Ideologiefreie Kraft

Der Abgang der alten Männer in der arabischen Welt ist Ausdruck des Abgesangs einer veralteten Ära

Zine el-Abidine Ben Ali und Hosni Mubarak, zwei ‹aufgeklärte›, säkulare Despoten in Tunesien und Ägypten, sind bereits fort. Muammar al-Ghaddafi rüstete in Lybien zum letzten Aufgebot mit ungewissem Ausgang. Baschar al-Assad, eine Zeit lang Hoffnungsträger für liberale Erneuerungen, lässt seine demonstrierenden Bürger in Syrien niederschießen. Als der jüngste unter den Autokraten, deren Macht ins Wanken geraten ist, wirkt er wie vom Erbe seines Vaters eingeholt: auch er ein Mann ohne Zukunft, getrieben durch greise Generäle, die einst mit Assad dem Älteren die Herrschaft an sich gerissen haben.

Die Welle der Empörung gegen jahrzehntelange Gängeleien geht von gut gebildeten, aber angesichts gesellschaftlicher Stagnation perpektivlosen jungen Frauen und Männern aus. Sie ergreift aber auch Gewerbetreibende und die Unterschicht. Hinter den Leitworten Freiheit und Demokratie tut sich im arabischen Kulturkreis des Mittelmeerraumes auffallend unideologisch die Kraft eines inneren Rufs nach freier Lebensgestaltung kund. Die alten Männer müssen gehen. Die jungen Menschen finden sich auf Ruinenfeldern eines Jahrzehnte alten Systems korrupter Staatsführung von Cliquen wieder, deren Interessen kaum in tiefgreifender sozialer Neugestaltung liegen.

Schon haben in Tunis und Kairo Gängeleien wieder eingesetzt. Die brennende Frage ist: Werden über den Widerstand hinaus auch Gestaltungswille, Ideenpotenziale, Initiativkräfte freigesetzt? Werden die neuen Akteure makrosozial handlungsfähig sein? Werden sie die Lasten der Vergangenheit, die zum guten Teil in der osmanische Epoche, sogar schon im 13. Jahrhundert mit Beginn des Niedergangs der klassischen arabischen Weltkultur entstanden sind, werden sie dieses Erbe langer Stagnationen aus eigener Kraft umgestalten können? Die entscheidende mikrosoziale Frage ist, ob Individualität erkraften kann, wo die alten Bindungen an Klans und Großfamilien zwar seelisch und materiell Sicherheiten bieten, mit ihren Verfilzungen und patriarchalischen Strukturen der individuellen Freiheit aber massiv im Wege stehen und so das Selbstvertrauen zu beherzter Eigenverantwortung psychologisch ablähmen.

Den säkularen Despoten, den Militärdiktaturen, den mit dem Westen verbündeten Öl-Dynastien gegenüber hat sich über die beiden letzten Jahrzehnte hin der aus dem religiösen Fundamentalismus inspirierte Dschihadismus als Alternative feilgeboten. Den Korrumpierungen durch Rückgriff auf Ethik und Lebensweisen, wie sie im Koran und in der Scharia vorgegeben sind, entgegenzutreten, genügte ihnen nicht. Die Dschihadisten erhoben, die Waffe in der Hand, den heiligen Krieg zur sechsten Säule des Islam. Ihre Militanz dehnte sich über das urprüngliche Nahziel hinaus, die eigenen korrumpierten Regime zu stürzen. Sie legte sich spektakulär und mörderisch mit einem übermächtigen Westen an – und scheiterte. Den größten Blutzoll dieses verheerenden Wirkens haben dabei Muslime selbst zu zahlen gehabt.

Wie ein sonderbarer Wink der Zeitgeschichte mutet es an, dass auch in der undurchsichtigen Gegenwelt des Terrors gerade zu diesem Zeitpunkt ein ‹alter Mann› endgültig gehen musste. Der gewaltsame Tod Osama bin Ladens, zuletzt wohl ohne operativen Rang, als patriarchale Identifikationsfigur aber immer noch einflussreich, ist freilich ein bloßes Postskriptum. Der Höhepunkt jener mörderisch-illusorischen Ideologie ist längst überschritten. Besiegelt haben den Abgesang des Dschihadismus nicht Barak Obama und sein Sondereinsatzkommando, sondern die Demonstranten der Jahreswende 2010/11 in Tunesien, Ägypten, Syrien, im Yemen und Bahrain, die aus völlig neuen Ressourcen heraus handeln und denken. Sogar die traditionell-islamischen Kreise, die keineswegs verschwunden sind, werden den veränderten Gegebenheiten Rechnung zu tragen haben. Der Boden, den es mit diesen Ressourcen zu beackern gilt, bleibt freilich spröde, voll verschlungenem Wurzelwerks. Und ungewiss bleibt, wie rasch, wie tief der zeitgeschichtliche Einschlag dieser Monate fruchten wird angesichts der großen sozialen, wirtschaftlichen, rechtlich-politischen Rückständigkeiten in der ganzen Region. Dass er – geistig gesehen – irreversibel ist: Das darf schon jetzt mit zureichender Sicherheit behauptet werden.

János Darvas

János Darvas wurde 1948 in Budapest geboren. Studium der Philosophie in Wien und Paris, seit 1971 als Waldorflehrer  tätig, zur Zeit in Eckernförde (Schleswig-Holstein). Autor des Buches „Gotteserfahrungen. Perspektiven der Einheit. Anthroposophie und der Dialog der Religionen“ (Frankfurt a.M. 2009, Info3-Verlag) sowie von Kommentaren und Essays zu zeitgeschichtlichen, spirituellen und interkulturellen Themen in deutsch- und französischsprachigen Publikationen.

Quelle: Das Goetheanum. Wochenschrift für Anthroposophie Nr. 19/2011