21 Jahre Waldorfkindergarten Rafael

Das Kind in Liebe empfangen und in Freiheit entlassen

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„Wir suchen Eltern, die Interesse haben, in Ratingen einen Waldorfkindergarten zu gründen.“ Mit diesem kurzen Inserat-Text in einer Lokalzeitung fing 1987 die Geschichte an, die 1990 zur Gründung einer ersten Waldorfkindergarten-Gruppe in der Mülheimer Straße 60 in der Ratinger Stadtmitte führte.

Die jungen Familien waren sich einig, dass sie keine Aufbewahrungsanstalt für ihre Kinder suchten, sondern eine lebendige Gemeinschaft sein wollten, bei der alle, Kinder, Pädagogen und Eltern mithelfen. Mit großem Engagement wurde das Haus ausgebaut, umgebaut, erweitert und schon ein Jahr später startete auch die zweite Gruppe mit wieder 25 Kindern. Der Waldorfkindergarten bekam in einer Tauffeier den Namen Rafael, denn Rafael ist der Erzengel, dessen Name bedeutet „Gott heilt“. Nun nennen wir uns „Waldorfkindergaren Rafael e.V.“.

Kleine Kinder ab zwei Jahre

1998 konnte auch die andere Hälfte des Doppelhauses angemietet werden, es gründete sich eine Kleinkind-Spielgruppe, die wir Spielgärtlein nennen. Hier werden bis zu zehn kleine Kinder im Jahr vor dem Kindergarten an drei Tagen in der Woche betreut. Inzwischen hat der Waldorfkindergarten das komplette Doppelhaus ausgefüllt und betreut in zwei Gruppen fast 50 Kinder, davon sechs Zweijährige. Im Spielgärtlein sind weitere zehn Zweijährige und in diversen Eltern-Kind-Spielgruppen, die bei uns Zwergenhaus heißen, werden die jüngeren Kinder sanft an die Gemeinschaft herangeführt. Der große Garten mit altem Baumbestand ist für die Kinder ein kleines Paradies.

In Ehrfurcht erziehen

Wie in allen Waldorfkindergärten orientiert sich unsere Pädagogik an den menschenkundlichen Grundlagen der Anthroposophie. Rudolf Steiner ist der geistige Urvater der Waldorfkindergartenbewegung: „Das Kind in Liebe empfangen, in Ehrfurcht erziehen, in Freiheit entlassen“ ist die von ihm formulierte Grundmaxime der Erziehung.

Im Waldorfkindergarten erleben die Kinder bis zum Alter von sechs Jahren ein Umfeld, in dem sie sich so entwickeln können, wie es ihren individuellen Anlagen und Fähigkeiten entspricht.

Die Erzieherinnen schaffen den Kindern in großer Achtung vor der sich entwickelnden Persönlichkeit im Kindergartenalltag den Raum, den die Kinder zur Entfaltung brauchen. „Vorbild“ und „Nachahmung“ sind dabei Schlüsselbegriffe. Auch Rhythmus und Selbsterziehung spielen eine große Rolle. Wir wissen, dass jeder Mensch sich im Grunde nur selber erziehen kann. Eltern und Erzieher bilden dabei nur die Umgebung, den Rahmen für das sich selbst erziehende Kind. So versteht sich von selbst, dass wir bemüht sind, nur sinnvoll tätig zu sein, um den Kindern ein Beispiel zu geben für die eigene Entwicklung. Wir erklären den Kindern nicht die Welt, wir lassen sie wie in einer großen Familie einfach teilhaben am sinnvollen Ganzen. Statt Mathematik zu trainieren helfen die Kinder z.B. den Tisch zu decken für 23 Kinder und drei Erwachsene. Das ist kindgemäße, angewandte Mathematik, wenn die Kinder immer wieder nachzählen, ob die Anzahl der Becher und Löffel stimmt.

Rhythmus im Tageslauf

Damit das Kind sich gesund und harmonisch entwickeln kann, braucht es einen rhythmisch gestalteten Tageslauf, einen Wechsel zwischen vielseitigen Bewegungsmöglichkeiten und Ruhe, Zeit um seine eigenen Erfahrungen machen zu können, und schließlich Erwachsene, die ihm mit ihrer Aufmerksamkeit Schutz und Hülle bieten, Anregung und Vorbild. Deshalb gibt es einen festgelegten täglichen Ablauf, zu dem es immer gehört, dass wir mit den Kindern das zweite Frühstück zubereiten. Montags gibt´s Reis, dienstags backen wir Brötchen, mittwochs kochen wir Hirsebrei usw. Der Tageslauf bietet den Kindern viel Raum für das freie Spiel, denn dies ist als Urtätigkeit der Kinder von allergrößter Bedeutung. Das ganze Bestreben der Kindergärtner richtet sich darauf, dieses Spiel zu ermöglichen und zu fördern.

Das Spielzeug im Waldorfkindergarten ist deshalb freilassend gestaltet: Tannenzapfen und Holzstücke oder Kastanien und selbstgenähte Puppen sollen die Kinder anregen, sich phantasievoll mit ihrer Umgebung auseinanderzusetzen.

Sprachfördernd und gemütpflegend werden Lieder und Gedichte sowie Märchen und Puppenspiele an die Kinder herangetragen. Sie tauchen ein in die bilderreiche und schöne Sprache und lassen die inneren Bilder in ihre eigenen Spiele einfließen.

Das Jubiläumsjahr

Und nun wird der Waldorfkindergarten schon 21 Jahre alt. Als Elterninitiative lebt er vom Engagement der Eltern, die vorbildlich den Kindergarten unterstützen auf allen Ebenen. Wir feiern in jedem Monat dieses Jahres und gestalten dazu besondere Veranstaltungen. Öffentlich bieten wir große Vorträge, Basare, Theateraufführungen, Workshops und Kunstausstellungen an, intern feiern wir mit Familienausflügen, Puppenspielen und Zaubervorführungen, Sommer- und Herbstfesten, „Kino“-Abenden, Gottesdienst und einem großen Geburtstagsfest im September, zu dem auch alle ehemaligen Kinder, Eltern und Erzieher eingeladen sind.

Maria Keuck

Foto: Olaf Küsel

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