Wie wichtig ist Rudolf Steiner für die Wissenschaft?

Universität Witten-Herdecke startet öffentliche Ringvorlesung zum 150.Geburtstag des Begründers der Anthroposophie

Was hat Rudolf Steiner mit Wissenschaft zu tun?

In der Universität Witten-Herdecke hat zum 150. Geburtsjahr des Begründers der Anthroposophie eine öffentlich zugängliche Vorlesungs- und Diskussionsreihe begonnen. Dabei wird die Frage aufgeworfen, ob Steiners Ideen auch heute noch für Wissenschaft und Leben relevant und zukunftsträchtig sein können.

Die Ringvorlesungen starteten mit dem Vortrag von Dr. rer. nat. Renatus Ziegler, Mathematiker und Erkenntniswissenschaftler vom Verein für Krebsforschung im Institut Hiscia in Arlesheim, Schweiz. „Tätiges Erkennender Wirklichkeit als Grundlage von Natur- und Geisteswissenschaft bei Rudolf Steiner“ nannte er sein Thema. Dabei ging es ihm jedoch nicht um Theorie, sondern um die produktive Tätigkeit des Erkennens.
Er vermittelte es an Handvon Beispielen. Da sind zwei gleich große Messing-Kugeln auf einer schiefen Ebene oben freigelassen zum Rollen gebracht, wobei eine wie gewohnt nach unten rollt, die andere aber nicht. Ziegler warf die ganz grundsätzliche Frage auf: Was ist eine Frage? Welche Konsequenzen habe es, eine Frage zustellen? Eine Frage beruhe auf einer Beobachtung und schließe Denken mit ein, wobei die Beobachtung individuell sei. Entscheidend sei, dass ein Bezug hergestellt würde. Komme es zu einer Idee, so nennt Ziegler das eine tätige Erfahrung von einer in sich selbst abgeschlossenen Vorstellung.

Es gehe ihm um produktive Erkenntnis, nicht um generierte Ideen, betonte er. Nur wer aktuelle Erfahrung mache, habe Fragen. Der Erkenntnisprozessbeinhalte eine dreifache Aktualität: Die eigene Beobachtung, das Denken und der Akt, der Vollzug liege in der Verknüpfung der drei Schritte, sie sei notwendig, um Zusammenhänge zu finden. Für die Bearbeitung eines Problems sei es aber eine Vorbedingung, dass die Erkenntnis der Situation vorläge.
Natürlich gäbe es individuelle Erkenntnishorizonte, generell aber seien Erkenntnisse grenzenlos. Ziegler erweiterte diesen Gedanken: „Bei einer Übereinstimmung dessen, was man denkt und was man wiederfindet, hat ein solch aktuelles Erkennen eine freie Handlung zur Folge.“ Dies wiederum ziehe einen geistes wissenschaftlichen Erkenntnisakt nach sich. Freie Handlung heißt dabei, etwas gern zu tun, weil man es aus dem Inneren heraus tut und von niemandem gedrängt werde. Dadurch habe es auch eine Verbindlichkeit. Wenn man sich bewusst mache, was man tue, so sei man in der Lage, mit der Präsenzdes eigenen geistigen Kern in Verantwortlichkeit in Verbindung zu kommen.
Ein freier Akt sei demnach ein aktueller tätiger Geist, das sei auch ein fundamentaler Punkt bei Steiner. Steiner beschreibe die Kraft des Denkens, wobei durch Üben die innere Erfahrung erweitert werden könne. Dies könne wissenschaftlich angegangen werden mit dem Ziel einer Erkenntnissteigerung. Die Schulung des Denkens und Wahrnehmens führe zu der Einsicht „Ich in der Welt“, die eine Form der Erkenntnis darstelle.In der anschließenden Diskussion wurden dann unterschiedliche Auffassungenzu dem Thema artikuliert, die sich eher als Statements gegenüberstanden undsich weniger zu einem Dialog verbanden.

Die Vorlesungen finden jeweils dienstags um 17.30-19.00 Uhr im AuditoriumMaximum der Universität Witten-Herdecke statt, die Leitung hat Univ.- Prof.Dr. med. Peter Heusser. Themen der nächsten Abende sind z.B. „Polemischer Diskurs, „die Anthroposophie und Ihre Kritiker“ von Lorenzo Ravagli und„Kunstwissenschaft: zwischen Kunsterkenntnis und Erkenntniskunst“ von Dr. phil. Roland Halfen aus Dornach.WITTEN-HERDECKE (NNA).