Was kann ich tun?

Ein Interview über Eurythmie im Sozialen

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Vom 21. bis 22. Mai findet das dritte Symposium für Euryhtmie in sozialen Arbeitsfeldern an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter bei Bonn statt. Organisiert wird die Veranstaltung, die unter dem Titel „I am” steht, von Andrea Heidekorn, Professorin für Eurythmie an der Alfterer Hochschule. Mit ihr sprach Ephraim Krause über die Relevanz von Kunst für das Zusammenleben, über das Besondere an der Sozialeurythmie sowie über das anstehende Symposium.

Ephraim Krause: Angesichts der großen Natur- und Umweltkatastrophen sowie den politischen und sozialen Umbrüche ist die Frage „Was kann ich denn tun?” unausweichlich drängend.

Andrea Heidekorn: Und die Antwort ist entscheidend für das Lebensgefühl, und dafür, ob Leben als sinnvoll empfunden werden kann. Kunst in sozialen Zusammenhängen wird in Bezug darauf heute schon aus finanziellen Gründen rigoros hinterfragt und kann gleichzeitig zu direktem existentiellem Sinnbezug zu den Ereignissen der Welt führen.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Heidekorn: Wenn eine Hilfsorganisation, die in Krisengebieten arbeitet, einen Eurythmiekurs für Mitarbeiter in der Verwaltung organisiert, muss sie das stark rechtfertigen. Andererseits kommen Menschen durch Eurythmie konkret mit der energetischen Ebene in Kontakt. Diese lässt uns sehr deutlich erleben, dass wir auf dieser Welt vielleicht stofflich, aber auf keinen Fall energetisch voneinander getrennt sind. Alles, was wir gemeinsam mit innerer Kraftanstrengung und Achtsamkeit gestalten, verändert in diesem Augenblick die Qualität in uns, in der Gruppe und im Umfeld. Das ist ein starkes Sinn- und Krafterlebnis, das für die weitere Arbeit motiviert und bestätigt.

Wie könnte das in Bezug auf die Natur aussehen? Nachhaltigkeit und Ressourcenorientierung sind ja aktuelle Themen.

Heidekorn: Für mich als Bewegungskünstlerin ist das Einfühlen in Prozesse und Räume eine tägliche Aufgabe. Auch in der Natur kann ich das tun. Naturprozesse und Naturräume erlebe ich als künstlerische Gestaltungsfrage, die mich in allen Facetten meiner Künste herausfordert. Was ist Stoff, was Materie? Wie gehe ich damit als Eurythmistin um? Tanze ich mit der Natur oder störe ich sie? Antworte ich auf sie? Kann sie sich durch mich, durch die Eurythmie verständlich machen? In Zusammenarbeit mit Gabrielle Kapfer, eine Musikerin aus Schottland, hat sich da ein sehr konkreter Schulungs- und Entwicklungsweg für uns in Alfter aufgetan. Es entstehen sehr berührende Kommunikationsprozesse zwischen Menschen und Natur – die Eurythmie hat dafür auch wunderbare Mittel!

Können Sie die Rolle des Sozialen noch mehr beschreiben? Was ist das Soziale an der Sozialeurythmie?

Heidekorn: Als eine der größten Aufgaben empfinde ich heute, dass wir zum einen Verständnis entwickeln müssen für soziale Prozesse und zum anderen aus diesem Verständnis Handlungsimpulse für eine positive, entwicklungsorientierte Gestaltung im Sozialen finden müssen. In der Eurythmie spielt das Ensemble, die Zusammenarbeit in der Gruppe eine zentrale Rolle. Der Einzelne fragt ständig, was will ich wie und warum bewegen? Und wie fange ich endlich an? Dazu gehört viel Selbstbewusstsein, Mut und Aufmerksamkeit. Hinzu kommt, dass sich das alle anderen in der Gruppe auch fragen. Schließlich stoßen etliche Impulse, Entscheidungen und Aktionen aufeinander und fordern von jedem einzelnen Achtsamkeit, Flexibilität, Wärme, Interesse und Gestaltungsfreude. Das ist Lebensschule pur. Und gerade wenn wir gemeinsam in ganz freien künstlerischen Fragestellungen diese Schritte gehen, können wir uns ganz damit verbinden – ohne direkt die Kosten-Nutzenrechnung für den Alltag aufzumachen. Wir können einfach loslegen, denn es darf auch schief gehen – daraus lernt man ja am meisten.

Und wenn der Kurs vorbei ist?

Heidekorn: Dann geht man nach Hause und schmeißt sich wieder voll in den Alltag mit Familie und Beruf – und erlebt sich selbst Stück für Stück anders: achtsamer, reaktionsschneller oder bedächtiger. Man merkt, dass man durch die Kunst ganz nah an sich selbst war, sich verändert hat und etwas für den Alltag mitgenommen hat. Für mich ist das der zentrale Punkt an sozialkünstlerischer Aktivität.

Das hört sich nicht so einfach an – eine Wellness-Veranstaltung scheint es nicht zu sein…

Heidekorn: Nein, das ist es nicht. Es ist anspruchsvoll, sich als Künstler zu begreifen, aber darin liegt eben die Evidenz, als Künstler im Sozialen tätig zu werden. Sehr oft bekomme ich von Teilnehmern meiner Kurse gespiegelt, dass sie die Eurythmie zwar voraussetzungslos aber nicht einfach erleben. Sie erzählen mir, dass sie im eurythmischen Tun ganz neue Seiten an sich und den anderen entdecken und das für sie darin eine große Freude und Freiheit liegt, die sie nicht mehr missen möchten.

Lässt sich das Berufsbild des Sozialeurythmisten charakterisieren?

Heidekorn: Das ist sehr verschieden, im Grunde baut sich jeder Eurythmist, der sich in die Öffentlichkeit wagt, sein eigenes Berufsbild auf. Manche von uns arbeiten ausschließlich mit Senioren oder nur mit Kindern. Andere wiederum haben eine Mischung von Aufgaben: Sie arbeiten in Unternehmen, in Kindergärten, machen künstlerische Projekte mit Profis und Laien. Dies alles sind Aktivitäten, die durchaus dem Bereich des Community dance zuzurechnen sind. Es ist alles möglich.

Was war Ihre letzte eigene sozialkünstlerische Aktion?

Heidekorn: Mit einer Masterstudentin, Hannah Hartenberg aus Hamburg, fuhr ich mit dem Rudolf-Steiner-Express fünf Tage durch Europa. An jeder Bahnstation haben wir beide spontane Eurythmieperformances gemacht, die auf die Gegebenheiten des Ortes reagierten. Manchmal stand irgendjemand, der Eurythmie kannte, auf dem Bahnhof und machte spontan mit. Zweimal waren alle Mitreisenden eingeladen mit uns zu performen. Das war ein großartiges Gefühl.

Wie sieht es derzeit in dem Masterstudiengang aus, den Sie an der Alanus Hochschule verantworten?

Heidekorn: Unsere Besonderheit ist gerade, dass jeder Masterstudent sich sein persönliches Profil innerhalb des sozialen Feldes erarbeitet, erweitert, vertieft. Es gibt Kurse für alle möglichen Aufgabenstellungen und Reflektionsebenen. Darin sehe ich unsere Stärke, dass wir so individuell auf unsere Studenten eingehen können. Dass jeder sich auch noch einmal ganz neu erfinden kann. Ein Einstieg in das Studium ist auch in jedem Semester möglich.

Wo kann man mehr über die sozialeurythmische Arbeit erfahren?

Heidekorn: Im Mai findet das Symposium für Eurythmie in sozialen Arbeitsfeldern an der Alanus Hochschule statt, das Martina Dinkel aus Ägypten mit mir zusammen organisiert. In diesem Jahr lautet unsere Frage: Wie gelingt es, mit Eurythmie in unterschiedlichsten Kulturregionen Räume für Menschenbegegnung und Ich-Erleben zu schaffen? Wir werden etwa hinterfragen, was die Qualität der Eurythmie ist, die ein inneres Heimaterleben fördert. Es wird Aufführungen geben, die zeigen, wie junge Menschen in der Eurythmie ihr eigenes kulturelles Identitätsfeld stiften. Schon die Vorbereitung des Symposiums ist sehr anregend. Ich freue mich darauf alle Interessierten bei uns zu haben!

Vielen Dank für das Gespräch!

Fotos: Helmut Hergarten

Foto oben:

Rudolf-Steiner-Express: Eurythmieperformances auf einer Bahnstation.

Foto unten

Prof. Andrea Heidekorn (Mitte) performt mit Mitreisenden Eurythmie.

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