Vertrauen, Zuversicht und Lebensmut

Der Jahreslauf geht auf seinen Höhepunkt zu. Lichtentfaltung und Wärmeentwicklung erreichen einen Höhepunkt für den nördlichen Erdbereich. Seelenentwicklung und Bewusstseinsentfaltung dehnen sich sphärenhaft bis zu einem Umschlagspunkt traumhaften Ahnens und schlafender Identifikation. Urgründe des Menschseins werden fühlbar, Gewissensregungen dem sich moralisch öffnenden Gemüt erahnbar. Das ergibt sich aus einem dem Umkreis sich öffnenden seelisch-geistigen Schauen.

Wendet sich das Blicken auf die alltäglichen Vorgänge, findet es sich einer fortwährend gesteigerten Informationsflut ausgesetzt, die es in jäher Augenblicklichkeit über Ereignisse und Vorgänge auf dem Laufenden halten will. Jedenfalls hält sie den Betrachter am Laufen denn er ist einem Geschehen ohne Unterbruch und Pausen ausgesetzt. Was sich so als Informationsgesellschaft versteht, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als selbstlaufender Aufklärungsbetrieb ohne Maß und Anliegen.

Meldungen werden lanciert und nach kurzer Zeit fallen gelassen, Gesichtspunkte vertreten und je nach Stimmungslage flugs vom Gegenteil ersetzt. Was vermeldet wird, heischt dramatisch nach Aufmerk- samkeit: Bild, Ton und Gegenstand der Meldungen versuchen durch Effekthascherei den Blick des Publikums einzufangen.

Doch Information ohne Sinn, Darstellung ohne Maß und Bewusstsein ohne Kontinuität können menschliche Aufklärung nicht leisten. Die Folge sind statt Aufhellung, Wachstum und Anregung, wie sie wahre Aufklärung leisten will Angst, Skepsis und Verzweiflung.

Die Katastrophe von Fukushima ist da trotz steigenden Gefährdungspotentials längst in die abgelege- nen Winkel der Berichterstattung verschwunden, die in Deutschland durch eine hell fühlende Bevölke- rung zustande gekommene Bewusstseinswende mit allen Konsequenzen wird durch Nachrichten über ein Klein-Klein-Gezerre des wirtschaftlichen Egoismus und Schielen nach Wählerstimmen verdunkelt.

Die Darstellung der jüngsten Ernährungskrise wird auf die Schnitzeljagd nach einem rätselhaften Er- reger reduziert, obgleich es in Wirklichkeit um die Gesundheit von Böden und Pflanzenkulturen geht, um ein ganzheitliches Verständnis von natur- und menschengemäßem Landbau, um den ätherischen Haushalt unserer Lebenswelt.

Editorial

Die angeblich so glänzend überwundene Weltwirtschaftskrise wird als Bankrott ganzer Staaten neu inszeniert und zur Sanierung dem Steuerzahler tragen.

Was wäre die Sinnhaftigkeit einer Aufklärung in dieser Zeit der Katastrophen? Zum einen sicher ein Aufnehmen des Zeitgeschehens mit Maß. Das betrifft eine Weltverbindung, die sich nach Umfang, Anzahl und Inhalt das vornimmt, was sie verarbeiten, begleiten und bewältigen kann.

Der zentrale Aspekt der Sinnhaftigkeit kann jedoch nur der Mensch selbst sein. Begreift er seine Stel- lung im Weltgeschehen? Versteht er durch Reflektion und Handlungskonsequenz sein Wirken in Initi- ative, Anteilnahme und Verantwortung zum Wohle von Schöpfung und Menschheit zu entfalten?

Der Mensch als Zentrum und Umkreiswirklichkeit der Entwicklung kann heute seine Aufgabe selbst erkennen und bestimmen. Der Entwicklung not tut die Ausbildung von Vertrauen, Zuversicht und Lebensmut. Als moralischer Appell wäre das illusionär. Als vom Ich bestimmte Initiative hat es die Chance, Wirklichkeit zu werden. Eine Wirklichkeit, die ich-geboren und ich-bestimmt ist. Sie entsteht im Umkreis der Begegnung von Mensch zu Mensch. Dadurch ist sie konkret, Maß gebend und Maß haltend.

Abstrakt aufgefasst kann dieses Prinzip ins quantitativ Uferlose abrutschen. Konkret gefasst betrifft es die jeweils überschaubaren und überschauten Verhältnisse von Mensch zu Mensch. Dort liegt die reale Chance zu Vertrauen, Zuversicht und Lebensmut. Die Wirklichkeit, die sich in diesem Licht-, Wärme- und Umkreisgeschehen realisieren lässt, heißt Anthroposophische Gesellschaft, eine Vergesellschaf- tung des Menschen um des Mensch-Werdens willen.

Hartwig Schiller/Agid Aktuell

Die falsche Furcht vor dem Spirituellen

„Die Menschen fürchten sich vor dem Spirituellen, wenn es in reiner, kosmischer Form auftritt, weil sie glauben: In bezug auf meine Gedanken bin ich schon ein genügend kalter Kerl; nehme ich nun noch die Weltgedanken in mir auf, dann werde ich völlig ledern. - Es ist aber das Umgekehrte der Fall. Man wird durch das Spirituelle ebenso innerlich warm, ebenso innerlich enthusiasmiert - aber eben in einer rein geistigen Form -, wie man enthusiasmiert wird von den Trieben, von den Begier- den, von dem Animalischen, das aus dem Organismus in das Gedankenhafte heraufstrahlt.“

Rudolf Steiner