Lehrerbildung als Zukunftsaufgabe

Die Versorgung der jetzt 227 deutschen Waldorfschulen mit gut ausgebildeten Lehrern ist eine der zentralen Aufgaben der Waldorfschulbewegung in den nächsten Jahren. Dies wurde auf der Mitgliederversammlung des Bundes der Freien Waldorfschulen (BdFWS) im November 2011 in Stuttgart deutlich. 280 Mitglieder aus ganz Deutschland hatten sich in Stuttgart eingefunden, um erste Weichenstellungen für die Zukunft hinsichtlich Organisation und Finanzierung dieser Gemeinschaftsaufgabe vorzunehmen. Jährlich wenden die Waldorfschulen bereits jetzt über 8 Mio. Euro für Lehreraus- und -fortbildung auf.

„Bei der Lehrerbildung geht es nicht nur um eine Finanzierungsfrage, sondern auch darum, wie wir das Spezielle der Waldorfpädagogik, unseren Markenkern, auch in Zukunft sicherstellen“, betonte dazu Hans-Georg Hutzel, Vorstandsmitglied des BdFWS, der den teilnehmenden Mitgliedern für ihre Entscheidungsfindung Hintergrundinformationen zum Thema bot. Der Bedarf an Waldorflehrern nimmt unter anderem durch das stetige Wachstum der Waldorfschulbewegung immer weiter zu. Der BdFWS hat deswegen auch schon vor geraumer Zeit eine Kampagne zur Lehrergewinnung gestartet (www.bildung-fuers-leben.de).

Als Akutmaßnahme beschloss die Versammlung, Mittel zur Verfügung zu stellen, damit die einzelnen Ausbildungsstätten untereinander Kompetenzzentren für die Aus- und Weiterbildung der Oberstufenlehrer bilden können. Außerdem wurde bewilligt, das Studienplatzangebot der Freien Hochschule Stuttgart von 210 auf zunächst 245 Plätze zu erhöhen. Die Freie Hochschule Stuttgart hat ihr Studienangebot

im Zuge des Bologna-Prozesses bereits auf die staatlich anerkannten Abschlüsse Bachelor und Master of Arts umgestellt. Bei der nächsten Mitgliederversammlung des BdFWS im März 2012 soll dann über den Ausbildungsstandort Mannheim beraten werden.

Dr. Albert Schmelzer vom Institut für Waldorfpädagogik, Inklusion und Interkulturalität in Mannheim verwies auf die Bedeutung innovativer Studiengänge in der

Waldorflehrerbildung. Vielfalt bedeute auch, verschiedene Profile der Lehrerbildung zu realisieren, wie zum Beispiel die Vorbereitung auf den Unterricht an inklusiven oder auch interkulturellen Waldorfschulen.

Welch enormes Gewicht die Lehrerbildung auch finanziell hat, wurde besonders deutlich, als Geschäftsführer Thomas Krauch den Haushalt des BdFWS für das Jahr 2010/11 vorstellte. Von den rund 11 Mio. Euro umfasst die Lehrerbildung mit 8,3 Mio. den größten Posten, danach folgen die Personal- und Sachkosten in der Verwaltung mit 1,6 Mio. Euro. Diesen Haushalt bringen die Schulen jährlich gemäß einem nach Schülerzahlen berechneten Schlüssel auf.

Prof. Steffen Koolmann vom Institut für Bildungsökonomie, Mannheim und der Alanus Hochschule, Alfter erläuterte der Versammlung außerdem die Gesamtbilanz der Waldorfschulen für das Jahr 2009. Insgesamt ergibt sich durch öffentliche Zuschüsse, Elternbeiträge und sonstige Erträge ein Volumen von 563 Mio. Euro und nach Abzug der Sachausgaben an Dritte eine Wertschöpfung von 441 Mio. Euro. „Da die Zuschüsse seit 2003 im Verhältnis zur Bilanzsumme stetig sinken, müssen die Eltern dies durch ihre Beiträge kompensieren, die um 2,1 Prozent gestiegen sind“, so Koolmann.

Am Ende der Versammlung stand der Blick auf die internationale Waldorforganisation „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners“, die in diesem Jahr ihr 40-jähriges Jubiläum feiert. 684 Waldorfeinrichtungen in der ganzen Welt seien in dieser Zeit gefördert worden, insgesamt hätten die „Freunde“ 67 Mio. Euro Finanzmittel weitergeleitet, so Vorstandsmitglied Henning Kullak-Ublick. Auch hier ging es um eine Innovation in der waldorfpädagogischen Bewegung: Die vom „Freunde“-Team unter Leitung von Bernd Ruf entwickelte Notfallpädagogik, die traumatisierten Kindern nach Katastrophen wie in Haiti oder Fukushima helfen soll, zieht derzeit die Aufmerksamkeit der Fachwelt auf sich. „Freunde“-Mitbegründerin Nana Göbel nahm den Dank der Versammlung für ihr jahrzehntelanges Engagement zugunsten der weltweiten Waldorfbewegung entgegen. Sie hob das Weltinteresse der heutigen Schüler hervor, die Kinder der Globalisierung seien und appellierte an die Lehrer, diesen Funken im Unterricht nicht erlöschen zu lassen.

Cornelie Unger-Leistner