). Beide Zugänge sind diametral entgegengesetzt: bei dem einen tritt der Journalist als Person zurück, beim anderen tritt sie hervor. Und doch vereinen sie sich in einem Bezugspunkt: dem Ich. Denn der Journalist übt, sein Ich schweigen zu lassen, um sich in eine Beziehung zum Ereignis oder menschlichen Gegenüber zu setzen, um dieses im Ich-Erlebnis aufzunehmen. Derart gesteigerte Empathie führt ins Gebiet der höheren Erkenntniskraft, der Intuition. Der Publizist dagegen trifft Urteile, äußert sich und wird so als Ich selbst wahrnehmbar.

Beide Zugänge bergen jedoch Gefahren in sich: Der Journalist kann sich in das Gegenüber hinein und damit als eigene Wesenheit verlieren (die kritische Distanz aufgeben) oder aber unfähig sein, das Gegenüber in seinen Wesenszügen zu erfassen. In einem Fall schreibt der Journalist bestenfalls wirr, im anderen über sich selbst statt über das Gegenüber. Die Schatten des Publizisten bestehen darin, dass sich in seinem Beitrag seine eigene Unreife zeigt und letzterer dadurch uninteressant oder belanglos ist, routiniert oder manieriert, also nur so wirkt, als käme er von einem Ich.

Der journalistische und der publizistische Weltzugang erinnern an zwei Initiationsformen. Rudolf Steiner hat diese unter anderem in seinen Vorträgen vom 11. und 12. April 1910 als «mystischen Weg» und als Weg der «Ekstase» dargestellt (gemäß in GA 118 dokumentierter Überlieferung). Bei der Einweihung via Ekstase wird die Welt außerhalb des Ich Anlass für eine Steigerung der Gefühle, etwa durch intensiviertes Einleben in die Jahreszeiten. Diese Eindrücke können nicht zuletzt durch «immerwährende Wiederholung» so stark werden, dass sich der Schüler in sein Umfeld hinein auflöst. Wird er fähig, das den irdischen Vorgängen zugrundeliegende Geistige wahrzunehmen («Schauen der Sonne um Mitternacht»), kann der Schüler so überwältigt werden, dass er ohnmächtig wird. Der mystische Weg sucht die Welt über die Wahrnehmung des eigenen Inneren zu erschließen. Hierbei kann die innere Seelenkraft so stark werden, dass sein Egoismus anschwillt, was gefahrvoll ist, wenn durch die Begegnung mit der Triebnatur das Selbstgefühl maßlos wird. An die Empathie nach außen und die Erkundung des eigenen Inneren scheinen mir luziferische und ahrimanische Wesen als Verführer anschließen zu wollen.

So, wie Rudolf Steiner für seine Zeit ein Gleichgewicht zwischen beiden Initiationsformen als notwendig erachtet und daher für die Rosenkreuzereinweihung eintritt, gilt es im Journalismus, die Umwelt so umfassend und empathisch wie möglich aufzunehmen (sein eigenes Urteil zu fundieren), jedoch ohne sich aufzugeben und ohne sich selbst zu gefallen. Vom renommierten Journalisten Hanns Joachim Friedrich ist aus anderem Zusammenhang der Satz überliefert: «Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache; dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazugehört.»

Eine Eigenschaft des Rosenkreuzerwegs besteht nach Rudolf Steiner darin, die physische Welt als ein Gleichnis zu verstehen. Dadurch wird die Welt eine bedeutungsvolle, nämlich insofern sie eine Intention hinter dem Geschehenen voraussetzt, was zu einem Wesen führen muss. Darin liegt für mich ein Schlüssel zu einem anthroposophisch inspirierten Journalismus, nämlich dass dieser über die kausalen Verhältnisse hinaus das Geschehen als Äußerung von Vorgängen versteht, die ihre Ursachen in der Beziehung zwischen Wesen haben beziehungsweise in den Folgen ihrer Taten. Ist der Journalist noch nicht ausreichend geschult, kann er den Übungsstoff irrtümlicherweise mit der Wirklichkeit identifizieren, woraus Spekulationen erwachsen, beispielsweise Verschwörungstheorien oder deren Gegenbild: die Verharmlosung. Wichtig ist, dass der Journalist mit dem Rosenkreuzer lernt, Fragen nach Verhältnissen, Bedeutungen und Ursachen zu stellen, also Interesse an der Welt zu entwickeln. Wo keine Fragen gestellt werden, können auch keine Antworten evoziert werden.

Journalismus macht uns also auf die Notwendigkeit des Interesses aufmerksam und, weil es ja nicht um wahllose Neugierde geht, auf die Notwendigkeit der Auswahl, die Konzentration auf Wesentliches. Insofern sind die Werte eines ethischen Journalismus nicht überholt; nur seine Erscheinungsformen ändern sich und der Kreis seiner aktiven Mitspieler erweitert sich: Journalist und Medienkonsument rücken einander näher. Indem beide das Interesse immer wieder pflegen und dabei ihr Wissen und ihre Fähigkeiten einbringen, wirkt die Auseinandersetzung mit den medial vermittelten Inhalten Fähigkeiten entwickelnd und später womöglich organbildend, sodass der Alltagsblick zu einem Blick in die Welt der Ursachen gesteigert wird. Man sieht: Neben dem reinen Informieren, dem wesensgerechten Vorstellen von Menschen und Ereignissen, dem urteilsbildenden Kommentieren und dem investigativen Aufspüren und Öffentlichmachen von Missständen hat der Journalismus die Aufgabe der Beziehungs- und Fähigkeitenbildung auch heute noch.

Und damit befinden wir uns wieder auf dem Markt, wo die Waren nicht einfach nur gekauft werden (wie im Supermarkt), sondern wo sie gehandelt werden, also ein Verhältnis zwischen Kunde und Händler gegründet wird, über rote Äpfel, geringelte Wollsocken oder ungarische Salami, über Sonnenblumen und Eier der Handelsklasse A.

Sebastian Jüngel

Dieser Beitrag führt die Überlegungen zu einem anthroposophisch inspirierten Journalismus fort. Bisher vom Autor erschienen: ‹Das Anthroposophische im Journalismus›, in: ‹Goetheanum› Nr. 43/2003, ‹Schwellenerfahrungen im Journalismus›, in: ‹Goetheanum› Nr. 35/2006 und ‹Wie Wörter Worte werden. Journalismus als Aufgabe der Schönen Wissenschaften›, in: Jahrbuch der Schönen Wissenschaften, Verlag am Goetheanum, Dornach 2006.

Quelle: Das Goetheanum. Wochenschrift für Anthroposophie Nr. 34-35/2011