Erwachen im Nahen Osten

Ankunft in Kairo, neun Tage nach dem Sturz Mubaraks. Am Flughafen werden wir von der Familie des Busunternehmers Nasr Abd el-Latif mit ägyptischen Fähnchen begrüßt – „Welcome in Egypt!“

Wir erleben ein ganz neues Ägypten, überall Menschen voller Freude und Hoffnung. Im Ägyptischen Museum nur vereinzelte Touristen, dafür aber ägyptische Familien, Schulklassen... Viele Plakate beschwören die Einheit von Muslimen und Kopten. Vor dem Ägyptischen Museum und auf dem Tahrirplatz bilden zwar Panzerwagen eine martialische Kulisse, aber Eltern setzen ihre Kinder auf die Kanonen und stellen sich mit dem Soldaten zum Gruppenfoto auf. Wie können zwei Wochen ein Land so verändern?

Um das Geschehen halbwegs zu verstehen, müssen wir in die Vergangenheit blicken:

Die glanzvolle Blütezeit der Arabischen Kultur im 8.-12. Jahrhundert vereinte Muslime, Juden und Christen in einem gemeinsamen Erkenntnisbemühen. Sie ist ein Maßstab, der aber in der Folge traumatische Wirkung erhielt. Damals war Bagdad das unbestrittene Kulturzentrum, aber der Glanz ging unwiderruflich verloren. Schon die Verlagerung der islamischen Macht nach Istanbul traf das arabische Selbstbewusstsein zutiefst, aber die schlimmste Verletzung geschah durch die Entscheidungen der europäischen Siegermächte nach dem 1. Weltkrieg. Großbritannien und Frankreich hatten den arabischen Völkern Unabhängigkeit versprochen, statt dessen wurden sie zu Satellitenstaaten des Westens mit willkürlichen Grenzen, unmöglichen ethnischen Mischungen und Marionettenregierungen. Der Staat Israel entstand als Vorposten des Westens im arabischen Umfeld, der Kalte Krieg erzeugte neue Abhängigkeiten. Unterschiedlichste „Revolutionen“ brachten nicht Freiheit, sondern Diktaturen, von den Westmächten unterstützt, solange sie „Stabilität“ zu garantieren schienen. Die Königreiche Saudiarabien und Jordan bildeten da keine wirkliche Ausnahme.

In diesem Geschehen wurden im Bewusstsein der westlichen Öffentlichkeit mindestens drei Bereiche übersehen oder ausgeblendet: einmal die Tatsache, dass „arabisch“ und „Islamisch“ nicht identisch sind, dass es vor allem in den östlichen arabischen Ländern bedeutende christliche Bevölkerungsteile gibt, die einen nicht zu unterschätzenden Anteil zur der Kultur dieser Länder beitragen.

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Zum anderen das Missverständnis gegenüber dem Islam. Indem wir fixiert sind auf das terroristische Zerrbild, das ja nicht ohne Zutun des Westens entstanden ist, lassen wir Millionen von Muslimen keine andere Wahl, wir identifizieren sie bewusst oder unbewusst mit Fanatismus und Gewalt und gefährden damit die Lebensgrundlage, die sie in der Religion fanden.

Und schließlich die traurige Wahrheit, dass die vielbeschworenen christlichen Werte in der Politik der USA und Europas längst keine Rolle mehr spielen, sondern einem politischen Phantom des Christentums Platz gemacht haben.

Die Gegenbewegungen, ob nationalistisch oder sozialistisch etikettiert, bedienten sich bald der Religion als Vorwand, einer auf politisch Verwertbares reduzierten, feindseligen Religion. „Der“ Islam wurde im Westen zum Synonym von Gewalt und Intoleranz. Dabei übersah man, dass auch im Westen Religion politisch instrumentalisiert wurde, vom jüdischen Terrorismus der dreißiger Jahre bis zum christlichen Fundamentalismus in Amerika, der in der staatlichen Wiederherstellung des „Gelobten Landes“ die Bedingung für die Rettung der Menschheit sieht.

Heranwachsende Jugendkräfte

So wuchs in den arabischen Ländern eine Jugend auf, der diese Heuchelei unterschwellig bewusst war, die mit der plakativ dargestellten „Verkommenheit des Westens“ von Fanatikern mit einer vorgeblich reinen islamischen Moral gelockt wurde, und die sich gleichzeitig begeistert der technischen Errungenschaftten des Westens bediente. Die herkömmlichen Mittel, mit denen ihre Regierungen Meinungsfreiheit und freiheitliche politische Initiativen bisher unterdrückten, verlieren nun ihre Wirkung, denn mit der Ausbreitung von Handy, Internet, Facebook und Twitter spielt sich eine neue Form der Aufklärung ab; der islamische Fundamentalismus verliert zusehends an Boden. Wer in arabischen Ländern heute mit jungen Menschen spricht, findet zwar eine feste Verwurzelung im Islam, aber wenig Fanatismus und Intoleranz. Die Sehnsucht richtet sich auf verlässliche Lebensperspektiven - Bildung, Arbeit, Familie, Freizügigkeit.

Alle arabischen Länder sind Jugendländer, aber sie werden von Greisen regiert. Das durchschnittliche Alter der Ägypter liegt bei 24 Jahren, der Jemeniten bei 16 Jahren! Mit dem Sturz des Präsidenten Ben Ali in Tunesien und mit den Vorgängen seit dem 25. Januar in Ägypten ist die Kraft dieser arabischen Jugend ans Licht getreten. Neue, noch ungeformte Kräfte suchen nach Verwirklichung. In Ägypten ist eine hoffnungsvolle Neugestaltung im Gange, bisher scheint die Jugend mit den alten Generalen der Übergangsregierung gut zusammenzuarbeiten. In Libyen, im Jemen, in Bahrein in den letzten Wochen auch in Syrien und Saudiarabien ist die Gärung nicht mehr aufzuhalten. Im Gazastreifen demonstriert die Jugend nicht gegen die Regierung, sondern für die Einigung der beiden verfeindeten Bruderregierungen. Das sind neue Töne, und sie zeigern Wirkung.

Verschläft Europa die Wende?

Europa, und nicht zuletzt Deutschland hat jahrzehntelang über wirtschaftlichen Erwägungen die „Abendländischen Werte“ vergessen. Dass Europa dem Psychopathen Gaddafi nicht schon viel früher energisch Einhalt gebieten wollte, sondern mit ihm sogar eng kooperierte, war für viele Menschen dort eine herbe Enttäuschung. Die militärische Enthaltung Deutschlands beim Volksaufstand der Libyer hätte ein hoffnungsvolles Zeichen der Besinnung sein können, wäre sie von einem sofortigen großzügigen Angebot der Bildungs- und Sozialhilfe begleitet gewesen. Deutschland genießt in den arabischen Ländern hohes Ansehen ≤– wenn es auf Daimler, die Schwarzwälder Präzisionswaffenfabrik Heckler und Koch oder Ähnliches fokussiert bleibt, ist die Zukunft düster; wir sollten alles tun, um dort der Jugend neue Perspektiven zu eröffnen. Der Bildungshunger der arabischen Jugend ist ein immenses Kapital, auf das der „Arab Human Development Report“ der UNO schon vor Jahren hingewiesen hat. Despoten haben aber wenig Interesse an freiheitlicher Menschenbildung. Nun beginnt ein Aufbruch, bei dem alles offen ist. Und Europa ist im Begriff, eine einmalige Chance ungenutzt vorübergehen zu lassen. Leider ist durch den wirtschaftlichen Einbruch in Ägypten auch die Sekem-Initiative in Mitleidenschaft gezogen, so dass die Sozialeinrichtungen – Schule, Berufsbildung, Heilpädagogik usw. – gefährdet sind und dringend finanzielle Hilfe brauchen. Hier kann konkret etwas getan werden.

Text und Foto Bruno Sandkühler

Quelle: Das Goetheanum. Wochenschrift für Anthroposophie Nr. 13/11 - aktualisierte Fassung

vom 6.5.11