Eltern sprecht mit Euren Kindern!

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Der Heilpädagoge und Kinder- und Jugendtherapeut Henning Köhler war zum wiederholten Male zu Gast in der Freien Waldorfschule Erftstadt, um zu unterschiedlichen Aspekten des Jugendalters Stellung zu beziehen. Dieses Mal stand die Vor- oder Frühpubertät mit etwa 9 bis 10 Jahren im Mittelpunkt der Betrachtungen. Seine Botschaft war so einfach wie klar: Wir sollen mit unseren Kindern über die Zeit vor ihrer bewussten Erinnerung sprechen, damit ihre Zweifel, ob sie die richtigen Kinder am richtigen Ort bei den richtigen Eltern sind, zerstreut werden von Bildern und Gefühlen aus ihrer Vergangenheit.

Köhler erläuterte, dass das Kind mit 9 bis 10 Jahren an der Schnittstelle zwischen Kindheit und Jugendalter steht. Dieser Übergang kann begleitet sein von starken Einsamkeitsgefühlen, neuen, aber auch alten Ängsten, welche die Eltern für längst überwunden hielten, und einem Abgeschnittensein von der eigenen Kindheit. Das Kind merkt, dass es nicht mehr so wie früher spielen und komplett in eine als real empfundene Phantasiewelt eintauchen kann. Der natürliche Zauber der Kindheit ist verflogen und es gibt kein Zurück, was als großer Schmerz empfunden werden kann. Zugleich kommen neue, existentielle Fragen auf und es entsteht ein Bewusstsein für die Endlichkeit des Lebens.

Um dem Kind Geborgenheit und emotionale Sicherheit zu geben, ist es in dieser Zeit besonders hilfreich, wenn man den Kindern Bilder anbietet für die Zeit vor Einsetzen ihres Erinnerungsvermögens. So empfiehlt Köhler, gemeinsam Fotos anzuschauen und zu besprechen aus der Zeit, in der die Eltern sich kennen gelernt haben, Hochzeitsfotos, Schwangerschaft und Geburt, die ersten Lebensjahre, die Geschwister. Auch die Krisen – Krankheiten, Todesfälle, Trennungen, Streitereien sollten erwähnt werden, aber auf sachliche Art, als Teil der Lebensgeschichte des Kindes und der Familie.

Da die Kinder in diesem Lebensalter in ihrer „Erfinder- und Entdeckerzeit” sind, haben sie oft viele Fragen an die Erwachsenen. Ziel sollte es nicht primär sein, diese alle zu beantworten, sondern sie als Ausdruck der Individualität und des gesteigerten Bewusstseins des Kindes zu respektieren. Es komme vielmehr auf das Wahrnehmen der Fragen und das Gespräch an als auf die Antworten, so Köhler. Die seien zwar vor allem ab der Pubertät auch wichtig, aber entscheidend sei es, die fragende, staunende Grundhaltung des Kindes nicht zu verschütten durch eine zu stark durchorganisierte Kindheit, in der keine Zeit mehr zum Spielen bleibt. Auch für Erwachsene ist es heilsam, so Köhler, sich ein wenig diese fragende, staunende Grundhaltung zu bewahren.

Als große Hilfe zur Überwindung der Schwelle zwischen Kindheit und Jugendalter bezeichnete Köhler Bücher wie „Ronja Räubertochter”, „Kalle Blomquist” oder „Harry Potter”, weil sie 9 bis 10-Jährigen einen literarischen Ersatz für die phantasievollen Rollenspiele ihrer Kindheit, die nun nicht mehr gehen, bieten.

Fragen aus dem Publikum nach dem Umgang mit ungewünschten äußeren Einflüssen wie Star Wars-Sammelkarten beantwortete Köhler mit der ihm eigenen pragmatischen und doch idealistischen Art. Er plädierte dafür, Kinder vor bestimmten negativen Einflüssen zu schützen – in diesem Zusammenhang lobte Köhler ausdrücklich die Waldorfschulen und deren Bemühen, Kindern einen Schutzraum für eine gesunde körperliche, seelische und geistige Entwicklung zu bieten – gleichzeitig warnte er aber davor, lediglich Verbote auszusprechen. Wichtig sei es auch, echtes Interesse aufzubringen für das, womit sich die Kinder beschäftigen, sie zu begleiten und zu respektieren.

Dass Henning Köhler auch mit dem aktuellen Vortragsthema den Nerv von Eltern und Lehrern getroffen hatte, zeigte nicht nur der große Andrang im Eurythmieraum, sondern auch die vielen weiteren Fragen, die seine Thesen ausgelöst hatten, und für deren Beantwortung er sich auch zu vorgerückter Stunde noch Zeit und Muße nahm. So ging man spät, aber reich beschenkt mit Ideen, Fragen und praktischen, liebevollen Anregungen für den Alltag mit den Kindern nach Hause.

Nina Hellmann