Hellfühlende Künstler?

Als das Unglück von Tschernobyl stattfand, nahm die Zeitung „Die Zeit“ in ihrem aktuellen Kommentar bezug auf den Film „Stalker“ (1982) von Andrej Tarkovskij: auch dort machten sich Menschen auf, in eine zunächst nicht näher definierte „Zone“. Die von dem Journalisten damals spontan hergestellte Parallele hat einiges in sich: war doch in einer der vorhergehenden Szenen kurz vor dem Gang in die „Zone“ im Hintergrund ein Kühlturm auf dem Bild erschienen.

Wie hellfühlend Tarkovskij war, zeigt auch folgendes: die Traumsequenz in dem Film „Opfer“ (Blick in eine verwüstete menschenleere Straßenschlucht) filmte er genau an der Stelle (David Bagars Gata) an der ca. 6 Monate der schwedische Ministerpräsident Olav Palme erschossen wurde. Tarkovkij daraufhin angesprochen sagte nur: „Manche Stellen eignen sich für Katastrophen“.

Als jüngstes Beispiel einer großen künstlerischen Sensibilität – man muss vielleicht sagen: einer prophetischen Gabe - ist der 1990 erschienene Film „Träume“ des berühmtesten japanischen Regisseurs Akira Kurosawa. In der Sechsten, der 8 Episoden „Fujiyama in Rot“1 sehen wir, wie ein Mann sich durch eine in Panik geratene Menschenmassen kämpft. Schreie und Hupgeräusche. Hinter dem Fujiyama Feuerfontänen. Wie schrecklich! Sagt ein Mann. Ist das eine Eruption? Viel schlimmer, sagt eine Frau mit zwei Kinder: Es ist eine Nukleare Katastrophe, sechs Kernreaktoren sind einer nach dem anderen hochgegangen. „Japan ist doch so klein: Wo sollen wir hin?“

In der nächsten Szene mit der Brandung des Meeres im Hintergrund: Wir sehen verstreutes Gepäck und Abfälle der Zivilisation. „Wo sind die Menschen?“ „Sie sind schon auf dem Grund des Ozeans angekommen,“ sagt ein Mann im Anzug. Er ist Wissenschaftler und erklärt der Frau mit den Kindern und dem Mann zugewendet: „Die rote Wolke ist Plutonium – 239 sie löst Krebs aus, die gelbe ist Strontium - 90 und führt zu Leukämie, die Purpurnere ist Cäsium -137 sie macht unfruchtbar.“ Dann die letzten Worte des Wissenschaftlers vor seinem Selbstmord: „Die Dummheit der Menschheit ist unglaublich!“ Die Frau jammert: „Und sie sagten uns immer die Kernkraftwerke wären sicher… Diese Lügner…“

In der vorletzten der acht Traumsequenzen: mutierte Menschen, riesengroße Blumen…

Natürlich ist diese bedrückende Vision eine Fiktion, doch sie könnte einmal von der Realität eingeholt werden.

Bernhard Steiner

Quelle: Das Goetheanum. Wochenschrift für Anthroposophie Nr. 13/11