Freiräume und Zeit sich auszubilden

Neues Konzept der Berufsfachschule für Sozialassistenz am Rudolf Steiner Institut in Kassel

The Basket of Fruits“ - das war einer der bewegenden Momente des ersten Ausbildungsjahres der neu konzipierten SozialassistentInnen-Ausbildung: ein Photo strahlender kleiner afrikanischer Kinder, welche eine Frucht jubelnd in die Höhe halten. Magdalena Pfirrmann und Almut Slezak, zwei Sozialassistentinnen, die ihr Projektpraktikum in einer Basis-Schule in Isolo, Kenia, machten, hatten es – zurück in Kassel - tatsächlich geschafft, ihr ehrgeiziges Ziel umzusetzen, und den kleinen Kindern im Alter von zwei bis sechs Jahren nachhaltig, jeden Tag eine Frucht gegen ihren großen Hunger und Ergänzung der einseitigen Ernährung zu verschaffen.

Im Grunde ist es auch eine Frucht der neuen Konzeption der SozialasistenInnenausbildung – und vielleicht eine ihrer schönsten!

„Wir können so nicht mehr weitermachen – eine neue, andere Generation von jungen Menschen braucht neue, andere Ausbildungsformen“, das spürten Judit Simandi, Jules Brinkmann, Ulf Bauer und Hilmar Kuhle, die für diesen Ausbildungszweig verantwortlichen KollegInnen des Rudolf Steiner Institutes deutlich. Sie handelten und entwickelten in einem intensiven Prozess ein mutiges, außergewöhnliches und in dieser Form in Deutschland einzigartiges Ausbildungskonzept, welches im August 2009 startete.

Grundintentionen der Ausbildung

Lebensschule sein - Lernen für mich, Lernen am Leben ist das Motiv. Freiräume und Zeit - sich auszuprobieren, sich kennenzulernen, sich auszubilden, das Konzept.

Arbeiten und Leben - in der Natur, im Handwerk, in internationalen Projekten, mit alten Menschen und mit jungen Menschen - Studieren am Erleben in Theorie, Praxis und Kunst in Seminarblöcken am Rudolf Steiner Institut, zwischen den Praktika, ist das Werkzeug.

Dazu suchen die SeminaristInnen besondere Situationen und Orte auf.

Gemeinschaft bilden – Ängste überwinden

Es beginnt auf einem ländlichen Anwesen in Oberellenbach. Eine Woche leben und arbeiten die Jugendlichen unter einfachen Bedingungen zusammen. Im Stroh schlafen, keine Dusche nur kaltes Wasser haben, eine Nacht allein im Wald verbringen, für andere hart arbeiten, selber kochen, gemeinsam am Lagerfeuer essen…., das sind für viele ganz neue, ungewohnte Erfahrungen, bei denen viele an ihre inneren und äußeren Grenzen stossen und mit Hilfe der sich bildenden neuen Gemeinschaft ihre Ängste und Hemmnisse überwinden lernen. Mit Angst, dem Grundphänomen unserer Leistungsgesellschaft, offen und bewußt umzugehen, ist ein wesentliches Element dieser Anfangszeit der Ausbildung, in der die Grundlage und das Vertrauen für die weitere Zusammenarbeit im Kurs wie zu den Dozenten gelegt werden.

Willen bilden durch Naturbeobachtung und Arbeit an der Erde

Jetzt folgt der Waldhof: Vier Wochen wird im Herbst in einem großen Garten ganztägig gemeinsam gelernt und gearbeitet. Intensiv betreut von den beiden Kursbetreuern und kompetent angeleitet vom Kollegiumsmitglied Thomas Mauer und seinem Team, die dort u.a. einen Saatgutbetrieb unternehmen. Der Waldhof, der am Rande des Schlossparkes Wilhelmshöhe liegt, wurde vom Institut 2008 gepachteten.

Jeden Morgen gehen die SozialassistenInnen eine dreiviertel Stunde gemeinsam zum Garten und am Abend individuell zurück. Dabei erhalten sie Wahrnehmungs- und Empfindungsaufgaben. Das Ziel dieser Ausbildungsphase ist es, eine Arbeit von ihrem Anfang bis zu ihrem Ende mitzuerleben und zu gestalten. Z.B. der Zaunbau: Bäume fällen, entrinden, sägen, Zaun ausmessen, Abstände Pfosten und Querhölzer berechnen und markieren, Pfosten in die Erde eingraben, Bretter an Pfosten nageln.

Warum wird der Waldhof als Ort der ersten Ausbildungsphase gewählt?

Seminaristinnen berichten: „Das was beim Mittagessen auf dem Teller lag, erkannten wir und aßen es bewusst.“

„Was ist Schönheit? Was ist alles schön? Die Natur kann uns unglaubliche Schönheit und Wunder zeigen, in allem!“

Katharina P.

„Kein Buch der Welt kann mir die Erfahrungen geben, die ich mit meinem eigenen Empfinden auf dem Waldhof gemacht habe.“

Natalie S.

„Der Waldhof ist, vorgefahrene Wege zu verlassen und mit Neugier neue zu begrüßen!“

Louise G.

„Man könnte auch sagen, durch die körperliche Arbeit wird die seelische Arbeit angeregt.“

Anna-Lena W.

Ankommen - Sich verabschieden

Im November naht das erste große Praktikum, das Handwerkspraktikum, das bedeutet: Zwei Monate in einem kleinen Handwerksbetrieb irgendwo im deutschsprachigen Raum mitarbeiten und oft auch mitleben. Beim Schreiner, beim Bäcker, beim Schäfer, beim Töpfer, beim Goldschmied, beim Bootsbauer, beim Schneider, beim Sattler .... Etwas Neues lernen! Durch individuelle Lernwege handwerkliche Fähigkeiten erlernen und üben. Zum Könner werden und sein Können anderen zur Verfügung stellen.

Mottos welche die SeminaristInnen für ihr Handwerkspraktikum fanden: Ich kann was; Einsamkeit und Stille; Es lohnt sich durchzuhalten; Nur keine Hektik; Mit Grenzen kämpfen; Ohne Geld reich; Zwischenmenschliche Beziehungen steigern die Produktivität; Wer Kleines loslässt, hat Zeit für Großes!

Mich in der Welt kennenlernen

Es ist Frühling und Abenteuer in der Ferne rufen! Das Projektpraktikum zerstreut die Jugendlichen in alle Winde. Sie werden drei Monate lang irgendwo auf der Welt sich einem ideellen Projekt mit seiner gesamten Persönlichkeit zur Verfügung stellen und dabei neue Blicke auf sich und ihre Umgebung gewinnen. Das Institut steht dazu in engem Kontakt mit verschiedensten sozialen und ökologischen Projekten weltweit. Wer bin ich? Wer will ich werden? Bin ich richtig im sozialen Beruf? Das sind die Fragen, die jetzt nach Antworten suchen.

Das Studienjahr endet mit einer öffentlichen Präsentation der Projekte des Praktikums. Zu jeder dargestellten Ausbildungsphase gehören am Ende eine Mappe und eine Präsentation.

Anfang und Ende des Lebens – das zweite Ausbildungsjahr

Das zweite Ausbildungsjahr hat einen entgegengesetzten Charakter, seine Spirale führt von Außen nach Innen. Es konzentriert sich dabei auf zwei inhaltliche Schwerpunkte: „Dem Ende und dem Anfang des Lebens“, in letzter Konsequenz um „Tod und Geburt“.

Mit dem alten Menschen und seiner Pflege und Betreuung beginnt es. Die Auseinandersetzung mit dem Alter in der bildenden Kunst schafft dabei die Basis für die Annäherung zwischen Jugend und Alter. Nach der theoretischen Auseinandersetzung mit dem Alter und der Annäherung durch die Beschäftigung mit der Altenpflege mit Hilfe von DozentInnen aus der Praxis, geht es in ein Praktikum in anthroposophische Alten- und Pflegeeinrichtungen.

Nach den Eindrücken zum Lebensabend richtet sich der Blick danach auf die frühen Lebensjahre. Ob in Krabbelgruppe, Kindergarten, Hort oder als Familienpraktikum wird individuell festgelegt. Jetzt reift auch die Entscheidung über den weiteren Berufsweg. Das Praktikum bietet eine gute Möglichkeit zu prüfen, ob sich eine Erzieherausbildung anschließen soll.

Prüfungen - Zeit der Bewährung für die eigenen Perspektiven!

Die Erfahrungen aus zwei Jahren bilden die Grundlage für eine intensive Vorbereitung auf die Prüfungen. Die Herausforderung einer schriftlichen Prüfung ist es, die Gedanken auf den Punkt zu bringen. Die praktische Prüfung fordert den tätigen Menschen; mündliche Prüfungen zeigen dem jungen Erwachsenen, was aus ihm geworden ist. Eine Zeit der Bewährung für die eigenen Perspektiven!

Parallel zur Ausbildung gibt es das Angebot die Fachhochschulreife zu erlangen, was 80% der SeminaristInnen nutzen.

Markus Stettner-Ruff