Anthroposophie und Goetheanismus in Ulm Tagungsbericht

Unter der Überschrift „Anthroposophie und Goetheanismus“ fand an dem verlängerten Wochenende vom 1. bis zum 3. Oktober in der Ulmer Christengemeinschaft eine Tagung statt. Bei strahlendem Wetter und spätsommerlichen Temperaturen konnten die Teilnehmer ein Orgelkonzert, künstlerische Kurse und verschiedene Vorträge besuchen. Redner waren Dietlinde Romanitan, Hartwig Schiller und Erdmut M. Hoerner.

Die Zeit nach der Hitze des Hochsommers und vor der Kälte des Winters ist Michaels Zeit, der kalendarische Tag Michaels ist der 29. September. Auch auf dem Gebiet der Seele wird Michael eine Mittlerrolle zugeschrieben: er weckt auf, mahnt zur Selbstbesinnung, führt den Menschen ins eigene Zentrum und zum Hören der Herzensstimme. Übersetzt heißt Michael „Wer ist wie Gott“, und das trägt eine Aufforderung zur Lebenswandlung schon in sich. Wer ist wie Gott? – Gott ähnlich werden - höhere Fähigkeiten entfalten, um „Gottes Ebenbild“ zu werden.

Wegbereiter für neues Schauen

Ältere und neuere Überlieferungen sehen in ihm den Streiter gegen das Böse, die Hand drohend gegen des Drachen Macht gerichtet, als Seelenwäger, als Antlitz, das vor dem Heiland steht.

All diese Aspekte kamen bei der Ulmer Tagung in den verschiedenen Beträgen zur Sprache, das michaelische Thema war das verbindende Element bei der Veranstaltung in der Lazarus-Kirche, im Therapeutikum und in der Waldorfschule am Illerblick.

Wie Michael zum „Wegbereiter für ein neues Schauen“ werden kann, führte zum Auftakt die Gemeindepfarrerin Dietlinde Romanitan aus. Die Empathie, sagte sie, das Hören auf das, was ist und was werden will, das Loslassen von urteilenden Vorstellungen ermögliche ein Wahrnehmen dessen, was als Notwendigkeit von der heutigen Zeitsituation gefordert werde. Eine Signatur der Zeitregentschaft Michaels sei der Aufbruch, die Umwälzung aller bisheriger äußeren Ordnungsstrukturen. Michael fordere den Menschen auf, ihm zu folgen und damit zu einem „höheren Ahnen“ dessen zu gelangen, was „die Lebens-Todes-Tat auf Golgatha“ bewirkt habe. Diese Aussagen knüpfte sie an die Michaeli-Epistel der Christengemeinschaft an und erläuterte dann das apokalyptische Bild des gebärenden Weibes, das von einem feuerroten Drachen bedroht wird. Hierin sah sie eine Analogie zur Geburt des „Neuen“ und zum „freien Ich“, das immer schon vom Drachen des Überkommenen bedroht werde.

Das Wirken Michaels in Steiners Biografie

Hartwig Schiller, Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland, ging zu Beginn seines Vortrags auf den positiven Verlauf des 150. Geburtsjahres Rudolf Steiners ein. Er erwähnte die gelungene Ausstellung im Stuttgarter Kunstmuseum („Kosmos Rudolf Steiner“) und einige neue Biografien über den Begründer der Anthroposophie. Diesen allerdings zog er das umfangreiche biographische Werk Christoph Lindenbergs vor, dessen Entstehung er seinerzeit aus nächster Nähe mitverfolgt habe. In sehr anschaulicher Weise stellte Schiller daraufhin einige Schlüsselszenen aus Steiners Werdegang vor, die zum Verständnis dieser außergewöhnlichen Persönlichkeit betrugen: Von der gefährdeten Geburt des Knaben im Bahnwärterhäuschen von Kraljevec über ein Erlebnis des Siebenjährigen, der den Tod einer Tante auf einer Metaebene geistig erlebte, bis zu den Seelenkämpfen des einundzwanzigjährigen Wiener Studenten, der in der Auseinandersetzung mit Fichtes Werk um die Erkenntnis des menschlichen Iches rang. Das Lebensbild einer körperlich eher zarten, seelisch feinfühligen und geistig über die Grenzen der äußeren Wahrnehmung weit hinaus- greifenden Persönlichkeit entstand da vor den Zuhörern. Eines Lebens, in dessen innerem Werdegang das Wirken Michaels erahnbar wurde.

Goethes Weltanschauung

„Durch die Anthroposophie zum Goetheanismus“ wollte der bekannte Christengemeinschaftspfarrer und Goetheanist Erdmut M. Hoerner die Anwesenden in seinem Abschlußvortrag führen. Er zeigte auf, wie in Goethes Anschauung der Natur ein „urchristlicher Impuls seine Auferstehung“ fand. Einigen Hinweisen Rudolf Steiners folgend (GA 188) führte Hoerner aus, dass der Goetheanismus eigentlich schon weit vor Goethe bestand. Er verwies auf die Auseinandersetzungen der frühchristlichen Kleriker Arius und Athanasius, die um die Frage rangen, ob die Göttliche Trinität in ihrem Wesen gleichartig oder ähnlich sei. Hoerner meinte, dass sich die Erkenntnis, dass sie in ihrer Göttlichkeit zwar gleich, jedoch in ihrer Wirkung nur wesensähnlich, also unterschiedlich sei, leider nicht durchgesetzt habe. So dass sich in der Folge und langfristigen Auswirkung dieses Streitpunktes in der Glaubenslehre mehr und mehr Vorstellungen breit machen konnten, die das Verständnis der Trinität verdunkelten und vom ursprünglichen Impuls abwichen. Erst in der Weltanschauung Goethes, der von einem „reinen Wahrnehmen“ , einem vorurteilsfreien, aber gedanklich verbindenden Beobachten der Dinge ausging, sei das Wirken des Göttlichen in der Natur wieder zum Vorschein gekommen. In den von Goethe der Evolution zugrunde gelegten Stufen von der Urpflanze über die Metamorphose zum Einzeltypus sah Hoerner eine Analogie, bzw. das Wirken trinitarischer Göttlichkeit. „Wer also war der Ur-Goetheanist?“ fragte er in die Runde und beantwortete diese Frage dann überzeugend mit einigen Bibelstellen, in denen Jesus Christus als einer beschrieben wird, der auf Anfragen von Menschen aus seiner Umgebung oft nicht mit direkten Antworten, sondern mit Anregungen zum Selber- Denken, zur Selbsterkenntnis reagierte.

Reich beschenkt von den vielen Inhalten hörten die Tagungsteilnehmer zum Abschluss einige michaelische Orgelstücke, gespielt von Anton Mang, dem Organisten der Ulmer Gemeinde.

Andreas Jost