James Frazer Stirling

Notes from the Archive - Krise der Moderne

Sonderausstellung bis 15. Januar 2012

Die Staatsgalerie Stuttgart würdigt erstmals umfassend das Werk des britischen Architekten, Lehrers und Pritzker-Preisträgers James Frazer Stirling (1924 – 1992). Die Ausstellung wurde durch das Canadian Centre for Architecture, Montréal (CCA) und das Yale Center for British Art organisiert.

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Rotunde Staatsgalerie Stuttgart

James Frazer Stirling gilt als einer der einflussreichsten und innovativsten Architekten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Chronologisch stellt die Ausstellung in der Staatsgalerie Stuttgart seine Entwicklung vom Frühwerk in Liverpool über seine Auseinandersetzung mit Le Corbusier bis hin zu seiner zitatenreichen Architektursprache in den 1970er und 1980er Jahren vor. Die über 300 Modelle, Pläne, Skizzen und Fotografien sowie bisher unveröffentlichtes Archivmaterial stammen aus dem „James Stirling/Michael Wilford fonds“ im Canadian Centre for Architecture und erlauben einen neuen Blick auf das Gesamtwerk des Architekten.

Suggestive Architektur-Bilder

Besonders Stirlings virtuose Architekturzeichnungen, meist als Isometrien ausgebildet, lassen schon auf dem Papier suggestive Architektur-Bilder entstehen:

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James Stirling, Michael Wilford and Associates, Neue Staatsgalerie Stuttgart, Präsentationsmodell
© Staatsgalerie Stuttgart

Darunter sind aufsehenerregende Entwürfe wie das Engineering Building der Universität Leicester (1959 – 63), die History Faculty in Cambridge (1964 – 67) und das Florey Building der Universität Oxford (1966 - 1971), die mit ihrem Materialmix aus Beton, Stahl, Glas und Backstein eine noch heute viel beachtete Trilogie radikaler Bauten mit Verweisen auf den Konstruktivismus bilden. Die Ausstellung dokumentiert zudem weitere Bauten und Projekte von James Stirling wie den Hauptsitz der britischen Olivetti (1970 - 74), der in seinem Formenrepertoire schon auf die Neue Staatsgalerie verweist; Museen für London (Clore Gallery der Tate, 1980 - 86) und Harvard (Arthur M. Sackler Museum 1979 – 84); das Wissenschaftszentrum in Berlin als „Stadt in der Stadt“ (1979 – 1987); der Wettbewerb für die Bibliothèque de France (1989) mit Referenzen an die Architektur der französischen Aufklärung und das Firmengebäude der Firma Braun in Melsungen (1986 - 1992). Bislang nur selten gezeigte bzw. völlig unbekannt gebliebene Projekte aus einer über 40-jährigen Schaffenszeit zeigen Stirlings schöpferisches Interesse auch an städtebaulichen Fragen und belegen eine kontinuierliche Entwicklung seiner Architektursprache.

James Stirlings Meisterwerk

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James Frazer Stirling, Haus für den Architekten: Präsentationsmodell
© James Stirling/Michael Wilford fonds, Canadian Centre for Architecture, Montréal

In Deutschland gibt es keinen geeigneteren Ort für die erste Museumspräsentation seines Nachlasses: Zunächst begleitet von heftigen Kontroversen ist James Stirlings Meisterwerk die Neue Staatsgalerie als Erweiterungsbau zur Alten Staatsgalerie mittlerweile ein Klassiker der Museumsarchitektur und das größte und auf vielfältige Weise erlebbare Objekt der Ausstellung. Im Rahmen eines 1977 ausgelobten Wettbewerbes entschied sich das Preisgericht für den Entwurf des Londoner Büros James Stirling and Partner, das damit seinen ersten Wettbewerb für einen Museumsbau in Deutschland gewann. Stirling knüpfte durch die Wiederaufnahme von Fluchten, Maßstäben und Materialien an die bestehende architektonische Umgebung an. Die Rotunde der Neuen Staatsgalerie und ihre U-förmig als Enfilade angeordneten Räume greifen den klassischen Museumsbau des 19. Jahrhunderts, vor allem das Alte Museum in Berlin (1824- 1828) von Karl Friedrich Schinkel auf. Stirling erzeugte durch die Verbindung von klassischen Motiven wie Pilaster, Konsole oder Voutengesims mit architektonischen Details aus der Moderne ein Spannungsverhältnis: Die konstruktivistischen Vordächer aus Glas und buntem Metall verweisen auf de Stijl, die überdimensionalen Luftansauger auf die HighTech-Ästhetik des Pariser Centre Pompidou.

In Ergänzung zur Ausstellung sind an weiteren, von James Stirling, Michael Wilford und Manuel Schupp entworfenen Bauten entlang der Konrad-Adenauer- Strasse öffentlich zugängliche QR-Codes angebracht.

Vom Barock bis zur Moderne

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Willi Baumeister, Die Wohnung. Werkbund Ausstellung
© VG Bildkunst, Bonn, 2011.

Stirlings Referenzen an die Architekturgeschichte und Einflüsse auf sein Werk werden in der Ausstellung mit architekturbezogener Kunst des Barock bis in die Moderne aus der Sammlung der Staatsgalerie verdeutlicht. Stellvertretend für Stirlings Auseinandersetzung mit den historischen Baustilen seiner Vorgänger stehen das Gemälde Roma Antica (1754/57) von Giovanni Paolo Panini sowie eine Reihe von Architekturphantasien von Giovanni Battista Piranesi (1720-1778) aus seiner Folge Prima Parte. Werke u.a. von El Lissitzky (1890-1941) machen den Einfluss des russischen Konstruktivismus auf Stirling deutlich, der besonders anschaulich in den wannenförmig auskragenden Hörsälen und der Verwendung von Stahl und Glas bei der Ingenieur-Fakultät der Universität Leicester wird. James Stirling nahm als Mitglied der Independent Group 1956 an der Ausstellung „This is tomorrow“ in der Whitechapel Art Gallery teil. Unter dem Motto Leben mit Pop sind u.a. das Ausstellungsplakat von Richard Hamilton sowie Arbeiten von Eduardo Paolozzi, einem weiteren Mitglied der Independent Group, zu sehen. Mit der Skulptur Anfang und Ende der Unendlichkeit. Der 25 Meter Stab (1987) des amerikanischen Künstlers Walter de Maria (geb. 1935) wird in der Stirling Halle der Neuen Staatsgalerie vor der Sanierung des Altbaus als Wechselausstellungsraum konzipiert die Wechselwirkung von Raum und Kunstwerk besonders deutlich: Eigens für diesen Raum geschaffen, verrät das Werk durch seinen Raumbezug wie auch durch seine Dimension die geistige Nähe zur Land Art.

James Frazer Stirling: Notes from the Archive – Krise der Moderne wird kuratiert von Anthony Vidler, Dekan und Professor an der Irwin S. Chanin School of Architecture at The Cooper Union, und von Peter Daners für die Staatsgalerie Stuttgart eingerichtet. Die Ausstellung ist nach Stationen am Yale Center for British Art, New Haven, und der Tate Britain, London, in der Staatsgalerie Stuttgart zu sehen und wird im Frühjahr 2012 im Canadian Centre for Architecture, Montréal, gezeigt.

Begleitend zur Ausstellung erscheint ein reich bebilderter Katalog in englischer Sprache. Herausgeber sind das Canadian Centre for Architecture und das Yale Center for British Art, in Zusammenarbeit mit Yale University Press und unterstützt von der Graham Foundation for Advanced Studies in the Fine Arts.

Quelle: Kunstmuseum Stuttgart